Geheimnisvolle Charaktere, echte und falsche Liebe, Schatten der Vergangenheit, Kämpfe und Intrigen, düstere Vorzeichen, belauschte Gespräche, Friedhöfe im Mondlicht... die "Frau in weiß" hat alles, woran man bei einem spannenden Gesellschaftsthriller denkt. Wenn man diese Zutaten heute als ausgelutscht und klischeehaft empfindet, hat man recht, denn längst wurden sie von schlechten Autoren bis zum Überdruß strapaziert. Aber: Wilkie Collins ist ein guter Autor - und er ist derjenige, der diese Zutaten als erster zu einem spannenden Gemisch verquickt hat. Collins hat das Schreiben revolutioniert und ist in vielem bis heute unerreicht.
Der viktorianische Autor Wilkie Collins gilt als Erfinder des Kriminalromans überhaupt (mit "The Moonstone"), war schon zu Lebzeiten eine legendäre Figur durch "The Woman in White" - sein erstes Meisterwerk, das ihn unsterblich machte. Er war aber auch skandalumwittert, da er ganz offen in wilder Ehe lebte. Er hatte das spannende Schreiben perfektioniert: Erschien die Zeitschrift mit der neuen Fortsetzung eines seiner Bücher, so standen die Menschen frühmorgens vor den Läden Schlange. Nicht zuletzt, weil Collins die Technik des Cliff-Hangers eingeführt und auf die Spitze getrieben hatte, des Spannungshöhepunkts am Ende eines Kapitels.
Übrigens sind Collins' Helden oft Heldinnen: Starke Frauen, die sich über das eingeschränkte Frauenbild ihrer Zeit hinwegsetzen. Der Autor gilt darum auch als ein Wegbereiter des Feminismus, auch privat trat er gegen die unwürdige Situation der Frau in seiner Epoche ein. Und er war ein Meister des literarischen Grundsatzes "Show, don't tell": Er berichtete die erstaunlichen Geschehnisse und Personen nicht nur, sondern ließ den Leser sie selbst mitempfinden. In "The Law and the Lady" etwa führt er eine besonders ungewöhnliche Figur ein (den Maschinenmenschen Miserrimus Dexter), indem er die Heldin zwei hochspannende Kapitel lang - in denen die Handlung ansonsten keinen Schritt vorankommt - den außergewöhnlichen Charakter erleben und kennenlernen lässt.
Auch darin war Collins seiner Zeit weit voraus: Seine Schurken nicht platte Bösewichte, sondern faszinierende und vielschichtige Charaktere, den Helden mindestens ebenbürtig. Hier in der "Frau in weiß" ist es vor allem Graf Fosco, dessen undurchschaubares Wesen ihn in den Mittelpunkt des Interesses stellt. Die Handlung hier nachzuerzählen würde dem Roman nicht gerecht: seine ausgeklügelt verwickelten und immer wieder überraschenden Handlungsstränge muss man selbst "miterlebt" haben. Faszinierend finde ich, wie Collins vor nichts zurückschreckt: Eine dramatische Katastrophe, mit der ein anderer Autor sich selbst in eine erzählerische Sackgasse manövriert hätte, ist für Collins nur der Ausgangspunkt für neue spannende Wendungen.
Denn das ist das wichtigste bleibt: Collins' Geschichten kann man auch heute noch nur schwer aus der Hand legen, weil sie einfach so genial konstruiert und unglaublich spannend geschrieben sind. Krimis, aber auch viel mehr das, Gesellschaftsromane vom feinsten. Viele seiner Bücher gibt es auf deutsch, aber auch sein Englisch ist nicht schwer zu lesen. Am bekanntesten sind neben der "Frau in weiß" noch der Moonstone/Monddiamant und "Armadale", zu deutsch: "Der rote Schal".