Die junge Vala ist eine Ausgestoáene. Wegen eines Frevels hat der Schamane sie fr tot erklrt. Doch anstatt in die Wildnis zu gehen, stiehlt sie das schnellste Pferd des Stammes und flieht. Durch die Steppe, ber die Berge, nach Sden in das mrchenhafte Bagdad Harun al Raschids. Bestaunt, geliebt, betrogen und als Haremssklavin verkauft, lsst sich Vala in ihrem Freiheitsdrang doch nicht beirren. Sie zieht weiter, bis sie am Ufer des Schwarzen Meers auf die Mnner vom Drachenboot trifft. Unter ihnen ist auch Eirik. Seine Liebe fhrt sie hoch in den Norden. Wird das Mdchen aus der fernen Steppe in dem kleinen Dorf am Fjord eine neue Heimat finden?
Schauplatz dieses Romans ist die Welt vor der ersten Jahrtausendwende, eine Zeit, ber die wir wenig wissen, in der am Ufer des Schwarzen und des Mittelmeeres Orient und Okzident, Wikinger, Byzantiner und Araber aufeinandertrafen.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Claudios
"Bleib, wo du bist", verlangte Claudios, ehe er begann, auf seinen Herrn zuzugehen. Doch auch wenn Vala die Ermahnung verstanden hätte, sie hätte sich nicht daran gehalten. Wie alle Steppenreiter drängte es sie im Augenblick der Gefahr zu ihrem Pferd. Auf seinem Rücken fühlte sie sich wohler, auf ihren zwei Beinen auf dem Boden stehend dagegen war sie schutzlos.
Sie sprang mit einer fließenden Bewegung auf Vaih, packte die Zügel und beobachtete, was sich weiter vorne abspielte. Claudios war inzwischen bei Selim angekommen. Die beiden waren fast außer Hörweite, doch hätte es Vala wenig geholfen, hätte sie das Gespräch der beiden belauschen können, da sie ja doch kein Wort davon verstand. Das, was sie sah, klärte sie viel besser darüber auf, was zwischen den beiden Menschen dort vorne geschah. Und es gab ihr einen Eindruck davon, was es bedeutete, wenn ein Mensch ein Herr war und der andere nicht.
Claudios, der eben noch locker und selbstsicher neben ihr gestanden hatte, veränderte plötzlich seine gesamte Haltung. Der große, schlanke Junge ging nun leicht vorgebeugt, die Schultern angezogen, als wolle er sich kleiner machen, als er war. Als hätte er, dachte Vala erstaunt, keine Kraft im Leib. Die Hände erhoben zur Begrüßung, aber auch um eventuelle Schläge abzuwehren, sprach er seinen Herrn an. Vala sah ihn rasch und wortreich reden, wie es offenbar seine Art war, aber hastiger, als er mit ihr gesprochen hatte, und ohne den Humor, der eben noch durch seine Worte geblitzt hatte und der sogar für sie bemerkbar gewesen war.
Sie sah ihn seltsam verlegene Sprünge und Verrenkungen machen, als lege er es geradezu darauf an, dass sein Herr ihn nicht ernst nähme. Ein- oder zweimal fuhr die Peitsche herunter, nicht mit aller Kraft, aber doch so, dass es wehtun musste. Vala begriff nicht, warum Claudios nicht zornig wurde. Er benahm sich wie ein Narr, duckte sich, wand sich in einer Art übertriebener Karikatur der eigenen Leiden und schien sie dann plötzlich wieder abgeschüttelt zu haben. Doch während dieses ganzen Theaters, während dessen er immer wieder die Hände hob, wie ein Beter, redete er fortwährend auf Selim ein, der missmutig auf seinem Kamel hockte, aber doch lauschte. Claudios wies mehrfach auf Vala, die immer noch fluchtbereit auf ihrem Pferd saß. Schließlich zog er das Kamel heran und zeigte Selim den verarzteten Fuß. Der schien nachdenklich zu werden. Vala sah, dass er ihr einen langen Blick zuwarf. Schließlich sagte er etwas zu Claudios, bellte irgendeinen Befehl, zog ihm noch einmal die Peitsche über und trieb dann sein Reittier an, erneut der Karawane zu folgen.
Mit gerunzelter Stirn schaute Vala Claudios entgegen, der zu ihrer Verwunderung höchst zufrieden aussah. Mit lässigen Schritten kam er auf sie zu, wie ein Sieger. Er lachte und schüttelte seine Locken.
"Keine Angst, kleine Vala", rief er, als er noch ein paar Schritte von ihr entfernt war. "Es war nicht leicht, aber ich habe durchgesetzt, dass du mit uns kommen darfst. Deine medizinischen Künste haben Selim offenbar überzeugt. Und meine rhetorischen selbstverständlich. Komm ruhig." Er suchte sie zum Absteigen zu nötigen. Als sie sich sträubte, ließ er sie, wo sie war, und griff ihr frohgemut in die Zügel, um sie bis zu dem verletzten Kamel zu führen. Dort angekommen, griff er nach dessen Zügeln und machte sich daran, den Spuren der Karawane zu folgen. Dabei winkte er lebhaft, um sicherzugehen, dass Vala ihm auch folgte, was diese zögernd tat. Sie verstand nicht viel von seinem aufgekratzten Geplapper und schwieg störrisch. Bis Claudios sich schließlich nach ihr umwandte und sie fragend ansah.
"Herr?", sagte Vala, fordernd und misstrauisch.
Claudios seufzte. "Ja, Herr. Selim hat mich in Jerusalem gekauft, schon vor fünf Jahren. Ich bin sein Sklave. Sklave, verstehst du?", fragte er gereizt. "Natürlich nicht." Er seufzte. Dann kreuzte er die Handgelenke wie einer, der gefesselt ist, und hielt sie in die Richtung, in die Selim verschwunden war, als zöge der ihn an einem Strick hinterher.
Vala blickte verwirrt.
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