Aus der Amazon.de-Redaktion
In Die Frauen stürzt der US-amerikanische Autor T.C. Boyle, der in Santa Barbara gemeinsam mit seiner Frau und seinen drei Kindern selbst ein Wright-Haus bewohnt, ein weiteres Mal eine Ikone der US-Kulturgeschichte vom Sockel. In Dr. Sex hatte es den als voyeuristisch und paranoid geschilderten Sexualforscher Alfred Kinsey getroffen, in Willkommen in Welville wurde der Gesundheits- und Zerealienfanatiker John Harvey Kellogg (einem Miterfinder der Cornflakes) aufs Korn genommen.
In Die Frauen wird Wrights Leben aus der Sicht Tadashi Sato geschildert, vor allem aber aus der Perspektive jener drei Ehefrauen, die im Leben des Architekten eine herausragende Rolle spielten. Dabei nähert sich Boyle seinem Opfer und dessen skurrilen Eigenheiten einmal mehr durchaus mit Sympathie, zeichnet den emotionalen Bogen beim Leser über Verwunderung bis hin zu strikter Ablehnung: dem genialen Schachzug geschuldet, dass ja auch die Frauen Wright mit Liebe, aber auch Hass gegenüber gestanden haben.
Seit jeher gilt Boyle als Enfant terrible und Punk-Autor des Literaturbetriebs. Dabei schreibt er eine gemessene, geschliffene, fast schon klassische Prosa, die in ihrer Architektur – zumindest in der großartigen Übersetzung durch Kathrin Razum und Dirk van Gunsteren – in vielen Aspekten an die Texte Thomas Manns erinnert. Die Frauen ist da nicht anders. Großartige Literatur, unterhaltsam auf höchstem Niveau. -- Stefan Kellerer
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Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
In dem Tag im Herbst 1924, als er bei einer Ballettvorstellung in Chicago Olga Lazovich Milanoff Hinzenberg kennenlernte, war Frank Lloyd Wright* optimistisch gestimmt, geradezu vergnügt. Mag sein, dass es an jenem Tag regnete – doch, es regnete, das graue Gestrichelverwandelte die nähere Umgebung in ein pointillistisches Gemälde, gebeugte Gestalten stapften unter dem Schutz ihrer Regenschirme die Straße entlang, Graupelschauer waren angekündigt, gefolgt von Schnee –, doch seine Stimmung war durch nichts zu trüben. Er hatte sich immer als ein heiteres Gemüt betrachtet, sonnig und übersprudelnd, als einen jener seltenen Menschen, die die Stimmung eines ganzen Raums verändern können, indem sie einfach nur zur Tür hereintreten, doch die Gefühlswirren der letzten zwei Jahre – jedenfalls seit seiner Rückkehr aus Japan – hatten ihn zermürbt. Das Problem, oder vielmehr dessen Gipfel und Krönung, war natürlichMiriam. Hinzu kamen Geldnöte. Zu wenige Aufträge, hasenherzige Kunden und die tief verwurzelte Ignoranz (und Feigheit, auch Feigheit) seiner Landsleute angesichts der Fauvisten, Futuristen, Dadaisten, Kubisten und all der anderen -isten und -ismen, Duchamp, Braque und Picasso sowie, noch schlimmer, des soi-disant Internationalen Stils von Le Corbusier, Gropius, Meyer, Mies – all dieser neuen Bewegungen, durch die er sich veraltet und bedrängt fühlte. Das alles machte die Sache nicht besser. Während er im Fernen Osten gewesenwar, waren die Europäer in Amerika eingefallen.
Doch es ging bergauf. Miriam war fort, seit Mai, mochte er auch, jedesmal wenn er über einer Zeichnung oder einem Buch die Augen schloss, ihr Gesicht sehen, das tragische, das sie wie eine Maske trug:
Es erschien vor seinem inneren Auge, um sich schließlich in einem Wirbel dunkelvioletter Flecken aufzulösen. Trotzdem, sie war fort, und in Taliesin herrschte wieder Frieden. Zur Zeit wohnten drei junge Paare dort – die Neutras, die Tsuchiuras und die Mosers –, und es gab Musikabende, Kameradschaft, die Beschaulichkeit vorm Kamin. Und nun war er geschäftlich wieder hier in Chicago, stampfte sich im Theaterfoyer den Regen von Hut und Mantel, reif für ein bisschen Unterhaltung.
Ein Freund* hatte ihn gefragt, ob er Lust habe, am Nachmittag die Vorstellung der Karsavina zu besuchen, die Auszüge aus »Dornröschen«, »Die schlecht behütete Tochter« und »Les Sylphides« darbot, und er hatte die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, mochte die Primaballerina ihre besten Zeiten auch längst hinter sich haben und ihre überirdische Schönheit nur noch ein Schatten dessen sein, was sie einst gewesen war. Er wollte gesehen werden, und sei es nur, um ein paar Fusseln von der mottenzerfressenen Decke der Gerüchte und blanken Lügen abzuschütteln, die die Klatschmäuler über ihm ausgebreitet hatten – er würde am Ersten des Jahres hier wieder ein Büro eröffnen und musste Präsenz zeigen. Na schön. Draußen regnete es, die Tür öffnete und schloss sich, ließ einen Hauch des sich ankündigenden Winters herein, im Foyer herrschte Gedränge: Männer in modischer Aufmachung oder in dem Anzug, den sie in der Kirche getragen hatten, in Perlen und Pelze gehüllte Frauen, deren Stimmen zwitschernd und tirilierend aufstiegen wie der Gesang der Vögel im Aviarium des Lincoln Park Zoo. Ging man ihm aus dem Weg? War das nicht –?
Doch. Olivia Westphal, die er einst in seinem ersten Wagen um den Oak Park herum spazierengefahren hatte (das spezialgefertigte Stoddard-Dayton Sportkabrio, das auf der Geraden 90 Stundenkilometer schaffte, ein Auto, von dem er noch heute in den Momenten kurz vor dem Aufwachen träumte, der »Gelbe Teufel«, vor dem sich die Leute auf den Gehweg retteten und der ihm den ersten Strafzettel wegen Geschwindigkeitsüberschreitung eingebracht hatte, der jemals auf diesen verschlafenen, von Pferdefuhrwerken befahrenen Straßen ausgestellt worden war, weil er auf einen Bauauftrag von ihr und ihrem neuen Ehemann hoffte (und schon damals war sie ihm in den Rücken gefallen, denn sie entschied sich, Patton und Fisher einen völlig überladenen Kasten für sie bauen zu lassen, so fade wie eine Portion Kellogg’s Cornflakes, die man über Nacht hat stehenlassen. Auf der Küchentheke. In einer Lache sauer gewordener Milch). Und was hatten die Jahre aus ihr gemacht – sie war jetzt eine richtige Matrone, hatte an Gesicht und Oberarmen Fett angesetzt, und ihre massige, gedrungene Figur ließ ihre einst so reizvollen Kurven kaum mehr ahnen. Sie schaute ihm direkt in die Augen – erkannte ihn, das sah er – und schaute wieder weg.
Wie er sich daraufhin fühlte? Kämpferisch. Wütend. Angewidert. Sollten sie ihn doch ignorieren, diese Tugendwächterinnen und die schüchternen kleinen Nager, mit denen sie verheiratet waren, zu ängstlich, um je aus dem Glied zu treten, zu leben, die große Geste zu wagen, irgendeine Geste … doch jetzt hatte ihn sein Begleiter* am Arm gefasst und führte ihn zu einer Gruppe Männer mitten im Geschehen – war das Robert? Oscar? –, und er spürte, wie ihm die Brust schwoll, bis er kurz davor war, seinen Stock Pirouetten drehen zu lassen. Was er nicht bemerkte – und sein Begleiter ebensowenig –, war die große, dunkelhaarige junge Frau mit dem ernsten Gesicht, die zur Tür hereinschlüpfte, in der einen behandschuhten Hand die Eintrittskarte, in der anderen ihre Abendtasche. Sie hingegen bemerkte ihn, als sie von einer Ecke des Foyers aus den Blick über die Menge schweifen ließ – durchaus gewillt, gesehen zu werden, doch zugleich auf Anonymität bedacht, ohne Begleitung auf einer Matinee, von ihrem Mann getrennt und ungebunden, eine Anhängerin des Tanzes und dessen, was die Karsavina einst verkörpert hatte, eine alleinstehende Frau, die an einem regnerischen Nachmittag ausging. Olgivanna sah dieselben Hüte, Schultern, Pelze und geschwätzigen Münder, die auch er gesehen hatte, ein Kotillon, eine Hackordnung, die Gesellschaft in all ihren Facetten, und dann war plötzlich er da, und ihre Augen hefteten sich auf ihn.
Das erste, was sie spürte, war die prickelnde Erregung, die sich einstellt, wenn man in der Öffentlichkeit ein berühmtes Gesicht entdeckt, ein Erbeben des ganzes Nervensystems, begleitet von einer gewissen Genugtuung, als hätte sie infolge eines Geistesblitzes die Lösung eines Rätsels gefunden. Sodann überkam sie das Gefühl, unbedingt mit ihm reden zu müssen – ein so unwiderstehlicher Drang, dass sie fast durch die Menge zu ihm gestürmt wäre, obwohl sie hier doch eine Fremde war, ohne Begleitung und niemandem vorgestellt, doch sie unterdrückte den Impuls aus Scheu und einem Schwindelgefühl, das an Panik grenzte: Was sollte sie zu ihm sagen? Wie sollte sie das Eis brechen? Ihn auch nur dazu bringen, sie anzusehen? Und schließlich meldete sich, stärker als die beiden anderen Wahrnehmungen, der in hormonelle Aufwallung gewandete Gedanke, dass er sie auf einer sehr tiefgehenden, unergründlichen Ebene erkennen würde, als wäre es ihnen vorbestimmt, als wären sie wiedergeborene Liebende aus dem Mahabharata oder einem Roman von Rice Bur-roughs – ja mehr noch: dass er sie in Besitz nehmen, sie bändigen würde in einer wilden Mischung aus Macht und Unterwerfung.*
Frank** bemerkte nichts. Er stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, renommierte und paradierte vor der kleinen Gruppe, die sich um ihn versammelt hatte, vor alten Freunden und frisch gewonnenen Bekannten, scherzte, lachte, gab eine Geschichte nach der anderen zum besten und machte seine trockenen Bemerkungen über dieses oder jenes Paar – sollten sie doch gaffen, nur zu, nur zu –, doch da ertönte das Läuten, Albert nahm ihn beim Arm, und sie begaben sich zu einer der vorderen Reihen. Zufällig schob sich Albert als erster hinein und setzte sich auf den mittleren von drei leeren Plätzen, Frank ließ sich zu seiner Rechten nieder. Die Lichter verlöschten. Im Orchestergraben stand der...