Herbert von Karajan hatte schon
1955 bei der EMI eine Aufnahme der Fledermaus eingespielt, die noch dazu sehr prominent und in den Hauptrollen mit Elisabeth Schwarzkopf, Nicolai Gedda und Rita Streich auch sehr gut besetzt war. Dass er dann nur fünf Jahre später eine zweite Einspielung produzierte, war selbst für ihn ungewöhnlich und dürfte mehrere Gründe gehabt haben. Zum einen war er inzwischen zur Firma Decca gewechselt, zum anderen brachte er 1960 als Direktor der Wiener Staatsoper eine Inszenierung mit weitgehend ähnlicher Besetzung heraus. Vor allem aber dürfte eine gewisse Unzufriedenheit mit dem ersten Versuch eine Rolle gespielt haben. Um es gleich zu sagen: Die zweite Aufnahme vermeidet nicht nur alle Fehler der Ersten, sie ist m. E. bis heute die beste Fledermaus überhaupt geblieben.
Das fängt an mit einer unschlagbaren Besetzung - alle Sänger gehörten dem Ensemble der Wiener Staatsoper an und sind deshalb fantastisch aufeinander eingespielt, aber auch einzeln jedem Vergleich gewachsen:
Allen voran Hilde Güden, die die Technik einer Koloratursoubrette (die sie im Czardas dringend braucht) mit dem Stimmcharakter einer lyrischen Sopranistin und einem sehr charakteristischen Timbre verband - eine ideale Rosalinde. Waldemar Kmentt ist der dazu passende Eisenstein - sein kerniger Tenor verleiht der Rolle den nötigen Biss für den Jähzorn, aber auch für den etwas schmierigen Charme des notorischen Schwerenöters.
Erika Köth ist eine herrlich quecksilbrige Adele. Walter Berry (Dr. Falke) und Eberhard Waechter (Gefängnisdirektor Frank) machen aus den beiden Bariton-Partien des Stückes hinreißende Charakterstudien.
Giuseppe Zampieri singt den Alfred mit schmelzendem Tenor - sein starker Akzent stört nicht weiter, weil er im Text als "italienischer Tenor" vorgestellt wird. Endlich einmal in Alfred(o), dessen erotische Anziehungskraft glaubhaft ist. Regina Resniks Prinz Orlofsky hat stimmlich nicht den Charme einer Christa Ludwig oder die jugendliche Aura einer Brigitte Fassbaender, sie überzeugt aber als übersättigter, gelangweilter Playboy durchaus.
Damit bleibt noch ein Name auf dem Cover, der Rätsel aufgibt: Wen singt der große Bassbariton Erich Kunz, wenn der Frank schon vergeben ist? Die Lösung: Er SPRICHT den Frosch, und das wahnsinnig komisch (und mit kleiner Gesangseinlage). Güden, Kmentt, Berry, Waechter und Kunz waren übrigens alle gebürtige Wiener, hatten ihren Strauss also quasi mit der Muttermilch aufgesogen.
Karajan lässt die Wiener Philharmoniker so spielen, wie eine Fledermaus klingen muss: Für seine Verhältnisse ungewohnt leicht, hell, spritzig, energisch und temperamentvoll.
Als wenn das nicht schon genug wäre, hatte sich die Produktionsfirma noch einen besonderen Coup ausgedacht: Wie auf der Bühne üblich gibt es auf dem Ball des Prinzen Orlowsky "Zugaben". Dafür hatte die Decca alle ihre großen Opernstars (u. a. Tebaldi, Price, Nilsson, Sutherland, Berganza, Björling, del Monaco, Bastianini, ...) versammelt und ließ sie Schlager, Operetten- und Musical-Nummern singen - teils umwerfend komisch, teils sehr charmant. Ein echtes Highlight!
Der einzige ganz kleine Wermutstropfen ist die teilweise etwas steife Dialogregie in der Ballszene, aber darüber sieht man angesichts der übrigen Qualitäten gern hinweg.
Sicher haben auch andere Aufnahmen viel für sich (
Clemens Krauss,
Carlos Kleiber), aber keine verbindet so viele Vorteile mit so wenig Nachteilen. Und damit bleibt Karajans zweite als einsame Spitze übrig.