Die meisten literarischen Werke afrikanischer Autoren, welche in deutscher Sprache erscheinen, sind angepasst an die hier geltenden und von der Literaturkritik fast zwingend vorgeschriebenen Formen, also in der "Zopfdramaturgie" abgefasst, die leidlich bekannt ist auch durch diese täglichen Soapoperas in den Nachmittagsprogrammen der verschiedenen Fernsehanstalten: Verschiedene Handlungsstränge werden mehr oder weniger zwanghaft zunächst mit nur schwer erkennbarem Sinnzusammenhang dargestellt und verwinden sich gegen Ende zu einem Zopf, der das alles klären soll.
Diese afrikanischer Kultur und Mentalität fremde Darstellungsweise (übrigens ebenso das "Reim-Dich-Oder-Ich-Fress-Dich"-System für Poesie) ist von dem in Angola geborenen, aber meist in Europa lebenden weißen Schriftsteller Josè Eduardo Agualusa verlassen worden in seinem nun in Deutsch verlegten Roman "Die Frauen meines Vaters". Er vermischt die Erzählung der weiblichem Romanfigur Laurentina, die Spuren ihres Vaters, des der Vielweiberei frömmelnden Musikers Faustino Manos, sucht und findet, um darüber einen Dokumentarfilm zu drehen, mit der Beschreibung der tatsächlichen Reise des Autors mit einer Dokumentarfilmerin. Das verwirrt den Leser, weil Agualusa die Ich-Form sowohl für sich als auch die fiktive Figur Laurentina verwendet. Das Ich berichtet in einer Passage über erotische Erlebnisse einer Frau, in der nächsten über die eines Mannes... Der Autor verlangt viel vom Leser und zwingt zum Zurückblättern und Zweitlesen, um dem Geschriebenen folgen zu können.
Dennoch ist die gewählte Form spannend, erfrischend und für den deutschen Buchmarkt (leider) ungewöhnlich. Der Text wird gemengt mit realen Zitaten aus Berichten, Briefen, Dokumenten. Die kleinen Passagen zwingen dazu, sich Zeit zu nehmen.
Agualusa sagt von sich, er benutze nicht die Sprache der alten Kolonisten, die sein Geburtsland unterjocht hatten. Das trifft eigentlich nicht zu, weil er seine Bücher auf Portgugiesisch schreibt und eben keine der angestammten Sprachen Portugals benutzt. Das trifft aber zu auf die Art, wie er die Kolonialsprache als Werkzeug einsetzt und gilt für den Inhalt.
Der Verlag übertreibt im Klappentext zu dem Roman allerdings gewaltig mit der Behauptung, sein Autor entfalte "ein Panorama des südlichen Afrika, seiner kolonialen Vergangenheit und seiner kulturellen und gesellschaftlichen Gegenwart". Um nur einen Beleg dafür zu nennen: Die kurzen Passagen, welche in Namibia spielen, klammern die deutsche Unterdrückung in diesem Staat vollkommen aus.
Ein wichtiges und (etwas schwer) lesenswertes Buch ist der Titel allemal, weil der Mainstream der Form verlassen wird. Das erfrischt und unterhält in sehr anspruchsvoller Weise. Dennoch warten wir immer noch auf mehr afrikanische Autoren, die wirklich in Afrika leben und über die realen Verhältnisse in afrikanischer Weise erzählen. Das können nur Schwarze.