Seit dem ich vor Jahren, seit dem ich die geniale Verfilmung aus dem Jahr 1989
([...]), gesehen habe, bin ich hinter diesem Buch her. Als ich dann vor etwa einem halben Jahr den Termin für die Neuauflage entdeckt habe, wurde der Termin sofort rot im Kalender angestrichen.
Die Frau in Schwarz von Susan Hill ist ein klassischer Horrorroman, in dem alle Versatzstücke für schlaflose Nächte enthalten sind. Das Spukhaus in einer gottverlassenen Einöde, eine wirklich teuflische Protagonistin, Nacht, Sturm, einfach alles, was man für eine gepflegte Gänsehaut benötigt. Da dieser Roman aber vor allem durch die o.a. Verfilmung bekannt wurde, werde ich um einige Querverweise nicht herumkommen. Allerdings kenne ich die Neuverfilmung mit Daniel Redcliffe nicht, weshalb sich diese Verweise immer auf die alte beziehen.
Handlung:
Zu der Handlung ist nicht viel zu sagen; würde sie alleine beurteilt werden, wäre man gezwungen, 5 Sterne zu vergeben. Die Geschichte könnte man sozusagen als Mutterschiff der Spukhausromane bezeichnen. Neben ihr sehen die Versuche von King, Laymon und Co. blass aus.
Umsetzung:
Eine Schwäche des Romans sehe ich in der Umsetzung der Grundidee. Anfangs war ich begeistert von der eloquenten Art, schon von Anfang an eine düstere Atmosphäre zu schaffen. Leider wird diese nicht vollständig durch die Handlung getragen. Irgendwann kippt die Erzählform. Man hat dann fast den Eindruck, als wolle die Autorin das Buch so schnell wie möglich hinter sich bringen, was eigentlich schade ist, hätte die Handlung doch noch deutlich mehr Potenzial gehabt. Die letzten Szenen werden eilig heruntererzählt. Interessanterweise nutzen die Filmemacher (Hinweis: Alte Verfilmung!) gerade diese Schlussphase sehr geschickt. Genau hier findet sich die legendäre "Bettszene", die wohl jedem Seher eine Gänsehaut über den Körper gejagt hat. Im Buch werden diese ganzen Folgeereignisse sehr unspektakulär fertigerzählt, als habe man noch einen Termin und wolle die lästige Handlung nun endlich abschließen. Anders ist auch nicht zu erklären, dass das Buch auf lächerlichen 202 Seiten Platz findet - also mehr Broschüre als Buch.
Sprache:
Eine große Stärke der Autorin ist die Sprache. Wie schon eingangs erwähnt, versteht es die Autorin, sie einzusetzen. Leider nur bis zur Schlussphase, in der die Handlung aus der Perspektive des Protagonisten im Rückblick erzählt wird.
Fazit:
Trotz schwächen ist und bleibt die Frau in Schwarz mein absoluter Favorit bei den Schauerromanen. Ein Sprint der Spannung von 0 auf 100 in Rekordzeit; leider geht dem Sprinter auf den letzten Metern die Puste aus. Es bleibt ein Highlight der Horrorliteratur, das die Autorin mit ein klein wenig guten Willen, zur Perfektion hätte treiben können.
Sie hat es nicht getan.
Noch ein abschließendes Wort zur (alten) Verfilmung:
Die Handlung bleibt nahe am Buch, weicht aber in einigen Details von ihm ab, was der Spannung ab und zu sehr zuträglich ist, was aber auch einige Fragen offenlässt.
Gerade die Atmosphäre des Buchs wird in dieser Verfilmung genial eingefangen. Die Frau in Schwarz ist eine der wenigen Verfilmungen, bei denen ich eigentlich keine Neufassung "gebraucht" hätte. Die neue Version mit Harry Potter alias Daniel Redcliffe hat mich bisher noch nicht besonders gereizt, obwohl ich mir sehr sicher bin, dass ich mir die DVD zu später Stunde noch ansehen werde.
Vier von fünf Sternen für meinen persönlichen Spukhaus-Favoriten.
Nachtrag zur neuen Verfilmung:
Anfangs war ich enttäuscht, dass die Buchvorlage so verstümmelt wurde; das Verhältnis zum Chef, die Dorfbewohner, der Wirt, so gut wie kein Detail, das in der Anfangsphase nicht verändert wurde. Allerdings musste ich mir selbst eingestehen, dass diese Veränderungen die Geschichte stimmiger machten. Warum sonst würde wohl der gute Kipps in Erwägung ziehen, in DIESEM Haus zu übernachten, wenn ihm in unmittelbarer Nähe beim Wirt ein angenehmes Zimmer, freundliche Menschen und gutes Essen zur Verfügung stehen? So weit so gut.
An sich wechselt die Neuverfilmung vom Mystery- zum klassischen Horrorgenre. Die Stimmung ist von Anfang an unangenehm, dennoch will die düstere Atmosphäre, die das Buch so genial vermittelt, nicht so recht aufkommen. Wenig hilfreich ist da auch das typische Spukhaus-Klischee. Spukhäuser in amerikanischen Filmen (oder war dieser etwa aus GB?) sind grundsätzlich mit dunkel getäfelten Wänden, Spinnweben, die so dicht sind, dass man sich einen Pullover draus stricken könnte und altem Gerümpel vollgestellt. Jeder Antiquitätenladen würde vor Neid erblassen.
Angenehm überrascht war ich, dass die Spannung dann doch sehr schnell Fahrt aufnimmt und eine Gänsehaut die nächste jagt. Anders als im Buch steigert sie sich von Minute zu Minute, bis das Ganze in einem furiosen Finale endet, das zwar nichts mit dem Buch zu tun hat, aber das dennoch sehr originell ist. Sogar die IIIIIIIIHHHHHHHH-Szene hat es in die Neuverfilmung geschafft - was mich sehr gefreut hat :-)
Fazit: Anders als das Buch, aber 4 von 5 Sternen auch für die Neuverfilmung.