Zur Einordnung:
Dieser Wälzer von Wiggershaus mit seinen 800 Seiten ist seit 1988 schlicht und einfach das Standardwerk für die akademische Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie in der Erscheinungsform ihrer Gründungsgeneration aus dem Frankfurter Institut für Sozialforschung. Es gibt kein vergleichbares Überblickswerk - einzig zu nennen wäre das sehr gute, jedoch noch deutlich ältere Buch "Dialektische Phantasie" von Martin Jay, das einen ähnlichen Anspruch erhebt. Man findet zuhauf kurze, auch sehr gute Einführungen von 100-250 Seiten, und natürlich Sekundärliteratur zu jedem Spezialaspekt der wahrlich breit aufgestellten Kritischen Theorie, aber eine bessere Gesamtdarstellung? Fehlanzeige. So viel zu den Verdiensten des Buches.
Zum Inhalt:
Das Buch folgt grob einem chronologischen Ablauf von den 20er bis in die 70er Jahre: Die Gründung des IfS, Horkheimers Direktorat, die empirischen Studien, das Exil in Amerika, die Dialektik der Aufklärung, Rückkehr, Studierendenbewegung, das Ende der "Frankfurter Schule" mit dem Tod von Horkheimer und Adorno, der Anfang von Habermas' sprachtheoretischer Wende - das ungefähr ist der oft sehr detailliert geschilderte Bogen der Erzählung. Inahltliche Schwergewichte liegen bei den empirischen Studien der 40er Jahre, bei der Dialektik der Aufklärung, der Studierendenbewegung der 60er Jahre. Personale Schwerpunkte liegen bei H., A., Marcuse und Pollock; Fromm, Löwenthal un Benjamin sowie die anderen Institutsmitarbeiter kommen weniger vor.
Zur Kritik:
Wiggershaus schreibt wissenschaftlich. Das ist ausreichend für den Anspruch des Werkes, aber leider kein Vergnügen für die Lesenden. Tatsächlich ist vieles gewunden, umwegig, und die Gewichtungen einzelner Themen (wann wird kursorisch berichtet; wann taucht der Autor ins gedankliche Detail ein) werden oft nicht expliziet verständlich gemacht. Den Roten Faden muß man sich daher selber - mitunter mühsam - erarbeiten. Das Buch gehört halt nicht zu denen, die beim Lesen Spaß machen; dabei ist das auch bei wissenschaftlichen Texten durchaus machbar. Zudem ist es nun schon über 20 Jahre alt - man wünscht sich mitunter ein zusätzliches Kapitel aus heutiger Sicht, das könnte die Perspektive nochmal erweitern.
Fazit:
Wer nur wissen will, was ungefähr Kritische Theorie oder Frankfurter Schule denn nun sei, der kann auf die Zumutung dieser 800 Seiten getrost verzichten und besser eine der vielen kürzeren Einführungen erstehen. Wer sich aber etwa im Rahmen einer Universitätsarbeit oder politischer bzw. philosophischer Debatten vertiefend mit Kritischer Theorie auseinandersetzen will sollte sich das Buch zulegen. Es ist als Nachschlagewerk und als Referenz unentbehrlich.
Warnung:
Diese Rezension bezieht sich auf das 800-Seiten-Werk von 1988 bei dtv; bei rororo hat der Autor unter dem selben (!) Titel 2010 eine Kurmonographie publiziert, bitte beides nicht verwechseln!