Buchtipp
Die Fleischmafia. Kriminelle Geschäfte mit Fleisch und Menschen
Vorgestellt von Sabine Rein
Dieser Mann steht auf Roten Liste der Fleischindustrie: Adrian Peter ist ein unnachgiebiger Reporter und hat uns schon häufig die Lust aufs Fleisch-Essen verdorben. Für das ARD-Magazin "Report Mainz" deckte er diverse Fleischskandale auf. Jetzt ist aus seinen Recherchen das Buch "Die Fleischmafia" entstanden, so aktuell wie die Nachrichten dieses Sommers.
Nachrichten-Mitschnitt: "Polizei- und Lebensmittelbehörden sind offenbar einem neuen Gammelfleischskandal.....jüngsten Fleischskandalen hat sich der Verdacht gegen einen niedersächsischen Großhändler offenbar bestätigt....nach Einschätzung des Verbandes hat der Gammelfleischskandal ein weit größeres Ausmaß...."
Stinkendes Fleisch, skrupellose Händler - warum, fragt sich der Verbraucher an der Fleischtheke, ist diese Branche offensichtlich so anfällig für kriminelle Machenschaften? Adrian Peter recherchiert schon lange hinter den Verantwortlichen her, die die Branchenführer allzu gerne als "schwarze Schafe" bezeichnen. Für ihn ist klar: es sind die hohen Gewinnspannen, denn mit Verdorbenem lässt sich doppelt verdienen:
Peter: "Die Entscheidung ist sozusagen immer: Geld auszugeben für ein Produkt, was nichts mehr taugt, um es zu entsorgen oder damit noch Geld zu verdienen. Und wenn man mit etwas verdient, was eigentlich Müll ist, was keinen Wert hat, ist es sozusagen immer reizvoll und zieht natürlich auch kriminelle Energie an."
In seinem Buch "Die Fleischmafia" zeigt Peter die Strukturen der Branche auf, berichtet vom System der Sub- und Sub-Sub-Unternehmer, für deren "kreative Vertriebswege" -Zitat eines Staatsanwalts, die Großen die Verantwortung ablehnen:
Zitat: " Was glaubten seine Lieferanten, würde er mit dem Fleisch tun, das sie ihm zu Spottpreisen verkauften, weil es sonst keine Abnehmer mehr fand?"
Illegales etwa? Klar ist: Es gibt keinerlei gesetzliche Vorschriften darüber, wie lange Fleisch zu lagern ist - ob es genusstauglich ist oder nicht, entscheidet der Produzent, bzw. der Händler. Und der druckt dann das Mindesthaltbarkeitsdatum auf - wann das Schwein geschlachtet wurde, wie lange es gelagert ist, darüber erfährt der Kunde nichts.
In Adrian Peters Buch aber kann er zum Beispiel die "bewegte" Geschichte einer Partie Paprika-Steaks nachlesen, die mehrmals hin und her transportiert und erst etwa ein Jahr nach Herstellung verkauft werden konnten. Ganz ohne öffentlichen Skandal.
Aber nicht nur um grüne, gammelige Würste und Schnitzel, katastrophale hygienische Bedingungen in einigen Betrieben und neue Verpackungen für alte Ware geht es in den gut 200 Seiten.
Fassungslos macht auch, was Adrian Peter über die Lebens- und Arbeitsbedingungen tausender osteuropäischer Arbeiter in unseren Schlachthöfen berichtet. Angeworben über Subunternehmer als angebliche Fach-Mitarbeiter polnischer, rumänischer oder ungarischer Schlachtbetriebe geraten sie hier in ein Zwangssystem von Doppelschichten, illegaler Beschäftigung und Arbeit mit Gammelfleisch- wer aber den Mund aufmacht, sagt Peter, muss mit Rauswurf rechnen - ohne Lohn. Und der Gesetzgeber sieht zu:
Zitat: "Also mir ist es schleierhaft und ich halte es für skandalös, dass die Politik jahrelang zusieht, wie wir einen de facto Sklavenhandel in einer Branche dulden, bei dem Menschen für 1,20 ausgebeutet werden zum Teil als Stundenlohn."
Adrian Peter erzählt Geschichten von miesen Geschäften mit Fleisch und Menschen - so auch der Untertitel - er nennt Namen von Betrieben in allen Teilen Deutschlands, beschreibt die Arbeit engagierter Staatsanwälte, die es schwer haben, Beweise zu finden, auch, weil das Gammelfleisch oft längst verzehrt ist. Und er verweist auf das Dilemma, das die Landkreise mit der Überwachung haben:
Peter: "Wer zu stark kontrolliert, wer die Betriebe sozusagen "kaputt-kontrolliert?, lebt mit der Gefahr, dass die Betriebe sagen, dann gehe ich eben woanders hin, wo lascher kontrolliert wird."
Man kann auch nach der Lektüre des Buches noch Fleisch essen, so wie der Autor selbst auch, aber sage danach niemand mehr, er habe es nicht gewusst.