Auch heute noch, fünf Jahre nach der Erstveröffentlichung dieses ebenso monumentalen wie in gewissem Sinne zeitlosen Opus' (über weite Strecken basierend auf mündlichem Nachwende-Informationsmaterial, Interviews mit Zeitzeugen, das seine dramatische Aktualität niemals verlieren wird) über gnadenlose Macht, Willkür und Unberechenbarkeit, und die absolute Ohnmacht von Privatmenschen in Stalins Sowjetunion von 1917 bis zu Stalins Tod 1953, und mittlerweile zwanzig Jahre nach dem endgültigen Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa, ist Orlando Figes' Buch so brennend aktuell und erschütternd eindrucksvoll wie am ersten Tag.
Das Werk, das anhand von Einzelschicksalen mehrerer Familien dramatisch direkt (manchmal geradezu lakonisch) berichtet, welch unfaßbares Leid und menschenverachtendes, perfides Unrecht (ohne eine Spur von Unrechtsbewußtsein bei den Tätern) den "Kindern der Revolution", in Russland und darüber hinaus, von Stalin und seinen Schergen und sonstigen Zuarbeitern zugemutet und zugefügt worden ist, legt wohl niemand aus der Hand, ohne bis ins Herz aufgewühlt und erschüttert zu sein. Die Schilderung der Ereignisse in 9 Kapiteln, von 1917 bis zur Zeit nach dem Tod des Despoten, 1956-2006, zeigt ein durchgängiges, mehr als 80jähriges Terrortableau auf, das die Menschen der Zeit nicht zur Ruhe kommen ließ und buchstäblich alles in den Schatten stellt, was man sich an grusligen und blutrünstigen Horrorszenarien auch nur vorzustellen wagt. In Abwandlung des Buchtitels der Erinnerungen des ehemaligen deutschen Kommunisten Wolfgang Leonhard ("Die Revolution entläßt ihre Kinder", 1955), ebenfalls eines Zeitzeugen, wird der Kommunismus in Stalins Sowjetunion bei Figes als über Jahrzehnte konstante, sich immer wieder aus sich selbst erneuernde Gewalt- und Terrorherrschaft entlarvt, die buchstäblich ihre eigenen Kinder, gleich der Göttin Kali der Hindu-Mythologie, blutbesudelt frißt und schließlich verschlingt.
Es fragt sich tatsächlich, ob man es sich antun sollte, diese Schilderungen noch einmal auf sich einwirken zu lassen, wie einer der Vorrezensenten zu recht ausführt. Für Menschen, die dieses Regime, oder auch "nur" gewissermaßen geclonte Abarten desselben, am eigenen Leib erfahren mußten, sollte in der Tat die Empfehlung lauten, besser auf die Lektüre zu verzichten. Für alle diejenigen aber, die heute noch der Auffassung sind, der Kommunismus habe auch "sein Gutes" gehabt, sollte die Lektüre dieses Buches zur endgültig abschreckenden Pflicht erklärt werden. Nicht zuletzt zum Selbstschutz aus Eigennutz, denn ohne Kenntnis all dessen, was dieses Buch zu berichten hat, laufen alle heute noch denkbaren Apologien und Rechtfertigungen des Sowjetregimes (à la: "Wo gehobelt wird, da fallen Späne!") unmittelbar ins Leere, weisen ins Lächerliche, ja, bewegen sich direkt auf die weit geöffnete Eingangstür des nächstgelegenen "Asyls der Unzurechnungsfähigkeit" zu.
In vielfacher Hinsicht erschreckend (und beängstigend) für mich selbst bei dieser Lektion in Sachen Horror und Grauen der Umstand, daß bei keinem Buch meiner jüngeren Lesevergangenheit so, wie bei diesem, mir wie im geflügelten Wort "das Messer buchstäblich in der Tasche aufgegangen" ist. Man spürt Wut und Haß in sich aufsteigen und möchte am liebsten immer noch, fünfzig bis hundert Jahre nach den unvorstellbaren Ereignissen und millionenfachen Tragödien, begangen am eigenen Volk, aufschreien: "Einhalten, einhalten! Seid Ihr denn alle verrückt geworden?". Es gibt wohl kaum einen, dann immer noch literarisch seriösen und akzeptablen Thriller-Autor oder Verfasser von blutrünstigen Horrorgeschichten, der einen (dann wenigstens im Reich der Phantasie) in ähnlicher Weise zu entsetzen vermöchte.
Noch eine (finale) Quintessenz bringt die Lektüre dieses gewaltigen Werkes von Orlando Figes mit sich für den Leser, der vielleicht selbst einmal, aus Unkenntnis der wahren Sachverhalte und historischen Hintergründe, mit sozialistischen oder kommunistischen Gedankengängen liebäugelt hatte. In aller Zukunft wird er sich jeder Art von Argumentation pro reo (auch sich selbst gegenüber) nicht mehr sicher sein. Nicht mehr sicher sein KÖNNEN, denn alles andere würde hinauslaufen auf allzu leichtfertiges Unterfangen und auf die auf der Weisheit des griechischen Philosophen Sophokles resultierende Schlußfolgerung: Wen die Götter verderben wollen, den verblenden sie zuvor. (Quem Deus perdere vult, dementat prius.)