Balzacs Roman 'Die Frau von dreißig Jahren' schildert das Leben einer Frau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Heldin Julie hat die Freiheit, ihren Bräutigam selbst auszuwählen und fällt ihre Entscheidung zwar gegen die Meinung, jedoch schließlich mit der Zustimmung ihres Vaters. Schon sehr bald beginnt sie, die Heirat mit dem Marquis d'Aigelement zu bereuen: Als Halbwaise hatte sie keine Mutter, die sie auf die 'ehelichen Pflichten' hätte vorbereiten können. Mit ihrem egozentrischen Gatten erlebt sie eine böse Überraschung, die nicht mehr enden soll. Sein Verhalten ist in jeder Hinsicht von Gleichgültigkeit gegenüber ihren Gefühlen und Bedürfnissen geprägt. Julie ergibt sich in ihr Schicksal und nach langen Jahren der Passivität, der Depression, der körperlichen Schwäche und der Verleugnung ihrer Leidenschaft lässt sie sich im Alter von dreißig Jahren auf eine Affäre ein, die von Liebe und emotionaler Nähe erfüllt ist.
Die Lebensgeschichte Julie d'Aiglements wird bis zu ihrem Tod im Alter von etwa fünfzig Jahren verfolgt. Leider verpackt der Autor dabei offenbar delikate Details in verwirrenden Andeutungen, die seinen Zeitgenossen zugänglich sein mochten, deren Bedeutung sich aber nicht jedem heutigen Leser voll erschließen wird. In ihren Anmerkungen am Ende des Buches erklärt Erika Wesemann, dass die sechs Kapitel des Romans ursprünglich als eigenständige literarische Werke geplant gewesen sind. Das erklärt, weshalb jedes Kapitel - obwohl die Geschichte fortgesetzt wird - isoliert erscheint.
Im ersten und zweiten Kapitel gewährt Balzac tiefe Einblicke in das Innenleben von Julie d'Aiglement. Im dritten Kapitel - jetzt ist sie dreißig Jahre alt - sieht der Leser sie aus der Sicht ihres künftigen Liebhabers. Überraschend wechselt der Autor im vierten Kapitel in die Ich-Erzählform und schildert eine tragische Episode aus Julies Leben, als sei er selbst zufällig Zeuge des Vorfalls geworden. Das fünfte Kapitel ist so fantastisch und idealistisch, dass es die Glaubwürdigkeit der gesamten Erzählung in Frage stellt. Im sechsten Kapitel erfahren wir wieder etwas über das Seelenleben von Julie, nun fünfzig Jahre alt, vom Leben gezeichnet, doch leider nicht am Leben gereift. Das gibt der Geschichte einen unbefriedigenden Ausgang.
Etwas langatmig und blähend wirken die ausführlichen Landschaftsbeschreibungen. Erstaunlich dafür sind Balzacs Menschenkenntnis und sein Einfühlungsvermögen in das Gefühlsleben eines jungen Mädchens und einer 30jährigen Frau.