Dieses Buch des schwedischen Umweltjournalisten, Biologen und Schwebfliegensammlers Fredrik Sjöberg wurde sicher nicht nur für Entomologen geschrieben. Dennoch verdient es deren Aufmerksamkeit, denn es vermittelt neben durchaus spannenden entomologischen Details einen erfrischenden und selbstkritischen Blick auf die Zunft der Insektensammler. Es enthält gewissermaßen eine Doppelbiografie zweier ganz unterschiedlicher Entomologen: dem abenteuerlustigen René Malaise, den es in die Tropen Asiens zog, und die des eher bodenständigen Autors, der in Schweden sammelt und den Regenwald am liebsten im Fernsehen bewundert. Offensichtlich kam dies bei der breiten Öffentlichkeit gut an, denn das Original (Flugfällan) wurde 2004 für den renommierten schwedischen August-Preis nominiert. In neun recht eigenständigen Kapiteln wechselt der Autor kunstvoll Perspektive und Schwerpunkt, vermischt munter Autobiographisches mit mühsam recherchierten Details aus dem Leben seines Landsmannes René Malaise (1892-1978), und spannt den Erzählbogen bis hin zur Kunst ("...das letzte in der Reihe von Rätseln im Fall Malaise"). Das letzte Kapitel hat kriminalistische Qualitäten, über die hier nichts weiter verraten sei. Mit einem Verweis auf den "Fluch der Armut" schließt der Autor den Kreis zum Eingangskapitel, durchaus aktuell mit "Fluch der verhungernden Klasse" betitelt. Aktuelle Naturschutzpolitik wird im Kapitel "Der Fliegenbaum" hinterfragt, unter anderem am Beispiel einer uralten Schwarzpappel auf der Insel Ronneby, die bereits von Linné als Fliegenbaum erwähnt wird, von der Stadtverwaltung jedoch wegen Fäulnisverdacht gesprengt wird. Doch zurück zum entomologischen Teil des Buches, der - eingebettet in geistreiche Anekdoten zur schwedischen Schwebfliegenfaunistik - gewissermaßen als Kernstück eine Kurzbiografie des schwedischen Entomologen René Malaise enthält - der französische Name geht auf den Vater zurück, einen zugezogenen Franzosen, der lange Jahre Küchenchef des traditionsreichen Stockholmer Opernkellers war. R. Malaises erste große Expedition nach Kamtschatka - zusammen mit dem Ornithologen Sten Bergman und dem Pflanzengeographen Eric Hultén - ist gut dokumentiert, das abenteuerliche Sammlerleben in der unzugänglichen Wildnis hat Malaise 1924 selbst in seinem ersten Buch "Jagden und Erdbeben" (schwedisch) beschrieben. Danach wird es unübersichtlich: Sjöberg beginnt mit der Spurensuche anhand der Sammlungen und der Namen der neu beschriebenen Blattwespen-Arten. Die Neubeschreibung von Genus und Art Ebba soederhellae Malaise 1945 aus Burma ist direkt nach seiner zweiten Frau, der Biologielehrerin Ebba Soederhell benannt, entpuppte sich allerdings als eine weitere Art der Gattung Tenthredo (T. soederhellae: SAINI ET AL. 2006). Mit Ebba brach er von 1933 bis 1935 nach Kambaiti auf, einem kleinen Dorf im Bergregenwald des schwer zugänglichen nordöstlichen Burma (heute Myanmar), sowie weiter südlich in das schwer zugängliche Gebiet der thailändischen Nordgrenze, heute als "Goldenes Dreieck" bekannt. Dort entwickelte er auch seine Malaisefalle (Malaise 1937). Seine vor Ort aus schwarzer Baumwolle nach dem Muster einer Fischfalle genähten Malaisefallen produzierten eine ungeheure Menge an Material, das in der Folgezeit gewissenhaft sortiert und an Experten versandt wurde. "Noch siebzig Jahre später hat man nicht den Boden aller Gefäße gesehen (was möglicherweise ein Skandal ist), und die Zahl der wissenschaftlichen Artikel, die auf den burmesischen Fallenfängen basieren, ist schwer überschaubar". Allein unter den Elateriden gibt es 13 burmesische Arten in verschiedenen Gattungen, die den Namen malaisei tragen. Nach dem "Index to Organism Names" (http://www.organismnames.com/) sind mindestens 133 Arten nach ihm benannt! Neben Insekten wurden Fische und Ethnographica gesammelt. Sjöberg veröffentlicht beeindruckende Originalzitate aus den wenigen nicht-entomologischen Veröffentlichungen Malaises, leider ohne Quellenangaben. Die einzige Quellenangabe wurde leider irreführend übersetzt: Malaises Beschreibung seiner neuen Insektenfalle erschien keineswegs in der "Entomologischen Zeitschrift", sonder in der "Entomologisk Tidskrift" (MALAISE 1937). Die Geschichte seiner entscheidenden Erfindung - die erst später als "Malaise-Falle" allgemein bekannt wurde - wird dann aber getreu wiedergegeben. Malaise leitete seinen Artikel in englischer Sprache nicht unbescheiden mit dem Satz ein: "Since the time of Linnaeus the technique of catching insects has not improved very much...". Er beschreibt darin seine Beobachtung, dass eine Reihe von Insekten ins Expeditionszelt gelangten, aber nicht wieder heraus - es sei denn durch ein Loch in der Ecke des Zeltdachs. Heute sind Malaisefallen in unterschiedlichsten Größen und Varianten erhältlich, aber das Grundprinzip und die Effektivität sind gleich. Neben dem Lichtfang und der Vernebelung handelt es sich sicher um eine der effektivsten Sammelmethoden, die auch heute noch intensiv betrieben wird, etwa im Rahmen eines landesweiten Inventarisierungsprogramms in Schweden. Das Problem war und ist die Präparation und Auswertung - ein Problem, auf das bereits Malaise hinwies! "Noch heute hocken Forscher über den Präpariermikroskopen und sortieren den Fang, so effektiv waren diese Fallen. In wenigen Monaten fingen sie weit über 100 000 Insekten aus meist völlig unbekannten Arten. Die Blattwespen...die Malaise selber studierte, waren der Wissenschaft zu drei vierteln neu": Seine "für alle Außenstehenden unlesbare Monographie über die Taxonomie der südostasiatischen Blattwespen soll bis heute unübertroffen sein" - gemeint ist wahrscheinlich eine Serie längerer Veröffentlichungen (z.B. MALAISE 1944). Malaise selbst beschrieb Blattwespen bis in die 1950er Jahre (z.B. MALAISE 1961). Eine Abfrage im EcatSym (Electronic World Catalog of Symphyta: TAEGER & BLANK 2008) resultierte in 1258 von Malaise veröffentlichten Namenskombinationen! Derartige entomologische Details präsentiert Sjöberg natürlich nicht- es handelt sich wie gesagt weder um ein Entomologiebuch noch um eine Biografie über René Malaise. Weitere Detailrecherchen bleiben dem Leser überlassen, der hierzu durchaus angeregt wird. In einer schwedischen Rezension wird das Buch als "spiritueller Essay" klassifiziert. In der Tat liegt der Reiz des Buches zweifellos in der geistreichen Reflexion über Sammelleidenschaft, Jagdtrieb und Entdeckerfreude in unterschiedlichsten Ausprägungen. Der Autor selbst sammelt Schwebfliegen mit einer "Mega Malaise Trap", und zwar nur auf "seiner" kleinen schwedischen Insel. Dies ist der Ausgangspunkt für seine Reflexionen über Inseln, die in einer wunderbar amüsanten Zusammenfassung von D.H. Lawrence´ Roman "Der Mann der die Inseln liebte" gipfelt. Weitaus abstrakter und für Nichtschweden sicher schwieriger sind seine Ausführungen zur Knopfologie. Den Ausdruck prägte August Strindberg in seinem Roman "die Insel der Glückseligen", worin er die Sammelwut des Archäologen Oscar Montelius persifliert und wohl auch Entomologen zu den Knopfologen zählt. Sjöbergs folgende entomologische Ausführungen sind aber derart lebendig und spannend geschrieben, dass Strindberg erfolgreich widerlegt wird.
Die über das ganze Buch verstreuten entomologischen Anekdoten sind durchaus auch für Spezialisten interessant. Es werden aber auch entomologische Grundinformationen vermittelt: 4424 Fliegenarten in Schweden, 5000 Schwebfliegenarten weltweit, davon 202 Arten von Schwebfliegen auf der Insel des Autors (Zweihundertundzwei! Glauben Sie mir, ein Triumph! Nur die Schwierigkeit, ihn zu erklären, ist größer."). Sie werden teilweise benannt und liebevoll charakterisiert: die schöne Chriorina ranunculi, die seltene Chrysotoxum fasciatum, oder die rätselhafte Brachyopa obscura. Wer aber nur einen "entomologischen Roman" oder populärwissenschaftliches zum Thema Insekten erwartet, wird sicher enttäuscht. Die Stärke des Büchleins liegt in der Verbindung mit philosophischen Reflexionen und einer selbstironischen, immer humorvollen Analyse der Sammelleidenschaft, bis hin zur Kunstsammelleidenschaft, mit der Malaise und auch das Buch endet.
Das Buch ist handlich und liebevoll gestaltet. Der Umschlag zeigt Glasflügler-Aquarelle von Henry Walter Bates. Eine Anmerkung (des Autors?) erklärt hierzu: "Auf dem cover abgebildet sehen Sie Glasflügler (Sesiidae), die versuchen wie Schwebfliegen auszusehen. Auf der Buchdeckelvorderklappe sehen Sie eine Schwebfliege (Episyrphus balteatus), die versucht wie ein Glasflügler auszusehen. Beiden gelingt es nicht wirklich. Aber beide machen das Buch reicher". Das klingt zwar originell, aber man hätte sich doch eher Abbildungen burmesischer Blattwespen gewünscht, die seltsamerweise nirgends zu finden sind - nicht einmal auf der Webseite des Stockholmer Naturkundemuseums. Und schließlich vermisst man Bilder von René Malaise, über den offensichtlich wirklich wenig veröffentlicht wurde. Insofern füllt das Buch eine Lücke. Darüber hinaus ist es eine unterhaltsame und lehrreiche Lektüre für alle, die Entomologen besser verstehen wollen, und somit auch für Entomologen selbst, die das Büchlein - vielleicht im Scheine einer Lichtfalle - hoffentlich humorvoll genießen können!
Literatur:
TAEGER, A. & BLANK, S. M. 2008: ECatSym - Electronic World Catalog of Symphyta (Insecta, Hymenoptera). Program version 3.
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