Die Themen in diesem Buch sind so vielfältig, dass ich glaube, fast jeder Leser wird etwas von sich selbst darin wiedererkennen. Liebe und Ehe, Geburt und Erziehung von Kindern, Freundschaft, Religion, Politik, seelische Entwicklung, die Diskrepanz zwischen verschiedenen Generationen und Kulturen während der 30er und 40er Jahre...
Zentral die Figur der Familienmutter Ailien (Madame Wu), die nach vierundzwanzig Jahren Ehe beschließt, ihrem Gatten eine zweite Frau zu geben, damit sie endlich frei sein und Zeit für sich selbst haben kann. Sie verlässt ihre Heimatstadt zwar nie, lernt aber, in ihren Gedanken und mit ihrer Seele um die Welt zu reisen. Ihr Lehrer dabei ist Bruder André, ein europäischer Priester, der die Weisheit und Abgeklärtheit besitzt, nach denen sie sich so sehnt. Wunderschön die Beschreibung des Hauses und der Lebensart einer vornehmen chinesischen Familie; auffallend schön und zum Nachdenken anregend auch die Weisheit, die aus ihren Gesprächen mit dem Priester spricht, und aus Ailiens Dialogen mit ihren Schwiegertöchtern, besonders der zweitältesten, Rulan.
Als negativ muss ich bei aller Liebe zu diesem Buch leider zwei Punke erwähnen: Bucks offensichtliche - auch in anderen Büchern auffällige - Abneigung gegen oberflächliche Menschen, die sich gern vergnügen anstatt zu arbeiten, hier veranschaulicht an ihrer Schwiegertochter Linyi; zweitens die allzu rasche Bereitwilligkeit, einen Handlungsstrang zu beenden - die Autorin greift ein paar Mal zu leicht unglaubwürdigen Geschehnissen, um hinter die Schicksale bestimmter Personen quasi einen Punkt zu setzen, z.B. bei Madame Wu's zweitem Sohn Tsemo oder der Konkubine, Chiu'ming.
Ich habe mehrmals gelesen, wie dieses Buch als Trivialliteratur, als oberflächlich oder sogar als pessimistisch beschrieben wurde, und mich gefragt, ob ich wohl das gleiche Buch gelesen hatte. :-) Während z.B. Bucks Die gute Erde" fast zu realistisch war - obwohl es sicher ihr Meisterwerk ist und den Nobelpreis zu recht bekommen hat - ist es frei von jeglichem Idealismus, abgesehen von der Liebe des Hauptdarstellers, eines Bauern, zur Erde. Ganz anders ist Die Frauen des Hauses Wu" inspiriert von der Entdeckung der eigenen, tieferen Gefühle. Als Ailien nach dessen Tod begreift, dass sie Bruder André liebte, entdeckt sie, dass das Gefühl, für das sie immer so wenig Verständnis hatte, der Mittelpunkt ihrer Seele ist, die Grundlage für das Leben, die Schöpfung, für sie selbst. Ailien lernt endlich, sich selbst und ihre Mitmenschen zu lieben, und findet zurück zu ihrer Familie, indem sie deren Mitglieder endlich als Individuen sieht und Verantwortung für sie fühlt, ohne sie kontrollieren zu wollen oder sich von ihren Bedürfnissen überlastet zu fühlen. Erst durch die Liebe wird sie, unerwartet, eine andere und entwickelt sich allmählich zu der wunderbaren Frau, die sie immer sein wollte.