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Männer spielen in Assia Djebars Erzählungen über Frauen in der sich verändernden algerischen Gesellschaft der kolonialen und nachkolonialen Epoche nur eine nachgeordnete und dann meist unvorteilhafte Rolle. Dennoch: das Buch, das mehr ist als nur eine Sammlung von Geschichten, ist Orientierung für Frauen und Männer, nicht nur im islamischen, nordafrikanischen, arabischen Raum, auch in Europa. Dabei schreibt die Autorin - neben der Marokkanerin Fatima Mernissi und der Ägypterin Nawal Al Saadawy eine der großen Frauen der Gegenwartsliteratur im nördlichen Afrika - Befreiung aus Repression und Entmündigung: ein Prozess, den Lesende miterleben. Ein Prozess, der jedoch einfache Antworten nicht zuläßt, der nicht zum glücklichen Ende oder etwa einer von außen vorgezeichneten Lösung führt wie so oft in naiv geschriebener sozialkritischer Literatur.
Djebar sieht von außen, schreibt im Französisch der Kolonialherren, aber bleibt ganz nahe an den Szenen, den Momenten der Auflehnung, des Infragestellens, des Zweifels. Der Titel des Buches und der Djebars selbst-bewußtes Nachdenken zusammenfassende Essay sind motiviert durch ein Gemälde des französischen Malers Delacroix, der algerischen Frauen kurz nach der Kolonisierung des Landes begegnet. Das daraus entstandene Gemälde schärft auch Djebars Blick auf die Realität der Frauen Algeriens, der sich erst in Picassos berühmten Gemälden algerischer Frauen eine befreiende Vision hinzufügt.
Assia Djebar beschreibt die Verhüllung der Frauen in ihrem Gemach, durch den Schleier, durch die Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben. Immer wieder sind in ihren Geschichten Frauen die Augen verbunden, sie sehen nicht: „Löcher anstelle von Augen", „trübe Augen". Sie sollen nicht gesehen werden. Ihre Körperlichkeit ist ihnen genommen wie auch ihre Stimme: „abgerissener Ton", Grundmuster.
Aber „diesmal lag der Schleier ... wie eine tote Haut auf der Erde". Assia Djebar ist weit davon entfernt, westliche Vorurteile der unterdrückten muslimischen Frau zu bedienen. Die Situation von Frauen sieht sie historisch, entstehend aus der Verbindung patriarchaler Tradition mit kolonialer Unterdrückung, der Geschichte des Unabhängigkeitskrieges mit der Desillusionierung der nationalen Befreiung. Djebars Gesellschaftsbild ist nicht statisch. Es ist geradezu auf der Höhe einer Zeit, in der die „Globalisierung der Frau" von der indischen Feministin Vandana Shiva beschrieben und kritisiert wird. Dabei sind die ersten Erzählungen noch vor der Unabhängigkeit Algeriens entstanden, die letzten lange danach. Sie drücken Dynamik aus, Willen zur Veränderung, eine Kraft, die Hoffnung auf Befreiung gibt. Es gebe kein Exil, nur Prüfungen, heißt es an einer Stelle.
Hagen Berndt, 8.1.2002
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