Als geschichtsinteressierte Krefelderin war ich gespannt auf diesen Roman. Allerdings verflog die Spannung relativ schnell und wich Enttäuschung und Langeweile.
Im Klappentext wird die Geschichte einer Frau, die ihren eigenen Weg geht angekündigt, in der Danksagung schreibt die Autorin, dass sie einen Roman über die Familie ter Meer verfassen wollte - beides ist gründlich daneben gegangen.
Natürlich ist der Roman Fiktion - aber einfach willkürlich namentlich bekannte Personen zusammen zu weben, enttäuscht die geschichtlich versierten Leser schon sehr. Zumal der bekannteste Sproß der ter-Meer-Familie, Edmund, (1852 bis 1931) noch immer in Krefeld, vor allem in Uerdingen hohes Ansehen genießt, Ehrenbürger der Stadt ist und neben vielen sozialen Projekten den eigentlichen Grundstein für die heutigen Bayer-Werke in Krefeld-Uerdingen legte.
Mit dem Titel fängt es an: Die Frau des Seidenwebers kommt in diesem Buch gar nicht vor. Anna, die Hauptdarstellerin heiratet in erster Ehe einen Weinhändler und in zweiter den Verfasser eines bekannten Tagebuchs, Abraham ter Meer, der im wirklichen Leben Buchändler und Verleger war. Das Seidenwebmonopol hatte bis 1792 die Krefelder Familie von der Leyen inne - erst der Sohn des Abraham ter Meer, ebenfalls ein Abraham, wurde wesentlich später Seidenmanufaktorist. Im Roman ist Abraham sen. allerdings Mitbesitzer einer Pferdemühle und ansatzweise so etwas wie Leinenweber, die in Krefeld auch in hohem Maße vertreten waren. Grundsätzlich sind die männlichen Hauptdarsteller allerdings eher damit beschäftigt, auf Reisen zu sein oder der Literatur und Astronomie zu fröhnen.
So hat sich die Autorin den Namen ter Meer also nur als Namen für ihren Darsteller ausgeliehen. Genau so gut könnte er Schmitz heißen - das würde die Handlung nicht beeinflussen.
Des weiteren werden Strassen und Plätze willkürlich von einem Stadtteil in den anderen geschoben, über das harte Leben der einfachen Weber und auch das tägliche Leben in der Mennoniten-Gemeinde erfährt man so gut wie nichts und mit der Beschreibung des städtischen Lebens zu dieser Zeit in Krefeld ist es auch eher mäßig bestellt.
Und dann die Hauptdarstellerin - ein Ausbund an Tugendhaftigkeit, Nächstenliebe und Demut - natürlich ist sie obendrein auch noch gebildet und bildhübsch. Immer wieder kommt sie haarscharf aus gefährlichen Situationen unbeschadet wieder heraus, unglaubliche Zufälle bringen Wendungen in ihrem Leben und auch wenn sie dauernd aus den verschiedensten Gründen entweder krank ist oder mit den Nerven am Ende: sie steht heldenhaft wieder auf, um ihre Pflicht als gute Nichte, Ehefrau und Mitglied der Gemeinde zu tun.
Der überstürzt geheiratete Ehemann entpuppt sich gleich in der Hochzeitsnacht als übler Schläger und Vergewaltiger - Anna kehrt trotzdem nach kurzer Flucht zu ihm zurück und bleibt. Von ..."ihren eigenen Weg finden..." kann also nicht die Rede sein. Erst ein französicher Offizier, der Abbitte leisten will für eine am Anfang des Buches fast erfolgte Vergewaltigung (einer der hahnebüchenen Zufallswendungen des Romans) befreit Anna von diesem Ehejoch, in dem er die Hinrichtung des üblen Gatten veranlasst; nach einiger Zeit heiratet sie den bereits erwähnten Abraham ter Meer und voilà - Friede, Freude, Eierkuchen zum Ende des Romans, denn Abraham ist natürlich ebenfalls ein beson-ders guter Mensch.
Ein bisschen erstaunt, oder besser besorgt hat mich im Zusammenhang mit dem Buch die anschauliche Schilderung von Hinrichtungsmethoden und der Gewalt, bzw. Vergewaltigungen in der Ehe. Da hat die Autorin, anders als an anderen Stellen, offensichtlich recht sauber recherchiert - es bleibt nichts der Phantasie des Lesers überlassen.
Schöner wäre es allerdings gewesen, sie hätte stattdessen das Haus der Seidenkultur und das Textilmuseum in Krefeld-Linn besucht. Oder den Abriss der Familiengeschichte der ter Meer von Theo. Gis-berts gelesen. Außerdem haben wir in Krefeld wirklich gute Archive, was die Geschichte der Stadt zur Zeit der von der Leyens angeht - man hätte mit etwas mehr Aufwand ein wirklich gut fundiertes Krefeld-Buch schreiben können. So hat es allerdings - auch vom Schreibstil her - höchstens die Klasse eines Sylvia-Romans.
Zwei Sterne vergebe ich, weil die Recherchen über den siebenjährigen Krieg und Teile der damaligen Umgebung Krefelds sowie die Beschreibung und Einflechtung einiger historisch belegter Personen gut gelungen sind und die Arbeit als solche natürlich Würdigung verlangt. Ein ganzes Buch schreibt sich ja nicht mal eben über Nacht - alles in allem würde ich aber für einen Schulaufsatz maximal eine 5 geben - Thema verfehlt.....schade