War doch gar nicht übel! Vielleicht war es ganz gut, dass die Erwartungen so tiefgelegt waren: Ein Mitrezensent hatte schon Übles über die Qualität der DVDs aus der Serie "Cinema Classics" geschrieben, und auch der Film selbst konnte sich nicht gerade mit Vorschussruhm bekleckern. 1955 ging es mit der Karriere der Stanwyck so langsam bergab, Regisseur Allan Dwan drehte seine letzten Werke nach einer langen Karriere (was, bitte, nicht zwangsläufig ein schlechtes Omen sein muss), und die beiden hatten ja schon einen Vorgängerfilm gemacht, der ihnen gar nicht gut anstand: "Die Königin von Montana". Gemessen daran ist "Die Flucht durch Burma" sicherlich keine Offenbarung, aber auch kein Offenbarungseid, sondern solide, gelegentlich etwas unausgegorene, am Rande aber auch mal ziemlich interessante Unterhaltung.
Der Film nutzt eine klassische Action-/Abenteuer-Konstellation: Ein Mann wird wegen Mordes gesucht, lernt eine toughe Frau kennen und muss mit der sowie einem Polizisten wilde Abenteuer bestehen. Die Tatsache, dass sich unter den Jägern einige befinden, vor denen man tunlichst noch mehr Angst haben sollte als vor den Gejagten, schweißt Menschen zusammen, die auf verschiedenen Seiten des Gesetzes stehen, und die Liebe schleicht sich natürlich auch noch ein. Das alles geht in flotten 83 Minuten über die Bühne und bietet ein paar für 1955 knallige Actionszenen sowie den kolonialen Charme dessen, was man in den Fünfzigern "Exotik" nannte, jede Menge Tierdressuren inclusive. Einmal abgesehen davon, dass die Farben des Films tatsächlich mitunter reichlich Patina angesetzt haben, ist er gar nicht mal schlecht fotografiert, John Alton ist anerkanntermaßen ein bedeutenden Kameramann, gerade gut in Außenaufnahmen. Auffällig ist hier, dass in den verwaschenen grünen und braunen Tönen, die mitunter fast monochrom anmuten, immer mal wieder Tupfer von Rot besonders hervorstechen. Das kann sich an einem Halstuch der Stanwyck zeigen, an einer öfters markant ins Bild gerückten Pflanze, an einer Wunde, die Aufzählung ist nicht abschließend. Rot bedeutet hier immer Gefahr oder Begierde oder beides. Interessanterweise sind eine Handvoll Rubine ein wesentliches Handlungselement, von denen es heißt, sie seien geraubt worden - gefährliche Begierde ist nicht nur die sexuelle, sondern auch die materielle! Ja, so ist das mit dem Rot, auf der ganzen Welt sind Gefahrenzeichen im Straßenverkehr rot, und des weiteren bedeutet es Blut im Sinne von Leidenschaft, Leben, aber auch Verletzung und Schmerz und Gewalt. Passt also alles sehr gut.
Auf der Haben-Seite sind ferner hervorragende Leistungen von der gewohnt guten und toughen Barbara Stanwyck zu vermerken, vor allem aber auch von Robert Ryan. Hier liegt der entscheidende Vorzug gegenüber dem erwähnten Vergleichsfilm "Die Königin von Montana", denn Ryan ist dem etwas hölzernen Ronald Reagan um Klassen voraus. Ryan, dieser baumlange Kerl, hat öfter einmal gebrochene Helden oder zwanghaft gewalttätige Typen gespielt, seine Gesichtsmuskeln wirken immer angespannt, der Mann strahlt eine ungebändigte und immer etwas unkontrollierte Energie aus. Damit konnte er immer wunderbar Typen am Rande des Abgrundes spielen, so auch hier: Gleich in seiner ersten Szene - man ahnt es, aber weiß noch nicht sicher, dass er derjenige sein wird, der wegen Mordes gejagt wird - schaut er sich nervös und angespannt um, sein Gesicht weiß noch nicht, ob es sich fürchten oder in ein trotziges Grinsen umschwenken soll. So etwas kann er wunderbar, etwas undurchsichtig dreinschauen, aber immer in der Gefahr sein, zu schnell Oberwasser zu bekommen und sich durch vermeintliche Selbstsicherheit, wenn es mal besser läuft, sein eigenes Grab zu schaufeln. Den ganzen Film über wird er überzeugend diesen etwas undurchsichtigen Charakter geben.
Was kostet also die Sterne? Wie Anfangs angedeutet, geht es gelegentlich etwas holzschnittartig zur Sache, auch das Ende ist eine wenig überzeugende Wendung aus der Wundertüte des Drehbuchautors. Schade ist ferner, dass einige sehr gute Ideen äußerst halbherzig zu Ende geführt werden. Was hätte man daraus machen können, so viele Tiere in dem Film einzusetzen! Ganz offensichtlich liebt die Stanwyck Tiere: Gleich zu Beginn entlässt sie einen Elefantenführer, der sein Tier misshandelt hat. Der "Eingeborene" kniet vor der "Kolonialherrin", bekommt aber keine zweite Chance (Was für ein Bild! Aber der Kniefall sagt mehr über die unvergleichliche Stanwyck als über "Rassen", also geht das schon in Ordnung). Später setzt die Stanwyck ihre Freunde, die Elefanten, im Kampf um Ryans Entkommen ein. In einer weiteren Szene kommt es zum schärfsten Dialog des ganzen Filmes: Stanwycks Bedienstete haben ihr einen kleinen dressierten Elefanten geschenkt, irgendjemand sagt: "Sie kennen sich aber gut mit Elefanten aus", und darauf sie: "Es ist ein männlicher Elefant." Jaja, die Stanwyck als Männerbezähmerin... Schließlich sagt sie einmal angesichts der Streitereien von Ryan und dem von David Farrar gespielten Polizisten, sie wäre jetzt lieber bei ihren Tieren. Als sie sich wenig später zur Ruhe legt, versucht nicht etwa ein Mann, sich bei ihr anzukuscheln. Nein, das tut ein kleines Äffchen, und die Stanwyck fühlt sich sichtlich wohl dabei. Tiere als die besseren Menschen und die besseren Männer? Ich habe immerhin fünf markante Szenen über die Bedeutung von Tieren herausgefunden (und sicherlich noch welche übersehen), aber leider verpufft das alles dann doch noch. Wie die Stanwyck immer urplötzlich bereit ist, bezüglich ihrer Haltung gegenüber Ryan von einem ins andere Extrem umzuschwenken, ist nur schwer erträglich. Man sieht in alten Filmen viele, leider gerade viele Frauen, die bereit sind, sich einem nahezu Unbekannten naiv an den Hals zu werfen, aber gerade der Stanwyck nimmt man es hier besonders schlecht ab. Sie ist ansonsten so stark, hat sich eine Teakholzplantage aufgebaut, ist eine Art Institution im Dschungel für alle Mühseligen und Beladenen, Ansprechpartner für Konfliktparteien, ihre eigene Herrin, bloß um den Ryan abwechselnd anzuhimmeln und zu grübeln, ob sie das besser sein ließe. Gute Ansätze treffen auf schwache Filmkonvention, und hier reibt sich das so stark, dass die Reibungsverluste erheblich sind.
Hinzu kommt natürlich, dass die Bildqualität zwar nicht gerade unterirdisch, aber schon farblich mitunter abenteuerlich ist. Es gibt keine Extras, immerhin die deutsche und englische Tonspur, aber keine Untertitel. Superpeinlich ist, dass der Film im falschen Format vorliegt, und zwar im Vollbildmodus, also 1,33:1. Die Edition ist so lieblos gemacht, dass den Machern nicht einmal folgendes aufgefallen ist: Bei den Credits wird auf "SuperScope" hingewiesen, aber Schwarzbalken sind weit und breit nicht zu sehen. So merkt auch derjenige, der bei sowas eher geringe detektivische Ambitionen hat: Das kann nicht sein! SuperScope hat das Format 1:2,00, es fehlt also rechts und links vom Bild ein ganzes Stück. Da muss bei drei Sternen Schluss sein. Aber für zweie habe ich mich dann doch zu gut unterhalten.