Elena Ferrantes Romanfiguren scheinen aus der Bewegung des Schmerzes entsprungen. In ihrem neuen, bedrückend-großartigen Roman erzählt sie eine Mutter-Tochtergeschichte, um Liebe und Hass, Mitleid und Abscheu zwischen sich gar zu Ähnlichen. Erneut generiert sie den Schmerz zum Thema ihres aktuellen Romans.
Vorab sei die erneut großartige Übersetzung aus dem Italienischen von Anja Nattefort erwähnt, gleichwohl wie das eindrucksvolle Buchcover - dieser verschwommene Blick aufs Meer, unter einem Sonnenschirm hervor - das großartig den Tenor der Geschichte wiedergibt.
In einer äußerst raffinierten zirkularen Erzählstruktur (der Anfang des Buches ist zugleich die homogene Fortsetzung des Endes) schildert eine Frau rückblickend ihre eigenen Erlebnisse, gepaart mit immer dichter werdenden Reminiszenzen ihrer bedrückenden Vergangenheit.
Was voller Zuversicht beginnt, endet in der Charakterisierung einer psychisch zutiefst gestörten Persönlichkeit.
Elena Ferrante greift in ihrem neuen Roman den in der Psychologie bekannten mehrgenerationalen Konflikt auf und zeigt, wie insbesondere tradierte negative Verhaltensmuster sich zwanghaft wiederholen, eigenes Glücksempfinden verhindern und Beziehungen zerstören.
Die junge schöne Nina versinnbildlicht die gewünschte, aber nie erlebte Mutter der Ich-Erzählerin. Deren kleine Tochter Elena ist ihr Alter Ego. Wobei die Puppe des Mädchens als entscheidendes, den Roman beherrschendes Bindeglied fungiert.
Wie einen bedrohlichen Schatten senkt Ferrante die zunehmenden, schmerzhaften Erinnerungen Ledas über das Szenario und deren verworrenen Faden aus Träumen und Begierden.
Unprätentiös, glasklar die Sprache, die "Handlung" in jedem Detail luzid, diszipliniert die Erzählhaltung. Analyse statt Bebilderung, Seziermesser statt Tränendrüse. "Die Frau im Dunkeln" verfügt über unglaublich emotionale Durchschlagskraft, offenbart eine genaue Selbstbeobachtung. Jeder Eindruck trügt: was zuvor noch friedlich erschien, strahlt im nächsten Augenblick düstere Beklemmung aus.
Doch Elena Ferrante gibt ihrer Protagonistin eine Entwicklungschance, ermöglicht Leda, ihre "leblose faulende innere Substanz" auszuspucken.
"Die Dinge, die wir selbst nicht verstehen, sind am schwierigsten zu erzählen", sinniert Leda zu Beginn des Romanes; am Ende bleibt ihr letzter Satz eindrucksvoll und unkommentiert im Raum stehen: "Ich bin tot, aber es geht mir gut."
Der Leser legt die Erzählung beiseite und fasst lange kein anderes Buch mehr an.