Zum Einstieg in das Thema ist der TV-Zweiteiler durchaus empfehlenswert. In rund drei Stunden Laufzeit wird durch die zahlreichen handelnden Personen das Leben in Ostpreußen kurz vor Kriegsende sowie die Flucht mit ihren Schrecknissen geschildert. Daß dabei vieles nicht in epischer Breite und Vertiefung gezeigt wird, dürfte dem Format geschuldet sein - es ist eine Fernsehproduktion, die im Abendprogramm lief und darüber hinaus (wie viele ihrer Art) auch zur Ausstrahlung im europäischen Ausland gedacht war. Gerade die Liebesgeschichte, die ich im Gegensatz zu anderen Rezensenten nicht allzu penetrant in den Vordergrund gerückt fand, ergibt sich sicherlich aus der Zusammenarbeit mit ARTE.
Man kann darüber streiten, ob mehr Fliegerangriffe, Kältetote oder Vergewaltigungen hätten gezeigt werden sollen. Letztere übrigens tauchen nicht, wie es in einer anderen Rezension heißt, einmal auf, sondern zweimal. Weil im ersten Fall, die sterbende Flüchtlingsfrau (und, wer genau hinsieht, noch andere im gleichen Treck), aber nur die Folgen zu sehen sind und für jemanden, der sich mit dem Thema noch nicht näher befaßt hat, die Worte ihrer Begleiterin ziemlich unverständlich sein dürften, fällt das so ein bißchen unter den Tisch. Natürlich ist diese Episode eine Vorahnung der "richtigen", gezeigten Vergewaltigung, und davon muß ich persönlich nicht noch mehr haben. So, wie diese Szene dargestellt ist, sagt sie alles Wesentliche aus.
Ob ein "mehr" von allem die Situation der Flüchtenden akurater beschrieben hätte? Zweifellos. Ob die Greuel, denen die Flüchtenden täglich ausgesetzt waren, dem Zuschauer in abgepolsterter, fernsehtauglicher Form durch stellvertretend dafür eingesetzte Szenen präsentiert werden, wenn ihm ihr wahres Ausmaß doch erst durch unerbittliche Wiederholung eingehämmert werden würde? Eindeutig. Aber ich bezweifle stark, daß ein solcher Film es ins Abendprogramm geschafft hätte.
Die Vertreibung ist heute noch ein heißes Thema. Wie die Produzenten im Making of selbst zugeben, bemühten sie sich, "den Revanchisten" keine neue Munition zu liefern, was im Umkehrschluß zu der von vielen kritisierten übermäßigen political correctness führte. Das mag man gutheißen oder nicht. Sicherlich hätten einige Handlungsstränge gekürzt werden können, um der titelgebenden Flucht mehr Platz einzuräumen. Gerade der abrupte Zeit- und Handlungssprung vom eisigen Haff ins sonnige Bayern tut einfach nur weh.
Dennoch, wie gesagt, halte ich die Umsetzung für das anvisierte Publikum für gelungen. Denn dieses sind gewiß weder Zeitzeugen noch Historiker oder historisch Interessierte, sondern die Generation der Nachgeborenen im In- und Ausland, die sich mit dem Thema bisher wenig bis gar nicht beschäftigt haben. "Die Flucht" soll keine Dokumentation sein; als Spielfilm muß sie sich dramaturgischen Regeln beugen und tut es auch. Was sie bietet, ist das damalige Geschehen in komprimierter Form mit genug Aussage, um eigene Beschäftigung mit dem Thema anzuregen. Und das kann ja niemals falsch sein. Was ich daher auf der DVD sehr vermißte, waren entsprechende ergänzende Extras - Sachtexte, Interviews mit Vertriebenen oder Historikern, etwas in der Art. Schade, daß wohl aus Geldgründen darauf verzichtet wurde.
Wer weiß, vielleicht findet sich irgendwann noch jemand, der den Stoff in tiefergehender Form filmisch aufbereitet.