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5.0 von 5 Sternen
Leidenschaft bis in den Tod, 19. Dezember 2008
Gibt es absolute und unvergängliche Liebe?
"Die Frau von nebenan" war Truffauts vorletzter Film vor seinem Tod an einem Hirntumor, meines Erachtens der letzte, bei dem er ganz er selbst war. Dieser Film ist das erschüttende Vermächtnis eines Lebens, das immer, von Kindestagen an, vergeblich nach Liebe gesucht und nie wirklich gefunden hat - das Vermächtnis von Truffauts Leben selbst. Wie jeder, der an Liebe nie, vor allem in der Kindheit nicht satt geworden ist, glaubt er an die absolute Liebe die über allem, auch über allen gesellschaftlichen und sogar moralischen Werten steht.
Dieser absoluten Liebe zwischen Mann und Frau hat er in diesem Film ein Denkmal gesetzt in Form eines wunderschönen, romantischen und herzzerreißenden Märchens, das mit der einzigen Möglichkeit endet, wie absolute Liebe ewig werden kann: im Tod, der verhindert daß der Alltag des Lebens diese Fiktion langsam durchlöchert und zerfrisst.
In den meisten Filmen Truffauts spielt das Thema Liebe und Tod - immer in dieser Kombination - eine zentrale Rolle, in diesem schafft er es, seinem Lebenswerk einen Schlusspunkt zu setzen, der gleichzeitig ein absoluter Höhepunkt ist.
Bernard und Mathilde, die sich schon in der Jugend geliebt und sich in der hoffnungsvollen Leichtigkeit der jungen Jahre wieder verloren hatten, treffen sich viele Jahre später völlig zufällig als Nachbarn in einem französischen Provinznest wieder.
Beide sind inzwischen glücklich verheiratet, Bernard hat zwei kleine Kinder. Mathilde spielt hier die Eva, die Adam verführt und damit die Vertreibung aus dem Paradies lostritt, indem sie Bernard heimlich anruft und um eine Unterredung unter vier Augen bittet.
Es kommt wie es kommen muss: es beginnt eine lange Abwärtsspirale unterbrochen durch Versuche beider Protagonisten und deren Ehepartner, das Verhängnis zu stoppen.
Letztlich gelingt es nicht, am furiosen und einzigartigen, der immanenten Logik nach einzig möglichen Ende erschießt Mathilde am Höhepunkt der körperlichen Vereinigung Bernard unvorbereitet, danach sich selbst.
Wahrscheinlich ist es der schönste und intensivste Film über eine "amour fou" den es gibt, bei dem ganz stark - wie bei den anderen Filmen Truffauts - auffällt, daß die Frau immer die Starke und Lenkende ist, die bei allem was passiert, die Fäden zieht. Gnädig für Bernard, der im Moment des höchsten Glücks ahnungslos sterben darf, so daß der Gipfel des Glücks auf makabre Art ewig wird.
Moralische Maßstäbe darf man an diesen Film ebenso wenig wie an oftmals grausame Volksmärchen anlegen, sonst müsste man den Film verdammen. Er ist auch ein Märchen, dem Truffaut am Rande einen zweiten biographischen Nebenstrang entgegengestellt hat, die Geschichte von Madame Jouvet, die verkrüppelt ist, seitdem sie vor Liebeskummer sprang. Jahrzehnte später, als der damalige Geliebte, der sie lange gesucht und endlich ausfindig gemacht hat, anreist, ergreift sie gerade noch rechtzeitig die Flucht, um ihm nicht zu begegnen. Damit zeigt sie, wie viel ihr die Illusion der großen Liebe bedeutet, daß sie nicht bereit ist, diese von der grausam banalen Realität des körperlichen Verfalls in Gefahr bringen zu lassen.
Zwei Möglichkeiten, eine absolut empfundene Liebe vor dem Salzsäurebad der Realität zu bewahren. Möge er, Truffaut, sie nach seinem eigenen Tod endlich gefunden haben, in der Ewigkeit...
Dr. Peter Pommer
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