Mit seinem Roman "Die Frauen" widmet sich T.C. Boyle dem Leben des US-amerikanischen Star-Architekten Frank Lloyd Wright (1867 - 1959) im Zeitraum von 1909 bis zu Beginn des 2. Weltkriegs.
Wright war nicht nur ein begnadeter Architekt, sondern auch eine Person des öffentlichen Lebens, die sich aufgrund ihres "unmoralischen Lebenswandels" immer wieder in die Schlagzeilen brachte. Als "unmoralisch" ist zu verstehen, dass Wright dreimal verheiratet war und auch während seiner Ehen Beziehungen zu anderen Frauen unterhielt.
T.C. Boyle schildert in seinem Roman drei dieser Beziehungen/Ehen, wobei es jeweils darum geht, wie sie entstehen, wie die Reaktion der jeweiligen (noch-)Ehefrau ist, wie die Presse (und die öffentliche Meinung) darauf reagiert, wie sie sich entwickeln und wie sie enden.
Was mir an "Die Frauen" gefällt:
* Die Erzählperspektive.
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines (fiktiven) japanischen Architekten, der in den dreißiger Jahren mehrere Jahre als Schüler bei Wright lebte, lernte und arbeitete und trotz der vielen charakterlichen Schwächen Wrights auch im hohen Alter noch loyal gegenüber seinem ehemaligen Meister ist.
* Die gut durchdachte Struktur.
Der Roman ist klar in drei Teile gegliedert. Jeder Teil widmet sich einer "Beziehung", wobei chronologisch rückwärts erzählt wird. Begonnen wird also mit der dritten Ehefrau, der montenegrinischen Olga und dem Drama der Scheidung von der zweiten Ehefrau Miriam, einer morphiumsüchtigen Psychopatin. Im zweiten Teil wird geschildert, wie Wright eben diese Miriam kennen lernt und wie sich die Beziehung entwickelt. Der letzte Teil beginnt mit der Trennung von seiner ersten Ehefrau Kitty, die er nach zwanzig Ehejahren und sechs gemeinsamen Kindern verlässt, um "in wilder Ehe" mit seiner Geliebten Mamah zusammenzuleben, bis diese auf äußerst tragische Weise ihren Tod findet.
Jeder dieser Teile hat eine Einleitung, in der gewissermaßen als Rahmenhandlung der japanische Architekt seine eigene Zeit gemeinsam mit Wright erzählt. Diese Gliederung empfinde ich als sehr gekonnt und gut gelungen.
* Die Darstellung des prüden Amerikas zu Beginn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Obwohl es damals weder Fernsehen, noch Internet gab, brachte es Wright immer wieder zu Schlagzeilen - allein weil er es als "Promi" wagte, mit anderen Frauen als seinen jeweiligen Ehefrauen zusammenzuleben.
Was mir an "Die Frauen" nicht gefällt:
* Die unsympathischen Charaktere.
Star-Architekt Wright wird als eitler, von sich selbst vollkommen eingenommener Mensch, der ständig über seine Verhältnisse lebt und selten seine Schulden zurückzahlt, dargestellt. Er kann gut reden und sich selbst darstellen, ist aber ein Ausbeuter mit bigotten Moralvorstellungen. Auch seine Frauen bleiben mir letztlich unsympathisch. Die erste ist eine Zicke, weil sie nicht in die Scheidung einwilligt. Die zweite lässt ihre beiden Kinder in einer "Nacht-und-Nebel-Aktion" zurück, nur um mit ihrem geliebten Architekten zu leben. Die dritte ist einfach nur unmöglich und die vierte vollkommen farblos.
* Die fehlende Identifikation mit den Protagonisten.
Ein ganz wichtiges Kriterium für einen guten Roman ist aus meiner Sicht, dass ich mich in die Figuren hineinversetzen und somit ihr Denken und Handeln nachvollziehen kann. Das ist bei "Die Frauen" weitestgehend nicht der Fall. Nur der neu eingestellte Butler, der das Massaker, bei dem auch die Geliebte Mamah umkommt, verursacht, ist wirklich gut dargestellt.
* Flacher Spannungsbogen.
Dieser ergibt sich fast zwangsläufig aus den unsympathischen Protagonisten, in die ich mich nicht hineinversetzen kann. Denn wenn mich Menschen nicht interessieren, lassen mich auch deren Geschichten eher kalt. Aufgrund der gelungen Struktur und auch der spöttischen Erzählweise gelingt es T.C. Boyle dennoch, seinen Roman so interessant zu gestalten, dass die Spannung, gerade im dritten Teil, deutlich steigt und in einem echten Show-down gipfelt.
Fazit: "Die Frauen" ist ein interessanter, ordentlich gemachter Roman, bei dem der Funke für mich jedoch nicht übergesprungen ist.
Die Frauen