Wer Van Veeteren's Abschied traurig verfolgte und mit Spannung Nesser's neue Krimireihe um den Kommissar Gunnar Barbarotti erwartet, dürfte sich auf diese Neuerscheinung gefreut haben, die jedoch bereits 1999 in der Originalausgabe erschien und somit mit 7-jähriger Verspätung nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt, damit wiederum mitten in der 10-bändigen Van Veeteren-Geschichte verfasst wurde, die zwischen '93 und '03 entstand.
Diese Zeitfolge erwähne ich, weil ich von diesem sehr sanften, sehr leisen Krimi überrascht war: sprachlich und inhaltlich unterscheidet sich dieser sehr bedächtige Roman fast drastisch von den mir bekannten und geliebten v.V.-Krimis: die Handlung rund um das zutiefst erschütterte und erschütternde Leben zweier früherer Freunde und Philosophie-Studenten führt dazu, dass Nesser sich inhaltlich implizit wie aber auch explizit philosophischer Fragen widmet, die für die eigentliche Handlung erst im zweiten Blick relevanten Dialogen der beiden wesentlichen Protagonisten führen Platon, Hegel, Russell, Moore, Descartes an, in ebendiesen Dialogen werden philosophische Thesen angerissen und diese erst führen in Folge zu der eigentlichen Handlung, die diesen Roman zu einem Krimi macht.
Wie selbstverständlich ist also die Sprache in diesem Roman durchzogen von philosophischen Termini. Zugleich auch bei den nicht-philosophischen Exkursionen äusserst gehalt- und niveauvoll, gerade im dirketen Vergleich zu den v.V.-Publikationen.
Hakan Nesser erzählt hier sehr langsam und gefühlvoll, bedächtig und emotional sehr ergreifend eine durchaus melancholische Geschichte einiger, weniger Personen, mal in Form einer 'Rückblende', mal in Form des von der Hauptperson verfassten Tagebuchs und dann distanziert aus der Sicht des Erzählers. Die Emotionen und Gedanken sind hierbei der Kern dieses Krimis, weniger die Handlungen selbst und aus den verschiedenen Ebenen schält sich sehr langsam wie in einer Metamorphose ein Krimi aus einem vorerst 'nur' tragischen Drama.
Dieser fantastische Roman benötigt vom Leser Ruhe und Aufmerksamkeit, um seine Kraft und Melancholie zu entfalten. Selten erschütterte mich ein Krimi auf den letzten Seiten in einer solch brachialen Art, 'ergreifend' wäre eine Untertreibung. Die Spannung ist hier sehr subtil, aber stets spürbar, insofern man keine Berührungsängste vor dem stark philosophischen 'Touch' hat und gewillt ist, zu akzeptieren, dass man nicht jede, kleine philosophische Abhandlung in diesem - wohlgemerkt! - Krimi verstehen wird: es tut keinen Abbruch.
Ein starker Krimi, subtil aber spannend, melancholisch und dramatisch, dabei gefühlvoll und sanft auf sprachlich niveauvollster Ebene, ein Krimi, der Aufmerksamkeit und Muse und Ruhe erfordert. Ich bin begeistert. Jedoch: Unkonzentriertes Kleinst-Häppchen-Lesen in der S-Bahn oder an der Bushaltestelle würde ich nicht empfehlen. ;-)