1 Unser Erkennen sei letztlich: in Sprache am Diskurs teilnehmen.
Und das Erkannte sei: ein sprachlich-diskursiv entwickeltes Bewusstseinsergebnis.
2 Der Diskurs ziele de facto nicht auf ein Rechthaben, sondern auf ein Rechtbekommen. Und weil unser ‚Erkennen’ auf sprachliche Diskursteilnahme festgelegt sei, ginge es jedem von uns immer nur um ein Rechtbekommen.
3 Der Wahrheitsbegriff aber diene dazu, den Diskurs für sich zu entscheiden, indem er eine fiktive (und dem Diskurs überlegene) Position außerhalb des Diskurses einführe.
Entgegnung:
1 Wir sind zu unserem Erkennen-in-Sprachlichkeit in ein Verhältnis gesetzt, wir reflektieren darüber. Erkennen geschieht nicht erst in Sprache, sondern führt auch schon in Sprachlichkeit hinein – auch das ist Erkennen -, im weiteren reflektiert es unsere Sprachverfasstheit. Jenes Erkennen, dass ich ein Erkennender bin (unter Befragung der zugehörigen ‚Instrumente’ wie Sprache, Sinnenhaftigkeit etc.), ist kein Scheinproblem der Philosophie, sondern Grundsituation des Menschen. Sie entspringt auch nicht einem abendländischen ‚Dualismus des Denkens’ und kann schon gar nicht mit einem ‚Nondualismus’ überwunden werden.
Der Dualismus (um dieses unglückliche Wort zu verwenden) ist also immer schon da, aber er betrifft eigentlich nicht Subjekt<>Objekt, Sein<>Bewusstsein, sondern ist eher ein Trialismus: Subjekt<>Subjektivität<>Möglichkeit der Objektivität, Bewusstsein<>sich als Bewusstsein bewusst sein<>das Bewusste in Abhängigkeit davon. DAS war immer das Feld der Philosophie. Bei Mitterer aber wird der Erkennensprozess überführt in einen Automatismus: Gemäß unserer (neuro)physiologischen und sprachlichen Bedingtheit – und deren Modifizierung im Diskurs - ergäben sich ‚Erkanntheiten’, über die wir nicht hinauskönnen. Das ignoriert unser real stattfindendes Problematisieren des Erkennens und leugnet folgerichtig eine Dimension Wahrheit. (Und real stattfindend heißt natürlich, dass es ein echtes Problematisieren ist, nicht etwa wieder Selbstbehauptung in einem intellektuellen Diskurs. Damit sind wir beim zweiten Punkt.)
2 Und wenn er auch darauf zielt und sich womöglich darin erschöpft, so erledigt sich der Diskurs keineswegs im (gesellschaftlichen) Rechtbekommen. Und ich stehe auch zum Diskurs, zu jeder sprachlichen Begegnung und Verständigung in einem Verhältnis, realisiere, dass ich da einer Dynamik des Begreifens und Für-wahr-Haltens ausgesetzt bin. Und ‚nach’ dem Diskurs werde ich vielleicht den Kopf frei bekommen wollen. Ging es mir zum einen zwar darum, im Diskurs zu bestehen, so will ich doch nicht im Diskurs aufgehen.
3 Da hat Josef Mitterer, Philosoph zu Klagenfurt, wohl von einer pfiffigen Entdeckung (?) her seine historische Mission gefunden - die explizite Abschaffung von ‚Wahrheit’, weil ja der Wahrheitsbegriff erst im Diskurs zur Erlangung eines Vorteils konstituiert worden wäre.
(Und alles andere war auch tatsächlich schon da: mit den Sprachspielen, mit der Autorität des (herrschaftsfreien) Diskurses, mit Neurophysiologie statt Neurophilosophie, mit der Aufhebung der Dualität im ganzheitlich Intentionalen usw.) Ob es die Seele gibt, und Wahrheit und Transzendenz wird immer GEGLAUBT werden müssen. Zu Mitterer nur noch soviel: Dass der Wahrheitsbegriff im Diskurs instrumentalisiert/instrumentalisierend konstituiert werden kann, schließt keineswegs eine Wahrheit ‚dahinter’ aus.