'Ein Nebel voll Verzweiflung liegt in diesem Gebäude, durchdringt alles Leben und lastet auf Seelen, die nie mehr zur Ruhe kommen können.'
Das Gebäude ist Block 10 im Stammlager Auschwitz. Hier werden Frauen unterschiedlichen medizinischen Experimenten ausgesetzt. Nicht nur Mengele hat Auschwitz genutzt, um Menschenversuche durchzuführen, sondern noch eine ganze Reihe anderer Ärzte. Ärzte, die ständig sowohl gegen ihren Hippokratischen Eid, als auch gegen die Menschenrechte verstoßen. Ärzte, die Frauen krank machen, statt sie zu heilen. Ärzte, die es nicht kümmert, dass die Frauen bleibende Schäden erleiden oder sterben. Ärzte, für die Frauen nur Versuchskaninchen sind, keine Menschen.
Hans-Joachim Lang beschreibt detailreich und gründlich recherchiert die Situation der Frauen in Block 10, die Experimente, ihren Alltag und ihre Widerstandskraft. Das Buch ist so lebendig geschrieben, das es mir manchmal schwer fiel, weiter zu lesen, so plastisch stand mir das Leiden der Frauen vor den Augen.
Die Bandbreite der Versuche und medizinischen Eingriffe war groß. Skurrile Vorlieben wie die Skelettsammlung des Anatomieprofessors August Hart kamen ebenso vor, wie das knallharte bevölkerungspolitische Interesse an effektiven Methoden zur Massensterilisation.
Bestrahlungen mit Röntgenstrahlen, willkürlich herbeigeführte lebensgefährliche Infektionen, giftige Einspritzungen in die Gebärmutter zur Sterilisation und die Entnahme zu großer Blutmengen führten zu heftigsten Schmerzen und zu Todesfällen bei den Frauen.
Skurril ist, dass Frauen zu exzessiven Blutspenden gezwungen wurden, um Blutkonserven für verwundete Soldaten herzustellen. Jüdisches Blut in arischen Adern! Man könnte lachen über diese Unlogik, wenn es für die Frauen nicht so ernste Folgen gehabt hätte.
Schockierend war für mich die Erkenntnis, dass ich persönlich von den Experimenten profitiert habe. In Block 10 wurde nämlich auch an der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs geforscht. Die daraus resultierende Vorsorgeuntersuchung hat durch die rechtzeitige Diagnose der Erkrankung mein Leben gerettet.
Als ebenso schockierend empfinde ich die Tatsache, dass fast alle Auschwitz-Ärzte nach dem Krieg ungehindert wieder in ihrem Beruf arbeiten konnten. Im Gegensatz zu den betroffenen Frauen hatten sie keine Einschränkungen in ihrer Arbeitsfähigkeit und in ihren Verdienstmöglichkeiten zu ertragen.
Die betroffenen Frauen dagegen, die unter lebenslangen Gesundheitsproblemen leiden und nur bedingt arbeitsfähig sind, haben Probleme, für das, was ihnen angetan wurde, entschädigt zu werden. Das am Ende des Buches beschriebene Verhalten der Bundesrepublik in der Frage der Entschädigungen ist schlicht und ergreifend skandalös.
Dass bei aller Liebe zum wissenschaftlichen Detail für Hans-Joachim Lang die Frauen im Mittelpunkt der Beschreibung stehen, ist für mich die größte Stärke dieses lesenswerten Buches.