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Die Frau mit dem Muttermal. Sonderausgabe. [Broschiert]

Håkan Nesser
3.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (28 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Zwei Männer sind tot. Auf ganz ähnliche, brutale Weise ums Leben gekommen. Doch welche Verbindung besteht zwischen beiden? Inspektor van Veeteren entdeckt eine heiße Spur, die in die Vergangenheit und zu einer schönen jungen Frau führt. Wird er die nächsten beiden Morde verhindern können?

Klappentext

Buch Zwei Männer sind tot. Auf brutale Weise ums Leben gekommen. Mit vier Schüssen niedergestreckt, zwei in die Brust und zwei in den Unterleib. Zweifellos handelt es sich um denselben Täter, aber ansonsten tappen Inspektor Van Veeteren und seine Leute im dunkeln. Die neue Freundin des Kollegen Reinhart meint, es müsse sich um eine Mörderin handeln, um eine in ihrer Ehre beleidigte Frau, das schließt sie aus den Schüssen in den Unterleib. Die Theorie klingt spannend, führt aber zunächst auch nicht weiter. Dann stellt sich heraus, daß die beiden Toten zusammen beim Militär waren und vor dreißig Jahren gemeinsam ihre Offiziersprüfung ablegten. Kann das eine Spur sein? Von den damals dreiunddreißig Offiziersanwärtern leben noch einunddreißig, fünf davon im Ausland. Die Befragungen verlaufen ergebnislos, doch zwei der Männer begreifen sehr wohl, daß auch sie gefährdet sind. Bald kommt auch Van Veeteren dahinter. Kann er die nächsten Morde verhindern? -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Über den Autor

Hakan Nesser, geboren 1950, ist einer der interessantesten und aufregendsten Kriminalautoren Schwedens. Dem deutschen Publikum ist er vor allem durch seine Reihe um Kommissar Van Veeteren bekannt, die bereits Millionen Fans hat. "Kim Novak badete nie im See von Genezareth" gilt inzwischen als Klassiker in Schweden, das Buch wird als Schullektüre eingesetzt, und es hat seinen Ruf als "absoluter Meister des Stils" (Göteborgs Posten) nachhaltig begründet.

Auszug aus Die Frau mit dem Muttermal von Hakan Nesser, Christel Hildebrandt. Copyright © 1998. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

23. Dezember - l4. Januar

Sie fror.
Der Tag hatte zwar ganz vielversprechend mit sanftem Schneefall begonnen, aber seit der Mittagszeit hatte der starke Wind vom Meer den Niederschlag in einen peitschenden Regen verwandelt. Er ging durch Mark und Bein, ließ die Ladenbesitzer unten im Hafen eine Stunde früher als üblich schließen, und in Zimmermanns Kneipe wurden dreimal so viele Grogs serviert wie an einem normalen Dezembertag.
Der Friedhof lag obendrein nach Südwesten hin. An einem leicht hügeligen, baumlosen Abhang, Wind und Wetter vollkommen ausgeliefert. Als die kleine Gruppe endlich das frisch ausgehobene, lehmige Grab erreichte, gingen der Frau sonderbare Gedanken durch den Kopf.
Dort unten war es jedenfalls windgeschützt. Zumindest konnten einem im Grab der Wind und der verfluchte Regen nichts mehr anhaben. Alles hatte seine guten Seiten.
Der Pfarrer näselte, und der Totengräber - oder wie sollte sie ihn sonst nennen - kämpfte mit dem Regenschirm. Er versuchte, damit den Schwarzrock und sich selbst zu schützen, aber die Böen waren launisch und wechselten die Richtung von einer Sekunde zur anderen. Die Träger drückten ihre Absätze in den weichen Lehm und setzten den Sarg ab. Ihr Blumenstrauß auf dem Deckel sah schon jetzt demoliert aus. Wie ein Bund Suppengrün, das zu lange gekocht worden war. Einer der Männer schwankte, fand die Balance aber wieder. Der Pfarrer putzte sich die Nase und sang ein Kirchenlied. Der Totengräber fummelte mit der Schaufel. Der Regen wurde stärker.
Das war typisch. Sie konnte nicht anders, sie mußte immerzu daran denken, während sie die Hände in den Manteltaschen ballte und versuchte, etwas Wärme in die Füße zu trampeln.
Es war ja so typisch. Diese Zeremonie war genauso mißglückt und unwürdig wie das ganze Leben ihrer Mutter. Nicht einmal eine anständige Beerdigung war ihr also vergönnt. Am Tag vor Heiligabend. Ein bißchen blauer Himmel oder leichter Schneefall? War das zuviel verlangt?
Natürlich war es das. Das Leben ihrer Mutter war gesäumt von Niederlagen und hinterhältigen Unglücken; genaugenommen war das hier passend und gleichzeitig zu erwarten gewesen, und sie merkte plötzlich, wie sie sich auf die Lippen beißen mußte, um nicht loszuheulen.
Sie durfte nicht weinen. Jedenfalls noch nicht. Aus irgendeinem merkwürdigen, unerklärbaren Grund hatte ihre Mutter gerade das von ihr gefordert. Weine nicht! Mach, was du willst, aber steh bei meiner Beerdigung nicht heulend am Grab. Tränen haben noch nie geholfen, glaube mir, ich habe Sintfluten im Laufe meines Lebens vergossen. Nein, handle, meine Tochter! Tu etwas richtig Großartiges, so daß ich von da oben im Himmel applaudieren kann.
Während sie das sagte, hatte ihre Mutter ihre Hand zwischen ihren beiden rissigen und kraftlosen Händen gehalten. Sie hatte ihre gebrochenen Augen in die der Tochter gebohrt, und dadurch hatte diese begriffen, daß es der Mutter dieses Mal wirklich ernst war. Dieses eine Mal hatte die Mutter wirklich etwas von ihr gefordert. Sie war natürlich sehr spät damit herausgerückt, und es war unklar formuliert, aber worum es ging, daran bestand kein Zweifel. Oder doch?
Eine halbe Stunde später war sie tot.
Tu etwas, meine Tochter! Handle!
Der Pfarrer verstummte. Er schaute sie unter dem tropfenden Regenschirm an, und sie begriff, daß sie irgend etwas tun sollte. Aber was? Sie hatte keine Ahnung. Schließlich war es erst das zweite Mal in ihrem Leben, daß sie auf einer Beerdigung war; und beim letzten Mal war sie acht oder neun Jahre alt gewesen, und ihre Mutter hatte sie dorthin mitgenommen. Vorsichtig trat sie ein paar Schritte vor. Blieb in sicherem Abstand stehen, um der Gefahr aus dem Weg zu gehen, auch noch ins Grab zu rutschen. Sie senkte den Kopf und schloß die Augen. Faltete die Hände vor sich.
Zum Teufel, jetzt denken die sicher, daß ich bete, dachte sie. Oder daß ich jedenfalls so tue als ob. Hallo, Mama! Du kannst dich auf mich verlassen. Ich weiß, was ich zu tun habe. Dir werden die Handflächen da oben bei den Engeln noch heiß werden.
Und dann war es vorbei. Der Pfarrer und der Totengräber gaben ihr beide ihre kalte, weiche Hand, und zehn Minuten später stand sie unter dem undichten Dach der Bushaltestelle und sehnte sich nach einem heißen Bad und einem großen Glas Rotwein. Oder Cognac. Oder beides.
Eine Trauernde, dachte sie. Zur Beerdigung meiner Mutter ist nur ein einziger Mensch gekommen. Das war ich.
Aber es werden hoffentlich bald noch mehr Menschen trauern.
Das war keine schlechte Formulierung, und während sie dort stand und mit Kälte, Nässe und dem unterdrückten Weinen kämpfte, erschien es ihr, als entflammten diese Worte in ihr ein kleines Feuer. Das schließlich Nahrung durch etwas Brennbares bekam, etwas, das langsam alles alte Eingefrorene auftaute und das Durcheinander in der Seele ordnete.
Ein Feuer, das bald weitere Nahrung bekommen und andere zum Glühen bringen sollte, auf daß sie in den Flammen verzehrt werden... es gab viele, die dieses Meer der Wut zu fürchten hatten, das sie, wenn die Zeit gekommen war, umspülen und sie alle vernichten würde!
Auch dieser Gedanke ließ sie auflachen. Vielleicht hatte sie so etwas einmal gelesen, oder es stimmte, was einer ihrer allerersten Liebhaber behauptet hatte: daß sie dafür eine Ader hatte. Ein Gefühl für Poesie und Wortbilder.
Für die Wahrheit und die Leidenschaft. Oder eher die Leiden; ja, das erschien treffender, zweifellos. Denn gelitten hatte sie. Zwar nicht so viel wie ihre Mutter, doch sie hatte auch ihren bescheidenen Teil abbekommen. Im Übermaß.
Ich friere, dachte sie. Nun komm doch, du Scheißbus!
Aber der Bus ließ auf sich warten. Alles schien auf sich warten zu lassen, und während sie dort in der einsetzenden Dunkelheit in diesem ungenügenden Windschutz von einem Fuß auf den anderen trat, da wurde ihr plötzlich klar, daß ihr Leben genau so ausgesehen hatte. Das hier war das wahre Sinnbild, wenn es darum ging, wie alles gekommen war.
Dastehen und warten auf das, was nie kam. Ein Bus. Ein guter Mann. Ein vernünftiger Job.
Eine Chance. Eine einzige verfluchte Chance, etwas aus dem eigenen Leben zu machen.
Dastehen und in Dunkelheit, Wind und Regen warten. Und jetzt war es zu spät.
Sie war neunundzwanzig Jahre alt, und es war bereits zu spät. Meine Mutter und ich, dachte sie. Eine Trauernde oben am Grab. Eine unten drin. Wir hätten ebensogut die Plätze tauschen können. Oder uns nebeneinanderlegen können. Niemand hätte etwas dagegen gehabt. Wenn nicht...
Und sie spürte erneut, wie das Feuer aufflackerte, und mit einem Mal wuchs es in ihr und erfüllte sie mit Wärme. Eine kräftige, fast sinnliche Hitze, die sie trotz ihrer Betrübnis lachen und die Hände tief in den Manteltaschen fester zu Fäusten ballen ließ.
Sie warf einen letzten Blick auf die lange Kurve, in der nicht die geringste Andeutung eines Scheinwerfers zu erkennen war. Dann drehte sie sich um und ging auf die Siedlung zu.

Weihnachten kam und ging.
Silvester kam und ging. Ein Regenschauer löste den nächsten ab, und die bleigrauen Tage verflossen in monotoner Gleichförmigkeit. Ihre Krankschreibung lief aus, das Arbeitsamt zahlte weiter. Der Unterschied war unmerklich. Krankgeschrieben seit wann? Arbeitslos seit wann?
Das Telefon war abgeschaltet. Als sie den Bescheid im Oktober bekommen hatte, hatte sie bewußt die Rechnung liegenlassen, und jetzt hatte man reagiert. Die Mühlen der Bürokratie mahlten langsam, aber trefflich klein.
Das war gut so. So mußte sie mit keiner Menschenseele sprechen. Wenn denn überhaupt jemand angerufen hätte. Denn es gab keinen Zweifel, mit der Zeit waren ihre Freunde immer weniger geworden. In den vierzehn Tagen direkt nach der Beerdigung hatte sie mit summa summarum zwei Bekannten gesprochen. Heinzi und Gergils traf sie zufällig auf dem Markt, und beide versuchten im Laufe von nur dreißig Sekunden, etwas bei ihr zu schnorren. Heroin oder ein bißchen Hasch oder jedenfalls Schnaps verdammt, irgendwas hatte sie doch sicher für gute, alte Freunde. Wenigstens eine Dusche und einen kleinen Fick?
Nur Gergils war so weit gegangen, und einen Moment lang hatte sie mit dem Gedanken gespielt, ihm eine halbe Stunde zu gewähren. Nur so zum Vergnügen und weil die Möglichkeit bestand, ihn mit hineinzuziehen.
Aber es war natürlich nicht sicher, daß es klappte. Ganz im Gegenteil. Die Chancen waren gering. Eine schwerübertragbare Krankheit, trotz allem, was man so hörte, das hatten sogar die Ärzte betont. Aber dieses eine Mal war es ihr jedenfalls gelungen, sich vorzudrängeln. Denn gewiß gab es viele, die ein viel höheres Risikoverhalten hatten und trotzdem nicht infiziert wurden.
Risikoverhalten? Was für ein schreckliches Wort. War denn nicht ihr ganzes Leben ein ewiges, verfluchtes Risikounternehmen gewesen? Aber es stimmte wohl, was Lennie vor vielen Jahren gesagt hatte: wenn man am Rand eines Scheißhaufens geboren wurde, dann muß man sich damit abfinden, ab und zu hineinzutreten. Das war nur normal. Hauptsache, man kam irgendwie aus dem Dreck heraus.
Und das geschah nie. Daß man es schaffte. Man blieb in der Scheiße liegen, und alles andere war nur noch eine Frage der Zeit.
Aber das war jetzt Schnee von gestern. Zertreten, grau und geschmolzen. Der Oktober hatte einiges verändert. Der Tod ihrer Mutter gab den Rest.
Genauergenommen der Bericht ihrer Mutter. Ganz plötzlich war vieles einfacher geworden. Deutlich und klar zum ersten Mal in ihrem trüben Leben. Sie fühlte sich stärker und nahm weniger Drogen. Keinen harten Stoff mehr. Ein bißchen Hasch hier und da, sonst nichts. Und sie machte Schluß mit diesen verfluchten, trostlosen Beziehungen zu all den anderen Scheißhausbewohnern. Es war einfacher gewesen, sie loszuwerden, als sie geahnt hatte, genauso einfach wie mit den Drogen, und natürlich hatte das eine das andere beeinflußt. Vielleicht stimmte es ja doch, was all die Quacksalber und Fürsorger die ganzen Jahre über predigten: Es kommt auf die eigene Stärke an. Auf sie und sonst auf nichts.
Mut und Entschlossenheit also.
Und der Auftrag, fügte sie hinzu.
Der Auftrag? Anfangs war sie sich nicht darüber im klaren gewesen, erst nach und nach wurde es ihr bewußt. Welche Motive eine Rolle gespielt hatten oder wer gar den Anstoß dazu gegeben hatte, ließ sich hinterher nur schwerlich sagen. War es der Beschluß ihrer Mutter oder ihr eigener? Nicht, daß das eine größere Bedeutung hatte, aber auf jeden Fall konnte es interessant sein, darüber nachzudenken.
Über den Ursprung, die Verantwortung und so. Über Rache und die Wichtigkeit, Dinge zurechtzurücken. Daß ihre Mutter 10 000 Gulden versteckt hatte, war natürlich gleichzeitig eine Überraschung und eine große Hilfe. Das war eine stattliche Summe, die zweifellos gelegen kam.
Am 12. Januar hatte sie 2000 ausgegeben, aber das war kein herausgeworfenes Geld. In ihrer Nachttischschublade lag eine Liste mit Namen, Adressen und einigen anderen Angaben. Sie hatte eine Waffe, und sie hatte ein möbliertes Zimmer, das in Maardam auf sie wartete. Was konnte man sich mehr wünschen?
Den Mut nicht zu verlieren? Die Entschlossenheit? Ein bißchen Glück?
Am Abend, bevor sie abfuhr, betete sie zu einem ziemlich unspezifizierten Gott, daß er ihr doch beistehen möge und ihr Erfolg gönnen solle, und als sie die Nachttischlampe löschte, hatte sie das deutliche Gefühl, daß es in dieser Welt eigentlich nicht mehr viel gab, was ihr Knüppel zwischen die Beine werfen konnte.
Wahrscheinlich gar nichts. Sie schlief in dieser Nacht in einer warmen, lächelnden Fötushaltung in der sicheren Überzeugung, daß sie sich in ihrem ganzen Leben noch nie so unverwundbar gefühlt hatte.

Die Wohnungsfrage gehörte zu den Dingen, mit denen sie sich nicht länger herumquälte. Sie hatte einfach auf eine der Anzeigen im Neuwe Blatt geantwortet - doch als sie das Ergebnis sah, wurde ihr klar, daß sie es kaum besser hätte treffen können.
Frau Klausner war schon früh Witwe geworden und hatte die alte, reizvolle Zweiparteienvilla im Deijkstraaviertel nach dem Tod ihres Mannes umbauen lassen. Sie blieb mit zwei Katzen und viertausend Büchern im Erdgeschoß wohnen. Der erste Stock, die alten Kinderzimmer und das Gästezimmer, wurden vermietet. Insgesamt vier Zimmer, jedes mit Waschbecken und Kochgelegenheit. Sowie gemeinsame Dusch- und Waschräume auf dem Flur. Die Treppe nach oben bekam einen separaten Eingang, der in sicherem Abstand von Frau Klausners eigenem Schlafzimmer hinter einem Giebel verlief. Und obwohl ihr anfangs natürlich nicht ganz wohl bei der ganzen Sache war, konnte sie sich bald zu dem ausgezeichneten Arrangement beglückwünschen. Sie vermietete nur an alleinstehende Damen und nie länger als ein halbes Jahr. Meistens Studentinnen, die sich aufs Examen der juristischen oder medizinischen Fakultät vorbereiteten und Ruhe und Abgeschiedenheit brauchten. Oder Krankenschwestern, die für ein paar Monate an irgendeiner Fortbildung am Gemejnte teilnahmen. Im Sommer standen oft ein oder mehrere Zimmer leer, doch die Einkünfte, die sie im Winterhalbjahr hatte, reichten aus. Major Klausner hätte gegen diese Neuerungen nichts einzuwenden gehabt, das wußte sie, und während sie bei der Sparkasse in der Schlange stand, um die Mieten auf ihr Konto einzuzahlen, hatte sie das Gefühl, als könnte sie ihn dort oben auf dem endgültigen Schlachtfeld ihr aufmunternd zunicken sehen.
Die neue Mieterin traf wie abgesprochen am Sonntag, dem 14. Januar ein, am Abend bevor sie eine dreimonatige Fortbildung für Führungskräfte der Finanzabteilung am Elizabethinstitut beginnen sollte. Sie bezahlte sechs Wochen im voraus, und nach den notwendigen Instruktionen, die in aller Herzlichkeit und im Laufe von weniger als einer Minute erteilt wurden, nahm sie das rote Zimmer in ihren Besitz. Frau Klausner wußte, wie wichtig es war, die Privatsphäre ihrer Mieterinnen zu respektieren; solange ihre Nachtruhe nicht gestört wurde, gab es für sie nicht den geringsten Grund, ihre Nase in deren Angelegenheiten zu stecken. Die Menschen sind gut, pflegte sie zu denken. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Über dem kleinen Waschbecken in der Kochnische hing ein Spiegel, und nachdem sie die Taschen ausgepackt hatte, blieb sie eine Weile davor stehen und betrachtete ihr neues Gesicht. Die Veränderungen waren nur gering; das Ergebnis dagegen erstaunlich. Mit kurzgeschnittenem, braungefärbtem Haar, ungeschminkt und mit einer runden Brille mit Metallgestell sah sie plötzlich aus wie eine Bibliothekarin oder eine gelangweilte Handarbeitslehrerin. Niemand würde sie wiedererkennen, und für einen Augenblick - während sie dastand, das Gesicht verzog und sich von allen Seiten betrachtete - hatte sie selbst das Gefühl, eine andere zu sein.
Neues Aussehen und neuer Name. Neue Stadt und ein Vorhaben, das sie vor einem halben Jahr als die Geschichte eines Wahnsinnigen oder einen schlechten Scherz aufgefaßt hätte.
Aber jetzt stand sie hier. Versuchte noch einmal - das letzte Mal? - nachzuspüren, ob sie irgendeine Form von Zweifel oder Unschlüssigkeit in sich spürte. Aber wie sehr sie auch ihre Seele durchforstete, überall stieß sie nur auf reines Urgestein. Den festen und unerschütterlichen Entschluß, und sie begriff, daß es an der Zeit war, loszulegen.
Ernsthaft die Sache in Angriff zu nehmen. Ihre Liste war in jeder Hinsicht komplett. Drei Monate hatte sie gebraucht, um alles gewissenhaft zu planen. Jeder Name war festgehalten, jeder Schritt genau überlegt. Wenn sie einmal angefangen hatte, wenn man erkannt hatte, worum es ging, mußte sie darauf gefaßt sein, Probleme zu bekommen. Große Aufmerksamkeit von allen Seiten - der Allgemeinheit, der Polizei, den Gegnern.
Es gab kein Zurück mehr. Die Dinge waren nun einmal, wie sie waren.
Aber bereits jetzt war ihr klar, daß auch das ihr keine Sorgen machte. Zumindest keine unüberwindlichen, und während sie am ersten Abend auf dem Bett lag und ihre Waffe betrachtete, wußte sie, daß die bevorstehende Herausforderung die Verlockung nur noch vergrößern würde.
Sie ein bißchen spannender und schöner machen würde.
Ich bin wahnsinnig, dachte sie. Total und unheilbar wahnsinnig. Aber das war ein verwegener, unwiderstehlicher Wahnsinn. Und wer sollte sie eigentlich rügen?
Sie betrachtete die Namen. Studierte einen nach dem anderen. Sie hatte bereits entschieden, wer der erste sein sollte, überdachte es aber noch einmal.
Dann gab sie einen Seufzer der Zufriedenheit von sich und umringelte ihn mit einem doppelten roten Kreis. Zündete sich eine Zigarette an und begann das Szenario durchzugehen. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

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