Aus der Amazon.de-Redaktion
Um etwaigen Fehlkäufen vorzubeugen: Bei Audrey Niffeneggers Erstling handelt es sich -- trotz des suggestiven Titels -- nicht um Science Fiction. Die Autorin (die sich augenscheinlich in der rothaarigen Renaissance-Beauty Clare optisch verewigt hat, wie das Umschlagfoto auf hübsche Art beweist), legt eine die Sinne verwirrende und verschachtelte Liebesgeschichte vor.
Niffenegger betreibtein regelrechtes Vexierspiel. Zwei, die einander bedürfen, durchschreiten ein langes Leben politischer und kultureller Umwälzungen. Kunst, Literatur (Clare bevorzugt Rilke), Drogen, Punkrock, ja selbst der 11. September, werden clever in die Handlung verwoben. Ihren besonderen Reiz erhalten Henrys Zeitreisen durch die Tatsache, dass er in die Zukunft blicken kann und damit sehr diskret umgehen muss. Der Umstand, dass ein Ereignis stattfindet und sich später erst ankündigt, beansprucht sämtliche verfügbaren Hirnwindungen des Lesers, wenngleich das Paradox der Begegnung Henrys mit seinem jüngeren/älteren Ich logisch nicht befriedigend aufgelöst wird.
Die ständigen Zeitsprünge, in denen Clare und Henry sich in der Erzählung abwechseln, sind nicht unanstrengend. Dass der Leser dennoch den Faden nicht verliert, spricht für Niffeneggers erzählerische Qualitäten. Eine anrührende Saga über die Unvergänglichkeit der Liebe in einer sich stetig verändernden Welt. Oder könnte es auch umgekehrt sein? --Ravi Unger -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Pressestimmen
"Die Geschichte von Henry und Clare ist eine berührend erzählte Liebesgeschichte, die allen Menschen, die von der bedingungslosen großen Liebe träumen, das Herz erwärmen wird." (HR)
Kurzbeschreibung
Clare ist Kunststudentin und eine Botticelli-Schönheit, Henry ein verwegener und lebenshungriger Bibliothekar. Clare fällt aus allen Himmeln, jedes Mal aufs Neue, wenn Henry vor ihr steht. Denn Henry ist ein Zeitreisender, ohne jede Ankündigung verstellt sich seine innere Uhr. Plötzlich und unerwartet stürzt er los, nie ist sicher, aus welcher Zeit er kommt und in welcher Zeit er bei Clare landet, aber immer ist sicher, dass er wieder bei ihr landet. Als sie sich das erste Mal begegnen, ist Clare sechs und Henry 36, aber in Wahrheit ist Henry nur acht Jahre älter als sie und schon lange mit ihr verheiratet. Absurdes wird zur Normalität. Seine Zeitreisen sind das brennende Geheimnis, das Henry und Clare mit jeder Trennung noch inniger vereint.
"Die Geschichte von Henry und Clare ist eine berührend erzählte Liebesgeschichte, die allen Menschen, die von der bedingungslosen großen Liebe träumen, das Herz erwärmen wird." HR
Über den Autor
Auszug aus Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger, Brigitte Jakobeit. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Freitag, 23. September 1977 (Henry ist 36, Clare 6)
Henry: Ich bin auf der Wiese und warte. Ich warte nackt etwas abseits der Lichtung, weil die Kleidung nicht da ist, die Clare in einer Schachtel unter einem Stein für mich aufbewahrt; auch die Schachtel fehlt, darum bin ich froh, dass es ein schöner Nachmittag ist, vielleicht Anfang September, in einem unbekannten Jahr. Nachdenklich kauere ich im hohen Gras. Die nicht vorhandene Kleiderschachtel bedeutet, dass ich in einer Zeit gekommen bin, bevor Clare und ich uns begegnet sind. Vielleicht ist Clare noch gar nicht geboren. Das passiert mir nicht zum ersten Mal, es ist schrecklich. Clare fehlt mir, und da ich es nicht wage, mich nackt in der Umgebung ihrer Eltern zu zeigen, verstecke ich mich die ganze Zeit auf der Wiese. Sehnsüchtig denke ich an die Apfelbäume am westlichen Wiesenrand. In dieser Jahreszeit müssten sie kleine, säuerliche Äpfel tragen, teilweise vom Wild angeknabbert, aber essbar. Ich höre das Fliegengitter knallen und spähe übers Gras. Ein Mädchen rennt hastig den Pfad herunter, schlägt sich durch das wogende Gras, und mein Herz macht einen Satz: Clare platzt in die Lichtung.
Sie ist sehr klein, völlig selbstvergessen und allein. Sie trägt noch ihre Schuluniform, eine weiße Bluse unter einer jagdgrünen Jacke und Kniestrümpfe mit Mokassins, außerdem hat sie eine Einkaufstüte von Marshall Fields und ein Badetuch bei sich. Clare breitet das Handtuch auf dem Boden aus und kippt den Inhalt der Tüte darauf: alle erdenklichen Arten von Schreibutensilien. Alte Kugelschreiber, kleine Bleistiftstummel aus der Bibliothek, Wachsmalstifte, duftende Textmarker und ein Füllfederhalter. Auch einen Stapel Briefpapier aus dem Büro ihres Vaters hat sie dabei. Sie ordnet die Sachen, schüttelt den Papierstapel gerade und probiert dann jeden Stift aus, indem sie leise vor sich hinsummend sorgfältige Linien und Schleifen zieht. Nach einigem Zuhören erkenne ich die Titelmelodie der Dick Van Dyke Show.
Noch zögere ich. Clare ist zufrieden, konzentriert. Sie ist ungefähr sechs, wenn September ist, müsste sie gerade in die erste Klasse gekommen sein. Sie scheint mich nicht zu erwarten, ich bin ein Fremder, und bestimmt lernt man als erstes in der ersten Klasse, sich nicht auf Fremde einzulassen, die an deinem liebsten Versteck auftauchen, deinen Namen kennen und dich bitten, nichts deinen Eltern zu erzählen. Ich überlege, ob heute der Tag ist, an dem wir uns zum ersten Mal begegnen müssten. Vielleicht sollte ich mich ganz ruhig verhalten, dann wird Clare entweder gehen und ich kann mir ein paar Äpfel holen und etwas zum Anziehen klauen oder aber ich werde in meine normale Zeit zurückkehren.
Ich schrecke aus meinen Träumen auf, als Clare mich unverblümt anstarrt. Zu spät wird mir klar, dass ich die Melodie mitgesummt habe.
Wer ist da?, faucht Clare. Sie sieht aus wie eine stinkwütende Gans, nur Hals und Beine. Ich überlege blitzschnell.
Sei gegrüßt, Erdling, intoniere ich freundlich.
Mark, du Nimrod! Clare sieht sich nach einem Wurfgegenstand um, entscheidet sich für ihre Schuhe mit den schweren, scharfen Absätzen. Sie streift sie ab und wirft. Ich glaube nicht, dass sie mich gut sehen kann, aber sie hat Schwein, und ein Schuh trifft mich am Mund. Meine Lippen beginnen zu bluten.
Bitte lass das. Meine Stimme klingt gedämpft, weil ich nichts zum Blutstillen habe und meine Hand auf den Mund presse. Mein Kiefer schmerzt.
Wer ist da? Clare ist jetzt verängstigt, genau wie ich.
Henry. Ich bins, Clare. Henry. Ich will dir nichts tun und wäre dir dankbar, wenn du nichts mehr nach mir wirfst.
Gib mir meine Schuhe wieder. Ich kenn dich nicht. Warum versteckst du dich? Clare schaut mich böse an.
Ich werfe ihre Schuhe in die Lichtung zurück. Clare hebt sie auf, hält sie wie gezückte Pistolen. Ich verstecke mich, weil ich meine Kleider verloren habe und mich schäme. Ich komme von weit her, bin hungrig, kenne niemanden, und jetzt blute ich auch noch.
Woher kommst du? Und warum weißt du meinen Namen?
Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Ich komme aus der Zukunft. Ich bin ein Zeitreisender. In der Zukunft sind wir Freunde.
Zeitreisende gibt es nur in Filmen.
Genau das sollt ihr glauben.
Warum?
Wenn jeder durch die Zeit reisen würde, gäbe es ein großes Gedränge. Zum Beispiel letztes Jahr, als du an Weihnachten deine Grandma Abshire besuchen wolltest und durch den Flughafen OHare gehen musstest, war es da nicht sehr, sehr voll? Wir Zeitreisende wollen uns nicht selbst alles vermasseln, deshalb halten wir uns zurück.
Clare lässt sich das eine Weile durch den Kopf gehen. Komm raus.
Leih mir dein Badetuch. Sie hebt es auf, sodass sämtliche Stifte und Papiere herunterfliegen, wirft es mir zu, und ich fange es auf, drehe mich um und schlinge es mir um die Hüften. Es ist leuchtend rosa und orange, mit einem schrillen geometrischen Muster. Genau die Sorte Kleidungsstück, die man gern trägt, wenn man seiner zukünftigen Frau zum ersten Mal begegnet. Ich drehe mich um, gehe auf die Lichtung und lasse mich so würdevoll wie möglich auf dem Stein nieder. Clare steht so weit von mir entfernt, dass sie gerade noch auf der Lichtung ist. Sie umklammert immer noch ihre Schuhe.
Du blutest.
Na ja, klar. Du hast einen Schuh nach mir geworfen.
Oh.
Schweigen. Ich versuche, einen harmlosen und freundlichen Eindruck zu erwecken. Freundlichkeit spielt eine tragende Rolle in Clares Kindheit, denn viele Leute sind es nicht.
Du machst dich über mich lustig.
Würde ich nie tun. Wie kommst du darauf?
Clare ist überaus hartnäckig. Niemand reist durch die Zeit. Du lügst.
Der Weihnachtsmann reist durch die Zeit.
Was?
Klar. Wie soll er sonst die vielen Geschenke in einer Nacht abliefern? Er dreht die Uhr ständig ein paar Stunden zurück, bis er durch jeden einzelnen Kamin gerutscht ist.
Der Weihnachtsmann ist magisch. Du bist nicht der Weihnachtsmann.
Ich bin also nicht magisch? Ach, du liebes Lieschen, du bist eine harte Nuss.
Ich bin nicht dein Lieschen.
Weiß ich doch. Du bist Clare. Clare Anne Abshire, geboren am 24. Mai 1971. Deine Eltern sind Philip und Lucille Abshire, und du wohnst mit ihnen, deiner Grandma, deinem Bruder Mark und deiner Schwester Alicia in dem großen Haus dort oben.
Nur weil du Sachen weißt, bedeutet es noch lange nicht, dass du aus der Zukunft kommst.
Wenn du noch eine Weile bleibst, kannst du sehen, wie ich verschwinde. Ich bin überzeugt, diese Aussicht hält Clare bei der Stange, denn sie hat mir mal erzählt, das sei für sie das Beeindruckendste an unserer ersten Begegnung gewesen.
Schweigen. Clare tritt von einem Fuß auf den anderen und verjagt eine Stechmücke. Kennst du den Weihnachtsmann?
Du meinst persönlich? Ähm, nein. Meine Lippe blutet nicht mehr, aber ich muss schrecklich aussehen. Hey, Clare, du hast nicht zufällig ein Pflaster? Oder etwas zu essen? Vom Zeitreisen werde ich immer ziemlich hungrig.
Sie denkt darüber nach. Dann greift sie in ihre Jackentasche, zieht einen angebissenen Schokoriegel heraus und wirft ihn mir zu.
Vielen Dank. Die mag ich unheimlich gern. Ich esse ihn ordentlich, aber rasend schnell. Mein Blutzucker ist niedrig. Das Papier lege ich in ihre Einkaufstüte. Clare ist begeistert.
Du isst wie ein Hund.
Stimmt gar nicht! Ich bin zutiefst gekränkt. Ich hab opponierbare Daumen, vielen Dank.
Was sind ponierbare Daumen?
Mach mal so. Ich mache das Okay-Zeichen, halte den Daumen nach oben. Clare macht ebenfalls das Okay-Zeichen. Das kannst du nur mit opponierbaren Daumen. Damit kannst du Gläser öffnen, deine Schuhe zubinden und andere Dinge, die Tiere nicht können.
Clare findet meine Erklärung nicht befriedigend. Schwester Carmelita sagt, Tiere haben keine Seele.
Natürlich haben Tiere eine Seele. Wie kommt sie denn auf die Idee?
Sie meint, das sagt der Papst.
Der Papst ist ein alter Brummbär. Tiere haben viel reinere Seelen als wir. Sie lügen nie, schnauzen andere nicht an.
Aber sie fressen sich gegenseitig.
Klar, das müssen sie auch. Tiere können schließlich nicht zu Dairy Queen gehen und sich eine Tüte Vanilleeis mit Streuseln holen, oder? Clare isst für ihr Leben gern Vanilleeis mit Streuseln (als Kind. Als Erwachsene isst sie am liebsten Sushi, besonders von Katsu in der Peterson Avenue).
Sie könnten doch auch Gras fressen.
Wir auch, tun wir aber nicht. Wir essen Hamburger.
Clare setzt sich an den Rand der Lichtung. Etta sagt, ich darf nicht mit Fremden sprechen.
Ein guter Rat.
Schweigen.
Wann verschwindest du denn?
Wenn ich dazu bereit bin. Langweilst du dich mit mir? Clare verdreht die Augen. Woran arbeitest du gerade?
Schönschreiben.
Darf ich mal sehen?
Clare steht vorsichtig auf, sammelt ein paar Papierbögen auf und fixiert mich dabei mit ihrem bösen Blick. Langsam beuge ich mich vor und strecke die Hand aus, als wäre sie ein Rottweiler, und sie gibt mir schnell die Papiere und zieht sich zurück. Interessiert betrachte ich die Blätter, als hätte sie mir einen Stapel Originalzeichnungen von Bruce Rogers für >Centaur< oder das Book of Kells gegeben. In Druckbuchstaben hat sie, immer wieder, größer und größer werdend, Clare Anne Abshire geschrieben. Sämtliche Ober- und Unterlängen sind mit schwungvollen Schnörkeln versehen, und in die Punzen hat sie Smileys gemalt. Alles sehr schön.
Sieht hübsch aus.
Clare ist hocherfreut, wie immer, wenn man sie für ihre Arbeit lobt. Ich könnte eins für dich machen.
Das wäre schön. Leider darf ich nichts mitnehmen, wenn ich durch die Zeit reise, aber vielleicht könntest du es für mich aufbewahren, dann habe ich meine Freude daran, wenn ich hier bin.
Warum darfst du nichts mitnehmen?
Na, denk doch mal nach. Wenn wir Zeitreisenden anfangen würden, Dinge durch die Zeit zu schleppen, wäre die Welt bald ein einziges Chaos. Angenommen, ich würde Geld in die Vergangenheit mitnehmen. Dann könnte ich vorher alle Gewinnzahlen und Footballergebnisse in Erfahrung bringen und haufenweise Geld machen. Ziemlich ungerecht, oder? Und wenn ich richtig unehrlich wäre, könnte ich Sachen stehlen und mit in die Zukunft nehmen, wo mich niemand finden kann.
Du könntest ein Pirat sein! Die Vorstellung von mir als Pirat scheint Clare sehr zu gefallen, denn sie vergisst sogar, dass ich der gefährliche Fremde bin. Du könntest das Geld vergraben, eine Schatzkarte zeichnen und es in der Zukunft ausgraben. Auf diese Weise finanzieren Clare und ich tatsächlich mehr oder minder unser chaotisches Leben. Als Erwachsene findet Clare unser Vorgehen leicht unmoralisch, auch wenn es uns auf dem Aktienmarkt Vorteile bringt.
Tolle Idee. Aber ich brauche eigentlich kein Geld, sondern Kleider.
Clare sieht mich zweifelnd an.
Dein Dad hat nicht zufällig ein paar Sachen, die er nicht braucht? Schon eine Hose wäre großartig. Ich meine, mir gefällt dein Handtuch, versteh mich bitte nicht falsch, aber da, wo ich herkomme, trage ich immer gern Hosen. Philip Abshire ist ein bisschen kleiner als ich und ungefähr fünfzehn Kilo schwerer. Seine Hosen sehen komisch an mir aus, aber wenigstens sind sie bequem.
Ich weiß nicht...
Schon gut, du musst sie nicht sofort holen. Aber es wäre sehr nett, wenn du mir nächstes Mal welche mitbringen würdest.
Nächstes Mal?
Ich nehme ein unbeschriebenes Blatt Papier und einen Bleistift. In Blockbuchstaben schreibe ich: DONNERSTAG, 29. SEPTEMBER 1977 NACH DEM ABENDESSEN. Ich reiche Clare das Blatt, sie nimmt es vorsichtig entgegen. Mein Blickfeld verschwimmt. Ich kann hören, wie Etta nach Clare ruft. Unser Treffen bleibt ein Geheimnis, Clare, in Ordnung?
Warum?
Darf ich nicht sagen. Ich muss jetzt los. War schön, dich zu sehen. Und nimm keine hölzernen Nickel an. Ich halte ihr meine Hand hin, und Clare nimmt sie tapfer. Kaum schütteln wir uns die Hand, verschwinde ich.
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Sonntag, 23. September 1984 (Henry ist 35, Clare 13)
Henry: Ich bin allein bei der Lichtung auf der Wiese. Es ist Spätsommer und noch sehr früh am Morgen, kurz vor Tagesanbruch. Die Blumen und Gräser reichen mir bis zur Brust. Es ist kühl. Ich wate durchs Gestrüpp und sehe die Kleiderschachtel, öffne sie und finde Jeans, ein weißes Baumwollhemd und weiße Gummilatschen. Die Sachen sind mir unbekannt, ich habe also keine Ahnung, in welcher Zeit ich bin. Clare hat mir auch eine Kleinigkeit zu essen dagelassen: ein sorgfältig in Alufolie eingewickeltes Sandwich mit Erdnussbutter und Gelee, dazu ein Apfel und eine Tüte Jays Kartoffelchips. Vielleicht ist es eins von Clares Pausenbroten. Meine Vermutungen gehen in Richtung der späten Siebziger oder frühen Achtziger. Ich setze mich auf den Stein und esse mein Frühstück, danach fühle ich mich gleich besser. Langsam geht die Sonne auf. Die ganze Wiese schimmert blau, dann orange und rosa, die Schatten werden immer länger, und dann ist es hell. Weit und breit keine Clare. Ich krieche ein Stück weiter ins Gestrüpp, rolle mich auf der Erde zusammen, obwohl sie vom Tau noch nass ist, und schlafe ein.
Als ich aufwache, steht die Sonne höher, und Clare sitzt neben mir und liest ein Buch. Sie lächelt mich an und sagt: Es wird Tag im Sumpf. Die Vögel singen und die Frösche quaken und es ist Zeit, aufzustehen!
Stöhnend reibe ich mir die Augen. Hallo, Clare. Der wievielte ist heute?
Sonntag, der 23. September 1984.
Clare ist dreizehn. Ein seltsames und schwieriges Alter, wenn auch längst nicht so schwierig wie alles, was wir in meiner Gegenwart durchmachen. Ich setze mich auf und gähne. Clare, wenn ich dich ganz lieb bitte, würdest du mir dann eine Tasse Kaffee aus dem Haus schmuggeln?
Kaffee? Clare sagt das, als handle es sich um eine fremde Substanz. Später ist sie danach genauso süchtig wie ich. Sie denkt über die Logistik nach.
Bitte, bitte.
Na gut, ich tu mein Bestes. Langsam steht sie auf. In diesem Jahr wurde Clare schnell groß. Im vergangenen Jahr ist sie zwölf Zentimeter gewachsen, und sie fühlt sich in ihrem neuen Körper noch nicht so recht wohl. Alles hat sich neu geformt, ihre Brüste, Beine und Hüften. Ich beobachte, wie sie den Pfad zum Haus hinaufgeht und versuche, den Gedanken zu verscheuchen. Ich werfe einen Blick auf das Buch, in dem sie gelesen hat, ein Titel von Dorothy Sayers, den ich nicht kenne. Bei ihrer Rückkehr bin ich auf Seite dreiunddreißig. Sie hat eine Thermoskanne, Becher, eine Decke und ein paar Donuts mitgebracht. Clares Nase ist von der vielen Sonne voll Sommersprossen, und ich muss mich beherrschen, um ihr nicht durch die ausgebleichten Haare zu streichen, die ihr über die Arme fallen, als sie die Decke ausbreitet.
Gott segne dich. Ich nehme die Thermoskanne wie ein Heiligtum entgegen, dann machen wir es uns auf der Decke bequem. Ich kicke die Gummilatschen weg, schenke einen Becher Kaffee ein und trinke einen Schluck. Er schmeckt unglaublich stark und bitter. Auweia! Clare, das ist Raketenbrennstoff.
Zu stark? Sie macht ein leicht enttäuschtes Gesicht, und ich beeile mich, sie zu loben.
Also, zu stark kann Kaffee wahrscheinlich gar nicht sein, aber er ist nicht ohne. Mir schmeckt er trotzdem. Hast du ihn gemacht?
Ja. Ich hab noch nie Kaffee gemacht, und dann war auch noch Mark da und hat genervt. Vielleicht hab ich ja was falsch gemacht.
Nein, alles bestens. Ich puste auf den Kaffee, stürze ihn hinunter und fühle mich sofort besser. Ich schenke mir noch einen Becher ein.
Clare nimmt die Thermoskanne, gießt sich einen kleinen Schluck ein und nippt vorsichtig. Igitt, sagt sie. Ist ja widerlich. Muss das so schmecken?
Nun, normalerweise ist er nicht ganz so stark. Du trinkst ihn gern mit viel Milch und Zucker.
Clare schüttet den Rest ihres Kaffees in die Wiese und nimmt einen Donut. Dann sagt sie: Du machst mich noch zum Freak.
Auf diese Bemerkung habe ich keine Antwort parat, denn der Gedanke ist mir noch nie in den Sinn gekommen. Hm, nein, stimmt nicht.
Doch.
Nein. Ich überlege. Was soll das heißen, ich mach dich zum Freak? Ich mach dich zu gar nichts.
Wenn du mir zum Beispiel sagst, dass ich meinen Kaffee mit Milch und Zucker mag, obwohl ich gerade mal einen winzigen Schluck probiert habe. Ich meine, wie soll ich herausfinden, ob mir etwas schmeckt oder nicht, wenn du behauptest, es schmeckt mir?
Aber Clare, es geht doch nur um den persönlichen Geschmack. Natürlich musst du selbst herausfinden, wie du deinen Kaffee magst, ganz egal, was ich sage. Im übrigen nervst du mich doch immer damit, dass ich dir von der Zukunft erzählen soll.
Über die Zukunft Bescheid zu wissen ist was anderes als gesagt zu bekommen, was ich mag, widerspricht Clare.
Warum? Alles hängt mit dem freien Willen zusammen.
Clare zieht Schuhe und Socken aus, steckt die Socken in die Schuhe und stellt sie ordentlich an den Deckenrand. Dann nimmt sie meine herumliegenden Gummilatschen und stellt sie penibel neben ihre Schuhe, als wäre die Decke eine Reisstrohmatte. Ich dachte immer, freier Wille hätte mit Sünde zu tun.
Ich denke darüber nach. Nein, entgegne ich, warum sollte der freie Wille auf richtig und falsch beschränkt sein? Zum Beispiel hast du eben aus freiem Willen entschieden, deine Schuhe auszuziehen. Ob du Schuhe trägst oder nicht ist völlig schnurz und interessiert keinen Menschen, es ist weder sündig noch tugendhaft und hat keinen Einfluss auf die Zukunft, aber du hast deinen freien Willen ausgeübt.
Clare winkt ab. Aber manchmal erzählst du mir etwas, und dann denke ich, die Zukunft ist schon da, verstehst du? Als hätte meine Zukunft in der Vergangenheit stattgefunden, und ich kann nichts daran ändern.
Das nennt man Determinismus, erkläre ich ihr. Er verfolgt mich in meinen Träumen.
Clare ist neugierig. Warum?
Na ja, wenn du dich von der Vorstellung, dass deine Zukunft unabänderlich ist, eingeengt fühlst, wie soll ich mich dann fühlen? Ich renne ständig gegen die Tatsache an, dass ich Ereignisse nicht ändern kann, obwohl ich unmittelbar daran beteiligt bin und sie vor mir sehe.
Aber Henry, natürlich änderst du manches! Du hast zum Beispiel die Sache aufgeschrieben, die ich dir 1991 wegen des Babys mit dem Down Syndrom geben soll. Und die Liste, wenn ich die nicht hätte, wüsste ich nie, wann ich dich treffen kann. Du änderst ständig etwas.
Ich muss lächeln. Ich kann nur Dinge tun, die ermöglichen, was schon geschehen ist. Aber ich kann zum Beispiel nicht rückgängig machen, dass du dir eben die Schuhe ausgezogen hast.
Clare lacht. Warum sollte dir auch was dran liegen, ob ich meine Schuhe ausziehe oder nicht?
Tut es ja nicht. Aber selbst wenn es so wäre, ist es jetzt ein unabänderlicher Teil in der Geschichte des Universums und daran kann ich nichts ändern. Ich genehmige mir einen Donut. Einen Berliner, meine Lieblingssorte. Der Zuckerguss ist in der Sonne leicht geschmolzen und klebt mir an den Fingern.
Clare isst ihren Donut, rollt die Aufschläge ihrer Jeans hoch, setzt sich in den Schneidersitz. Dann kratzt sie sich im Nacken und sieht mich verärgert an. Jetzt verunsicherst du mich. Du tust, als wäre jedes Naseputzen von mir ein historisches Ereignis.
Ist es ja auch. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .