Hinter der Titelfigur verbirgt sich Xantippe, legendäre Frau des Sokrates, sprichwörtlicher Inbegriff der streitsüchtigen, unleidlichen Frau. Wer hier nur eine herkömmliche Biographie: "berühmtestes keifendes Weib" erwartet, wird enttäuscht werden.
Dieser historische Roman, herrlich leicht erzählt, lässt die griechische Antike lebendig werden. Aus Sicht des Schuster Simon - sein Lebtag Nachbar von Xantippe (in die er ein klein wenig verliebt ist) und Sokrates - erfährt der Leser jede Menge über das gesellschaftliche Umfeld, das politische Geschehen und die wirtschaftlichen Verhältnisse der Zeit (und er erhält nebenher natürlich eine kleine Lektion in Philosophie). Der Augen- und Ohrenzeuge Simon zeichnet chronologisch kleine Episoden und große Begebenheiten aus dem Leben dieser beiden konträren Berühmtheiten nach.
Der Ruf, der Xantippe vorauseilt, wird dabei relativiert. Heute würde man wohl eher von einer emanzipierten, selbstbewußten, vielleicht impulsiven Frau sprechen. Aber zugegeben: für jene Zeit eine außergewöhnliche Person; Xantippe ist umstritten: ständig sind neue Nachrichten und Klatschgeschichten über sie im Umlauf, die, je nach Sicht, die Bürger Athens erheitern oder empören. So desertiert sie zeitweilig aus ihrem Elternhaus oder meldet sich zum Stadionlauf - völlig ungebührlich für eine Frau!
Sokrates, ein eher sanfter Charakter, heiter und gelassen, führt ein nicht minder unbürgerliches Leben. Der gemäß Tradition vom Vater übernommene Beruf als Steinmetz ist nicht nach seinem Geschmack: das Behauen von Steinen langweilt ihn. Lieber übernimmt er den Beruf seiner Mutter: Hebamme. Halt! Natürlich im übertragenen Sinne: denn Sokrates Berufung liegt darin, die Wahrheit ans Licht der Welt zu holen. Mit Unschuldsmiene und dialektischen Künsten übt er sein philosophisches Handwerk auf dem Marktplatz aus - mit dem Ziel, sein Gegenüber zur Einsicht der eigenen Unwissenheit zu bringen: denn nur richtiges Denken, meint er, kann richtiges Handeln nach sich ziehen. Er, der jede objektive Ordnung durch seine Fragerei in Frage stellt, wird somit gleichermaßen geliebt wie gefürchtet.
Das gemeinsame Leben der beiden beginnt mit einer ebenso amüsanten wie erfolgreichen Brautwerbung des wesentlich älteren Sokrates, die damit endet, dass Xantippe - liebevoll von ihm Xantha genannt - "mit wehendem Brautschleier" auf dem Weg in ihr neues Heim "selbst die Zügel hält" - symbolisch für das Kommende. Anfangs noch hochmütig den Schein ihrer aristokratischen Abstammung wahrend, kümmert sie sich resolut um Haushalt und Lebensunterhalt. Da Sokrates hier wenig beisteuert, kommt der Familie ihre Tatkraft und ihr gesunder Geschäftssinn zu Gute. Sie jobbt in einer Töpferwerkstatt, als Markt- und Klageweib, bestellt den Weinberg und was sonst so anfällt. Zu Hause ist sie liebevolle Mutter für ihre drei Söhne und zugetane, wenn auch kämpferische Ehefrau. Ihr Auftreten bringt Xantippe jetzt öffentlich - wenn auch widerwillige - Anerkennung. Was Sokrates unter den Männer, ist Xantippe unter den Frauen Athens.
Xantippe ist für Sokrates notwendiger Sparringpartner für's tägliche Streittraining [Frage: Warum hast du dir gerade eine so unumgängliche Frau genommen? Antwort: Wer lernen will, mit Pferden umzugehen, übt besser mit mutigen Rössern als mit gutmütigen Lasttieren]. Er braucht Debatten wie "Gerstenbrei, Wein und Oliven". Beide liefern sich ebenbürtige Wortgefechte: eloquent, ironisch, scharfzüngig, scharfsinnig. Viele der den beiden (und dem Sokrates und seinen Disputanten auf der Agora) in den Mund gelegten Dialoge geben dabei - zumindest sinngemäß - die nach sokratischer Methode geführten Gespräche wider, die u.a. von Platon, einem Schüler des Philosophen, oder dem Feldherrn Xenophon schriftlich überliefert worden sind. Und gerade dieser spielerische Umgang mit Historie und Fiktion macht den Reiz und Charme des Romans aus.
Das Ende ist seit zweieinhalbtausend Jahren bekannt: Sokrates wird angeklagt, die Jugend zu verderben und zum "Schierlingbecher" verurteilt. Die Spur von Xantippe aber verliert sich - so Zeitzeuge Simon - nach dem Tod ihres Mannes.