"Hier bin ich, Steinn." - "Solrun! Solrun! Du warst so schön." Nach mehr als dreißig Jahren waren sie sich wieder begegnet, die sich einst so stark und verrückt geliebt hatten. Und sie trafen genau dort aufeinander, wo ihre Liebe durch ein geheimnisvolles Ereignis urplötzlich zerstört wurde.
Nach Jahren der Totenstille bricht die längst verdrängte Geschichte wieder auf. Die beiden mailen einander wie besessen. Und schließlich füllen ihre E-Mails ein ganzes Buch. Und es ist ein bewegendes, ansprechendes Buch geworden, aus der bewährten Werkstatt Jostein Gaarders. Wie in seinen anderen Büchern durchweht auch "Die Frau mit dem roten Tuch" philosophisches Nachdenken und Suchen. Es geht um existentielle Fragen des Bewusstseins, der Wirklichkeit, der wissenschaftlichen Erkenntnis, der Seele, des Zufalls oder der Fügung. Der Mann - typisch? - sieht das alles als Atheist mit Hang zum Zynismus. Und zu Calvados. Die Frau - typisch? - sieht alles aus der Sicht des Glaubens mit Hang zur Esoterik. Dabei hatten beide in ihrer verliebten Symbiose den selben weltanschaulichen Ausgangspunkt, einen sehr reizvollen im übrigen.
Gaarder bedient keine Stereotypien (außer vielleicht die Verteilung der jeweiligen Weltanschauung auf Mann und Frau). Der sonst so klare Denker und Skeptiker hat gleichsam mystische Erlebnisse, ohne sie religiös deuten zu wollen. Er kann auch selbstkritisch (und Nietzsche-kritisch) sagen: "In der heutigen Zeit will man uns hartnäckig weismachen, unser eigenes Ego sei der eigentliche Mittelpunkt des Universums. Aber ist das nicht eine anstrengende Lebensweise? Ich meine, ein Leben mit der Aussicht, dass der eigentliche Mittelpunkt des Universums nur noch einige wenige Jahre oder Jahrzehnte existieren wird?" Und dann träumt er, tief erschrocken, einen Traum, der ein dramatisches Gleichnis wird für diesen Egozentrismus des eigenen Bewusstseins. Oder er gesteht: "Es ist fast nicht zu glauben. Du hast wirklich Erlösung gefunden, die Rettung für deine verängstigte Seele ... Ich bin nahe daran, dich zu beneiden, denn ich stehe außerhalb deines Glaubens und friere." Auf der anderen Seite wertet sie, der die Seele so wichtig ist ("Atheismus bedeutet, nicht an die Herrlichkeit der eigenen Seele zu glauben."), an keiner Stelle die Leiblichkeit ab oder die Sexualität. Sie steht positiv zu Wissenschaft und Welt.
Gegensätze prallen also aufeinander, die nicht gegensätzlicher gedacht werden können. Und doch berührt immer wieder, wie Atheist und Gläubige miteinander in Beziehung treten und auch eins werden. Oder sich zumindest ehrlich respektieren.
Die Form des E-Mail-Wechsels ist raffiniert gewählt. Auch dass die beiden vereinbaren, jede Mail nach dem Lesen sofort zu löschen. Diese flüchtige Form macht das Buch unmittelbar und dynamisch. Sie erlaubt retardierende Momente, weil der Akku leer ist oder der jetzige Ehepartner ruft. Dass die besprochenen Ereignisse mehr als dreißig Jahre zurück liegen, gestattet dem Autor, vieles zu erzählen, was im zeitnahen E-Mail-Verkehr nicht erzählt werden müsste, weil es bekannt und vertraut wäre. Manchmal wirkt das ein wenig verzwungen, meist gelingt der Kunstgriff.
Stellenweise hätte ich fast die Geduld verloren, weil plötzlich so viel reflektiert und das tragische Geheimnis immer noch nicht aufgedeckt wurde. Andeutungen steigerten die Spannung. Ich wollte unbedingt weiter lesen. Und als das Geheimnis gelüftet war, drängte das Buch gleich weiter, denn es lag jetzt ein überraschender Schluss in der Luft. Und der kam auch, wirklich überraschend und wirklich noch einmal alles auf den entscheidenden Punkt bringend. Ich finde, das ist genial gemacht.
Aufgrund der fesselnden Anlage des Romans kann ich inhaltlich nicht deutlicher werden. Man muss schon selber lesen. Aber das Buch ist eine Herausforderung, sich zu positionieren. Wobei mein Eindruck ist, dass die Sympathie Gaarders bei der Frau liegt. Aber ob das wirklich so ist, das muss jeder Leser, jede Leserin selbst herausfinden.
Nebenbei ist das Buch auch ein weiterer Beitrag zu Krise und Chance der über 50-Jährigen, die gerade Konjunktur haben. Es sind die typischen Fragen dieser Generation.