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Die Flüsterer: Leben in Stalins Russland
 
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Die Flüsterer: Leben in Stalins Russland [Gebundene Ausgabe]

Orlando Figes
4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
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Pressestimmen

"Die Bedeutung dieses Buches kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden." (Antony Beevor in The Times)

Kurzbeschreibung

Viele Darstellungen behandeln die sichtbaren Aspekte der stalinistischen Diktatur: die Verhaftungen und Prozesse, die Versklavung und das Morden in den Gulags. Kein Buch hat jedoch bislang die Auswirkungen des Regimes auf das Privat- und Familienleben der Menschen untersucht, den Stalinismus, der uns alle ergriff , wie es ein russischer Historiker einmal formuliert hat. Auf der Basis von Hunderten Interviews mit Zeitzeugen und zahllosen bislang unbekannten Dokumenten liefert nun Orlando Figes in Die Flüsterer erstmals einen unmittelbaren Einblick in die Innenwelt gewöhnlicher Sowjetbürger und zeigt an zahlreichen eindringlichen Beispielen, wie Einzelne oder Familien in einem von Misstrauen, Angst, Kompromissen und Verrat beherrschten Alltag um ihr Überleben kämpften. Für die Zeit der Revolution von 1917 bis zu Stalins Tod und darüber hinaus rekonstruiert Figes das moralische Gespinst, in dem sich die allermeisten Russen gefangen sahen: Eine einzige falsche Bewegung konnte eine Familie zerstören oder am Ende womöglich deren Rettung bedeuten. Keiner konnte sich sicher fühlen, nicht einmal die überzeugtesten Anhänger des Regimes. Wahrheit und Wahn, Schuld und Unschuld waren in diesem Unterdrückungssystem immer wieder auf fatal miteinander verquickt. Orlando Figes neues Meisterwerk in seiner erzählerischen Wucht und Aufrichtigkeit vergleichbar mit Grossmans Jahrhundertroman Leben und Schicksal ist das breit angelegte Porträt einer Gesellschaft, in der jeder nur noch flüstert entweder um sich und andere zu schützen oder um zu verraten. Ein ebenso schonungsloser wie ergreifender Bericht davon, wie schwach und wie unvorstellbar stark Menschen in einer von Paranoia geprägten totalitären Gesellschaft werden können.

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
35 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Volkmar Weiss TOP 1000 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Für jemanden, der selbst 40 Jahre unter diesem System gelebt hat, ist das Durchlesen des gesamten Buches eigentlich unzumutbar. Als Professor Hartmut Zwahr sein Buch Die erfrorenen Flügel der Schwalbe: DDR und "Prager Frühling". Tagebuch einer Krise 1968-1970 vorstellte, sagte er, seine Frau hätte es nie gelesen, es würde ihr reichen, daß sie es einmal erlebt hat. Auch Figes monumentales Werk ist also eher etwas für Junge oder Leute aus dem Westen, die eine solche Zeit und ein solches System nie miterlebt haben und das Gruseln lernen wollen.

Bei dem Titel "Die Flüsterer" muß ich sofort an meinen Großvater denken, wie er in den Fünfziger Jahren RIAS hörte, damals eine "Freie Stimme der Freien Welt". Er stand ganz dicht am Radio, das nur sehr leise gestellt war, damit ja kein Nachbar mitbekam, welchen Sender er hörte. Und ich durfte als Kind ja niemandem davon erzählen.

Es ist schon so viel über diese Lager im Rußland Stalins geschrieben worden. Es gibt Meisterwerke wie Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, Marschroute eines Lebens., Wieso lebst du noch? Ein Deutscher im Gulag. oder Der Gulag und Dutzende gedruckte Erlebnisberichte von ehemaligen Gefangenen und Kriegsgefangenen, mehr oder weniger gut geschrieben. Kann dem überhaupt noch etwas hinzugefügt werden?

Ja, denn das Buch enthält auch Teile über die "Vergangenheitsbewältigung" durch das ehemalige Wachpersonal und die Denunzianten. Ich zitiere S. 880f.: "Nach 1956 führten Millionen von Menschen, die an Stalins Verbrechen auf irgendeine Weise mitbeteiligt gewesen waren, weiterhin ein normales Leben. Bei den meisten kam gar kein Schuldgefühl auf. ... Iwan Kortschagin war von 1946 bis 1954 Wächter in einem Lager für Ehefrauen von Vaterlandsverrätern. ... 1988 gab er in einem Interview an: ,Was ist die Sowjetmacht, frage ich Sie. Ein Zwangsorgan! Klar? Sagen wir zum Beispiel, wir sitzen hier und unterhalten uns, und zwei Milizionäre klopfen an die Tür. ,Komm mit', sagen sie. Basta! Das ist Sowjetmacht! Sie können dich mitnehmen und ins Gefängnis stecken - ohne jeden Grund. Und ob du ein Feind bist oder nicht, du kannst niemanden von deiner Unschuld überzeugen. So sieht es aus. Ich bekomme die Anweisung, Gefangene zu bewachen. Soll ich der Anweisung glauben oder dir? Vielleicht tust du mir leid, vielleicht auch nicht, aber was kann ich tun? Schlachtet man ein Schwein, hat man kein Mitleid mit ihm, wenn es quiekt. ... Im Lager habe ich Mütter mit kranken Kindern bewacht. Sie weinten und weinten. Doch was konnte ich tun? Die Frauen wurden wegen ihrer Männer bestraft. Aber das war nicht meine Angelegenheit, ich hatte meine Arbeit zu machen. Wenn der Mann ein Volksfeind ist, was für einen Sohn könnte die Mutter dann aufziehen? Es gab eine Menge Kinder im Lager. Aber was konnte ich tun? Es war schlimm für sie, doch vielleicht waren sie ohne solche Mütter besser dran. ... Meine Arbeit hat keinen Schaden angerichtet. Ich habe der Regierung einen Dienst erwiesen."
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13 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Ein absolutes Muss 1. März 2009
Format:Gebundene Ausgabe
für alle, die sich für Politik aus der Sicht des Einzelnen interessieren.
Ein absolutes Muss für alle, die verstehen wollen, wie man ein ganzes Volk einschüchtern und große Teile für Denunziation und Terrror gewinnen kann. Dieses Verstehen ist auch hilfreich beim Verständnis der Vorgänge in der Nazizeit in Deutschland oder der Kulturrevolution in China.
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Format:Gebundene Ausgabe|Von Amazon bestätigter Kauf
Auch heute noch, fünf Jahre nach der Erstveröffentlichung dieses ebenso monumentalen wie in gewissem Sinne zeitlosen Opus' (über weite Strecken basierend auf mündlichem Nachwende-Informationsmaterial, Interviews mit Zeitzeugen, das seine dramatische Aktualität niemals verlieren wird) über gnadenlose Macht, Willkür und Unberechenbarkeit, und die absolute Ohnmacht von Privatmenschen in Stalins Sowjetunion von 1917 bis zu Stalins Tod 1953, und mittlerweile zwanzig Jahre nach dem endgültigen Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa, ist Orlando Figes' Buch so brennend aktuell und erschütternd eindrucksvoll wie am ersten Tag.

Das Werk, das anhand von Einzelschicksalen mehrerer Familien dramatisch direkt (manchmal geradezu lakonisch) berichtet, welch unfaßbares Leid und menschenverachtendes, perfides Unrecht (ohne eine Spur von Unrechtsbewußtsein bei den Tätern) den "Kindern der Revolution", in Russland und darüber hinaus, von Stalin und seinen Schergen und sonstigen Zuarbeitern zugemutet und zugefügt worden ist, legt wohl niemand aus der Hand, ohne bis ins Herz aufgewühlt und erschüttert zu sein. Die Schilderung der Ereignisse in 9 Kapiteln, von 1917 bis zur Zeit nach dem Tod des Despoten, 1956-2006, zeigt ein durchgängiges, mehr als 80jähriges Terrortableau auf, das die Menschen der Zeit nicht zur Ruhe kommen ließ und buchstäblich alles in den Schatten stellt, was man sich an grusligen und blutrünstigen Horrorszenarien auch nur vorzustellen wagt. In Abwandlung des Buchtitels der Erinnerungen des ehemaligen deutschen Kommunisten Wolfgang Leonhard ("Die Revolution entläßt ihre Kinder", 1955), ebenfalls eines Zeitzeugen, wird der Kommunismus in Stalins Sowjetunion bei Figes als über Jahrzehnte konstante, sich immer wieder aus sich selbst erneuernde Gewalt- und Terrorherrschaft entlarvt, die buchstäblich ihre eigenen Kinder, gleich der Göttin Kali der Hindu-Mythologie, blutbesudelt frißt und schließlich verschlingt.

Es fragt sich tatsächlich, ob man es sich antun sollte, diese Schilderungen noch einmal auf sich einwirken zu lassen, wie einer der Vorrezensenten zu recht ausführt. Für Menschen, die dieses Regime, oder auch "nur" gewissermaßen geclonte Abarten desselben, am eigenen Leib erfahren mußten, sollte in der Tat die Empfehlung lauten, besser auf die Lektüre zu verzichten. Für alle diejenigen aber, die heute noch der Auffassung sind, der Kommunismus habe auch "sein Gutes" gehabt, sollte die Lektüre dieses Buches zur endgültig abschreckenden Pflicht erklärt werden. Nicht zuletzt zum Selbstschutz aus Eigennutz, denn ohne Kenntnis all dessen, was dieses Buch zu berichten hat, laufen alle heute noch denkbaren Apologien und Rechtfertigungen des Sowjetregimes (à la: "Wo gehobelt wird, da fallen Späne!") unmittelbar ins Leere, weisen ins Lächerliche, ja, bewegen sich direkt auf die weit geöffnete Eingangstür des nächstgelegenen "Asyls der Unzurechnungsfähigkeit" zu.

In vielfacher Hinsicht erschreckend (und beängstigend) für mich selbst bei dieser Lektion in Sachen Horror und Grauen der Umstand, daß bei keinem Buch meiner jüngeren Lesevergangenheit so, wie bei diesem, mir wie im geflügelten Wort "das Messer buchstäblich in der Tasche aufgegangen" ist. Man spürt Wut und Haß in sich aufsteigen und möchte am liebsten immer noch, fünfzig bis hundert Jahre nach den unvorstellbaren Ereignissen und millionenfachen Tragödien, begangen am eigenen Volk, aufschreien: "Einhalten, einhalten! Seid Ihr denn alle verrückt geworden?". Es gibt wohl kaum einen, dann immer noch literarisch seriösen und akzeptablen Thriller-Autor oder Verfasser von blutrünstigen Horrorgeschichten, der einen (dann wenigstens im Reich der Phantasie) in ähnlicher Weise zu entsetzen vermöchte.

Noch eine (finale) Quintessenz bringt die Lektüre dieses gewaltigen Werkes von Orlando Figes mit sich für den Leser, der vielleicht selbst einmal, aus Unkenntnis der wahren Sachverhalte und historischen Hintergründe, mit sozialistischen oder kommunistischen Gedankengängen liebäugelt hatte. In aller Zukunft wird er sich jeder Art von Argumentation pro reo (auch sich selbst gegenüber) nicht mehr sicher sein. Nicht mehr sicher sein KÖNNEN, denn alles andere würde hinauslaufen auf allzu leichtfertiges Unterfangen und auf die auf der Weisheit des griechischen Philosophen Sophokles resultierende Schlußfolgerung: Wen die Götter verderben wollen, den verblenden sie zuvor. (Quem Deus perdere vult, dementat prius.)
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