Kurzbeschreibung
Im Leben der 38-jährigen Holly Berger scheint alles zu stimmen. Sie ist glücklich verheiratet und hat zwei Kinder doch von einem Moment zum nächsten weiß sie nicht mehr, wer sie wirklich ist: Sie entdeckt in ihrem Elternhaus, dass sie als Baby ausgesetzt und später adoptiert wurde. Hollys Suche nach den Wurzeln ihrer Herkunft wird zu einer abenteuerlichen Reise ins Ungewisse ...
Klappentext
"'Die Findelfrau' ist realistisch, anrührend und bis zum letzten Satz hörenswert. Auch für Männer."
hörBücher
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"Amelie Fried erzählt einfach, aber dabei einfach ganz großartig von der Suche nach der eigenen Vergangenheit."
Bild am Sonntag
"Anrührend und spannend: ein überzeugendes Psychogramm und ein ganz starkes Buch."
Für Sie
Über den Autor
Amelie Fried, geboren 1958, moderierte nach ihrem Studium zahlreiche Fernsehsendungen, darunter "Live aus dem Alabama", "Live aus der Alten Oper", "Stern-TV" und "Kinderella". Von 1998 bis 2009 war sie Gastgeberin der Talkshow "3 nach 9". Sie wurde mit dem Grimme-Preis, dem Telestar-Förderpreis und dem Bambi ausgezeichnet. Ihre beiden ersten Romane wurden auf Anhieb zu Bestsellern. Für ihre Kinderbücher erhielt sie viele Auszeichnungen, darunter den "Deutschen Jugendliteraturpreis". Die Autorin lebt mit ihrer Familie bei München.
Auszug aus Die Findelfrau von Amelie Fried. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Holly blickte starr in das rote Licht über ihr. Eine warme Hand legte sich auf ihre kalten Hände, die sie auf dem Bauch gefaltet hatte wie zum Gebet. Lieber Gott, dachte sie, mach, dass alles gut geht. Dass die Schwester meine Unterlagen nicht vertauscht hat. Dass der Computer keine Panne hat. Dass der Doc gestern Nacht nicht zu wenig geschlafen oder zu viel gebechert hat.
Sie überlegte kurz, ob sie vom Tisch springen und weglaufen sollte, dann fielen ihr die ganzen Untersuchungen der letzten Wochen ein. Wäre alles umsonst gewesen, und sie würde es trotzdem bezahlen müssen.
Warum, zum Teufel, hatte sie sich überhaupt darauf eingelassen? War es wirklich so schlimm, kurzsichtig zu sein? Wenn sie die Brille abnahm, verschwamm die Welt zu farbigen Flecken. Ist doch eigentlich ganz schön, dachte sie plötzlich. Schöner als vieles, was sie sah, wenn sie die Brille wieder aufsetzte. Als Kind war sie gehänselt worden, klar. Blindschleiche, Brillenschlange, Streberin. Als junges Mädchen war sie mehr oder weniger blind durchs Leben getappt, weil sie lieber vom Auto überfahren worden wäre, als hässlich auszusehen. Obwohl sie mit ihren ausdrucksvollen, braunen Augen, dem schimmernden Teint und ihrem dunklen Haar als ausgesprochen hübsch galt, war sie überzeugt, dass eine Brille alles kaputt gemacht hätte.
Dann war sie immer wieder neben Typen aufgewacht, die leider nur aus der Ferne attraktiv gewesen waren. Eine Zeit lang hatte sie Kontaktlinsen getragen. Nachdem sie die dritte versehentlich im Waschbecken weggespült hatte, weigerten sich ihre Eltern, neue zu bezahlen. Als Holly endlich selbst Geld verdiente, bekam sie eine Allergie gegen Kontaktlinsen. Jetzt hatte sie genug. Sie wollte endlich wieder klar sehen.
»So, nun wird's ein bisschen unangenehm«, hörte sie die Stimme des Arztes, »ist aber gleich vorbei.«
Bleib cool, befahl sie sich. Du hast zwei Geburten überlebt, da wirst du doch wohl eine lächerliche Laser-OP überstehen.
Etwas senkte sich auf ihr Gesicht und drückte auf ihren rechten Augapfel. Sie spürte einen weiteren Schwall der Betäubungstropfen, einen leichten, kaum wahrnehmbaren Schmerz, dann fuhr die Apparatur mit einem Zischen wieder hoch.
»Vorbei?«, fragte sie mit kleiner Stimme.
»Noch nicht ganz«, erwiderte der Arzt.
Die Maschine begann zu rattern, Funken sprühten vor ihrem Auge, ein leichter Geruch von verbrannter Hornhaut verbreitete sich im Raum.
Sie sah eine Art riesigen Scheibenwischer, der über ihre Augenoberfläche fuhr, als wäre sie die Windschutzscheibe eines Lkw, dann hörte sie seine Stimme.
»So. Und weil's so schön war, das Ganze jetzt auf der anderen Seite.«
»Okay«, piepste sie.
»Sie sind ja eine ganz Gelassene«, sagte der Doc anerkennend und tätschelte ihre Schulter.
»Das täuscht«, gab Holly zurück. »Ich mache mir gleich in die Hose.«
»Schwester, eine Windel, bitte!«, befahl er.
Holly musste trotz ihrer Angst grinsen.
Als alles vorbei war, stand sie mit zittrigen Knien vom OP-Tisch auf und wurde in den Vorraum geführt. Noch einmal erhielt sie Tropfen, dann klebte die Schwester zwei Plastikschalen über ihre Augen.
»So, jetzt sehen Sie aus wie ein Waschbär. Die Augen schön zulassen bis morgen früh!«
Sie drückte Holly einen Plastikbeutel in die Hand. »Schmerztabletten, antibiotische Tropfen, Notfall-Telefonnummer. Wenn Sie Probleme haben, bitte melden.«
»Danke«, sagte Holly.
Die Schwester brachte sie zur Garderobe, zog ihr den sterilen Kittel aus, streifte ihr die Plastikhüllen von den Füßen. Half ihr in Schuhe und Mantel, brachte sie zur Rezeption.
»Hallo«, sagte Chris. »Alles gut gegangen?«
»Glaub schon. Genau wissen wir's morgen.«
Sie hakte sich bei ihm ein. »Du bist jetzt mein Blindenhund.«
»Wau«, sagte Chris.
Holly hielt die Augen fest geschlossen. Wenn sie es durchhielte, nicht durch die Plastikschalen zu blinzeln, würde alles gut werden, andernfalls würde vielleicht etwas Schlimmes passieren. Aber schon am Aufzug erschrak sie über das Geräusch der sich unerwartet öffnenden Tür und zwinkerte. Es passierte gar nichts.
Der Weg aus dem Gebäude, über die Straße, in den zweiten Stock des Parkhauses erschien ihr endlos. Die Geräusche waren unnatürlich laut und scharf; es kam ihr vor, als hätte sie nach Jahren zwei Wattebäusche aus ihren Ohren entfernt. Sie klammerte sich an Chris' Arm fest.
»Du passt auf, ja?«
»Klar passe ich auf.«
Woher wusste sie, dass sie ihm vertrauen konnte? Er könnte sie an einen Aufzugschacht oder zu einer steilen Treppe führen, ihr einen Stoß versetzen und - Ende einer Ehe. Vielleicht träumte er schon lange davon, sie loszuwerden, und hatte nur auf diesen Tag gewartet.
Sie drehte den Kopf in seine Richtung und blinzelte.
»Augen zu«, befahl er.
»Liebst du mich eigentlich?«
»Was?«
»Ich meine«, sagte Holly schnell, »würdest du mich auch lieben, wenn ich blind wäre? Oder eine andere Behinderung hätte?«
»Was bliebe mir anderes übrig?«
»Na, hör mal, das klingt ja, als wäre Liebe eine Art Krankheit! Ein schreckliches Schicksal, gegen das man keine Chance hat.«
»Genau.«
»So sehe ich das überhaupt nicht! Liebe ist eine Entscheidung, ein Akt des Willens. Du liebst mich, weil du es willst, nicht, weil irgendeine Macht dich dazu zwingt ...«
»... hör lieber auf zu diskutieren, du läufst gleich gegen einen Betonpfeiler.«
Holly blieb erschrocken stehen. »Ich denke, du passt auf!«
»Wie soll ich aufpassen, wenn du dauernd quasselst.«
»Schon gut«, sagte sie.
Er führte sie weiter. Schweigend ging sie neben ihm her, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, immer darauf gefasst, an ein Hindernis zu stoßen. Er blieb stehen.
»Wir sind da.«
Holly blieb stehen, bis sie das Öffnen der Beifahrertür hörte, dann stieg sie vorsichtig tastend ein.
Sie holte tief Luft. »Schrecklich.«
»Was?«
»So hilflos zu sein.«
»Tut dir mal ganz gut, nicht alles unter Kontrolle zu haben.« Chris startete den Motor und fuhr die engen Kurven des Parkhauses hinab. Wieder blinzelte Holly. Ständig hatte sie das Gefühl, gleich gegen eine Wand zu fahren. Erst auf der Straße wurde es besser. Sie lehnte ihren Kopf zurück und entspannte sich.
Sie vertraute ihm schon seit achtzehn Jahren. Hatte ihm von Anfang an vertraut, einfach so. Instinktiv. Hatte nie darüber nachgedacht, ob er ihr Vertrauen verdiente. Und er hatte sie nie enttäuscht. Warum war ihr dann jetzt der Gedanke gekommen, in ihm könnten Dinge vorgehen, von denen sie noch nicht einmal etwas ahnte? Nur, weil sie zwei Plastikdeckel auf den Augen hatte? Verlor sie das Vertrauen in den Menschen, der ihr am nächsten war? Jeder Psychologe wäre begeistert. Mangelndes Urvertrauen.
Angst, aus der Welt zu fallen. Mindestens zwei Jahre Therapie.
Sie machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte sie ihre Gedanken wegwischen.
Sie dachte an ihre erste Begegnung zurück bei einer Geburtstagsfeier ihrer Freundin Diana, die damals in einer WG wohnte. Chris war gerade neu dort eingezogen, und Diana schwärmte von ihm.
»Er ist was Besonderes, weißt du? Nicht so ein Klugscheißer wie die Typen von der Uni.«
»Wieso, was macht er?«
»Er ist Kunsttischler. Baut wunderschöne Möbel und kann alles reparieren, was in einem Haushalt kaputtgeht.«
»Wie praktisch«, sagte Holly lächelnd.
»Außerdem ist er klug. Er liest viel und macht sich 'ne Menge Gedanken über Politik und so.«
»Du bist verknallt«, stellte Holly fest.
»Eigentlich nicht«, sagte Diana, »ich steh nicht auf blond.«
Am Abend der Party passierte Holly ein Missgeschick: Nach einem Besuch auf der Gästetoilette ließ sich die Tür nicht mehr öffnen, der Schlüssel klemmte. Bei dem gewaltsamen Versuch, ihn zu drehen, brach er ab. Holly geriet in Panik. Sie wollte aus dem Fenster steigen und lehnte sich hinaus, um zu sehen, ob es eine Feuerleiter oder einen Mauervorsprung gäbe. Dabei blieb sie im Fensterrahmen stecken. Nachdem sie sich mühsam befreit hatte (wobei sie sich die Schulter quetschte), versuchte sie, mit einer Nagelfeile das Türschloss zu öffnen, aber die Feile brach ab. Verzweifelt schlug sie schließlich gegen die Tür. Die Gäste sammelten sich vor dem Gästeklo und johlten ihr aufmunternd zu. Der Einzige, der keine blöden Witze machte, sondern die Tür aufstemmte, war Chris. Mit vor Scham gerötetem Gesicht dankte ihm Holly und wollte sich schnell verdrücken, aber er hielt sie fest. »Dich wollte ich schon den ganzen Abend kennenlernen!«
Er zog sie in die Küche und füllte zwei Gläser mit Rotwein. Holly trank ihr Glas aus, ohne abzusetzen.
»Was für eine peinliche Nummer«, stöhnte sie, »schön, dass ihr alle euren Spaß hattet!«
»Wenigstens hast du nicht versucht, aus dem Fenster zu klettern.«
Holly sagte nichts.
Chris musterte sie. »Oder hast du etwa ...?«
»Drunter ist ein Balkon«, sagte sie trotzig.
Chris lachte. »Verstehe. Selbst ist die Frau. Du bist eine von denen, die sich nicht helfen lassen wollen.«
»Bisher bin ich ganz gut durchgekommen«, sagte Holly.
»Glückwunsch. Wie heißt du eigentlich?«
»Holly.«
Chris stutzte. »Na, dann kann ich mich ja glücklich schätzen, dass du überhaupt mit mir redest.«
»Wieso?«
»Diana hat mir erklärt, dass du auf Intellektuelle abfährst.«
»Es gibt Fälle, in denen ich Tischler vorziehe.«
»Wenn du im Gästeklo festsitzt.«
Holly lächelte. »Und, auf wen fährst du ab? Auf Diana?«
Chris überlegte kurz. »Nee, eigentlich nicht. Ich steh nicht auf blond.«
Später stellte sich raus, dass Chris gelogen hatte. Alle seine Exfreundinnen waren blond gewesen.
Holly legte die Hand auf Chris' Knie.
»Wann hast du mich eigentlich zuletzt belogen?«
Chris musste nicht lange nachdenken. »Am Sonntag. Die Kalbsrouladen waren trocken.«
»Du Mistkerl!«, entrüstete sich Holly. »Du hast behauptet, sie seien wunderbar!«
»Gnädige Notlüge. Der Kitt jeder Beziehung.«
»Wie oft bist du so ... gnädig zu mir?«
»Nicht oft, keine Sorge.«
Holly verfiel in Grübeln. Er hatte recht, es geht nicht ohne kleine, liebevolle Schwindeleien, die dem anderen eine Verletzung ersparen oder einem selbst eine Diskussion, auf die man gerade keine Lust hat. Die Wahrheit ist nicht nur ziemlich subjektiv, sondern meist auch schwer verdaulich. Es empfiehlt sich, sie gut zu dosieren, wenn man seine Beziehungen nicht auf allzu harte Proben stellen will.
»Dann bin ich ja froh«, sagte sie und wusste nicht, warum die Tatsache, nichts sehen zu können, ein so heftiges Bedürfnis in ihr auslöste, den Dingen auf den Grund zu gehen. »Lügst du auch bei wichtigeren Dingen als Kalbsrouladen?«
Chris antwortete nicht.
»Was ist los? Warum sagst du nichts?«
»Lass mich doch nachdenken«, sagte Chris. »Ich bin nicht so schnell wie du.«
»Da gibt es nichts nachzudenken, entweder ja oder nein, das musst du doch wissen!«
»Ich bin immer so ehrlich wie möglich«, sagte er schließlich.
»Na, toll.« Sie seufzte.
Zu Hause ließ sie sich von Chris ins Bad führen, dann ertastete sie sich selbst den Weg ins Schlafzimmer. In ihrer vertrauten Umgebung, wo sie die Entfernungen und Hindernisse einschätzen konnte, fühlte sie sich etwas sicherer. Sie zog ihren Pyjama an und verkroch sich im Bett.
»Ich hab so kalte Füße«, jammerte sie, »machst du mir eine Wärmflasche?«
»Gern.« Chris verließ das Zimmer, sie hörte seine Schritte auf dem Flur.
Holly nahm sich vor, darauf zu achten, wie oft sie jemanden anschwindelte, und sofort fielen ihr eine Menge Situationen ein, in denen sie nicht ehrlich gewesen war. Den korallenroten Schal, ein Geschenk von Chris zu Weihnachten, hatte sie in den höchsten Tönen gelobt - obwohl sie die Farbe verabscheute. Letzte Woche hatte sie einen wichtigen Termin vergessen und behauptet, ihre Tochter hätte einen Unfall gehabt. Als Timo zu müde fürs Fußballtraining gewesen war, hatte sie ihn mit einem verstauchten Knöchel entschuldigt. Eigentlich benutzte sie ständig Notlügen, um ihr Leben leichter zu machen.
Chris kam mit der Wärmflasche zurück und legte sie zu ihren Füßen ins Bett. Dann gab er ihr das Telefon in die Hand.
»Ich geh noch mal rüber in die Werkstatt. Wenn du was brauchst, drück einfach die Wiederholungstaste.«
Holly ließ die Finger über das Telefon gleiten.
»Welche ist es?«, fragte sie.
Er legte ihren Zeigefinger auf eine der Tasten. »Hier oben, die linke. Und die drunter zum Wählen.«
»Danke«, murmelte Holly.
Sie versuchte einzuschlafen, fiel aber nur in einen dösigen Zustand, in dem Bilder und Erinnerungen wild durcheinanderwirbelten. Ihr Gehirn schien die fehlende Sehfähigkeit durch eine Art Kopfkino ausgleichen zu wollen.
Sie sah wieder das rote Licht und dahinter das Gesicht des Operateurs, der sie durch seine Brillengläser anfunkelte. Wieso trug der überhaupt eine Brille? Traute er seiner eigenen Lasertechnik nicht? Dann fiel ihr ein, dass es wohl eine für die Nähe war. Die würde auch ihr nicht erspart bleiben, aber bis dahin war noch ein paar Jahre Zeit. Jahre, in denen ihr Gesicht nicht durch ein blödes Plastik- oder Drahtgestell entstellt wäre. Vielleicht würde sie sich endlich die Haare ein bisschen wachsen lassen oder sich sogar ein Abendkleid kaufen. Hatte alles zur Brille nicht gepasst. Holly konnte es plötzlich kaum erwarten, ihr neues Gesicht im Spiegel zu sehen.
Die Tür flog auf, Timo und Lea stürmten ins Zimmer. Holly richtete sich auf.
»Mir geht's gut«, sagte sie schnell, »macht euch keine Sorgen. Ich seh nur komisch aus mit diesen Dingern auf den Augen.«
»Wie 'ne bekiffte Fliege«, stellte Timo fest.
»War's schlimm?«, fragte Lea anteilnehmend und setzte sich auf die Bettkante.
»Nein, überhaupt nicht«, sagte Holly munter. Sie fand, Mütter dürften nicht schwach sein und jammern. Sie müssten Stärke zeigen, damit ihre Kinder stark werden könnten.
»Siehst du was?«, fragte Timo.
»Nee«, sagte sie, »gar nichts.«
Heimlich blinzelte sie durch die beschlagenen Plastikgläser. Timo zog eine Grimasse und streckte ihr die Zunge raus.
»Aber ich weiß trotzdem, dass du dich gerade schlecht benimmst.«
Timo hielt inne. »Beschiss«, sagte er, »du hast geblinzelt.«
Holly realisierte überrascht, wie tief seine Stimme schon war. Das war ihr bisher nicht aufgefallen.
Die Kinder verloren das Interesse an ihr und liefen weg. Wenig später mischten sich die biederen Klänge von Bayern 3 mit dem Gewummere der »White Stripes«. Holly seufzte.
Wie schnell die beiden gewachsen waren. Timo mit seinen dreizehn Jahren war bereits so groß wie sie, ein breitschultriger, junger Mann mit langem, glattem Haar, das ihm ständig in die Augen fiel. Wenn er verlegen war, errötete er, was sie bezaubernd fand. Manchmal versuchte sie, ihn zu umarmen oder ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken. Genervt wehrte er ab, und sie fühlte sich wie eine verschmähte Liebende.
Lea war zehn, an der Schwelle zur Pubertät. Sie ließ Berührungen gerade noch zu, wenn auch manchmal schon mit einer Herablassung, die Holly wehtat. Wie sollte man es als Mutter bloß aushalten, wenn die Kinder keine Zärtlichkeit mehr annehmen wollten, ja, einen beim kleinsten Versuch zurückstießen?
Sie könne sich ja ein Haustier zulegen, hatte Chris vorgeschlagen, als sie ihm ihr Leid geklagt hatte. Oder sich mehr mit ihm beschäftigen.
Holly setzte sich zu ihrer Familie an den Esstisch und löffelte vorsichtig die Gemüsesuppe, die sie am Morgen vorgekocht hatte. Auch ihr Geschmackssinn schien sich verändert zu haben; sie aß bewusster und nahm die Aromen intensiver wahr. Immer besser konnte sie sich vorstellen, wie Blinde sich fühlen. Schon in den wenigen Stunden, in denen sie ihre Umgebung nicht hatte sehen können, hatte sich der Horizont ihrer Außenwahrnehmung schmerzhaft verengt, und sie fühlte sich aus dem Erleben der anderen ausgeschlossen. Wie dankbar war sie, dass dieser Zustand vorübergehend sein würde.
»Ich esse wie ein Schwein«, verkündete Lea.
»Das ist ja nichts Neues«, sagte Holly.
»Aber du kannst es nicht sehen!«, triumphierte ihre Tochter. »Deshalb kannst du auch nicht schimpfen.«
»Sehen nicht, aber hören«, erwiderte Holly. »Iss wenigstens wie ein stummes Schwein.«
»Alle Schweine sind stumm«, sagte Timo und machte ein blubberndes Geräusch mit seinem Getränk. »Stumm heißt, dass man nicht sprechen kann. Schmatzen oder schlürfen kann man trotzdem.«
»Sehr wohl, Euer Ehren«, sagte Holly. »Dann gestatten Sie, dass ich mich korrigiere: wie ein vornehmes Schwein.«
»Vornehme Schweine gibt's nicht«, schaltete sich Lea wieder ein. »Schweine sind schweinisch, sonst wären sie ja keine Schweine, sondern Menschen.«
Holly seufzte. »Ihr macht mich wahnsinnig, ihr ...
»... Korinthenkacker!«, brüllten Timo und Lea wie aus einem Mund.
»Warum lässt du dich bloß immer in solche Diskussionen verwickeln?«, fragte Chris staunend.
»Weil ich eine Anhängerin des gepflegten Tischgesprächs bin«, knurrte Holly. »Schmierst du mir bitte ein Brot?«
Das Telefon klingelte, die Kinder liefen um die Wette.
»Omi ist dran.« Lea drückte ihrem Vater den Hörer in die Hand, der reichte ihn weiter an Holly, die ihn zunächst verfehlte. Chris nahm ihre Hand und legte das Telefon hinein.
»Mama?«
Ihre Mutter ließ sich den Eingriff vom Nachmittag beschreiben und murmelte immer wieder: »Wenn das mal gut geht.«
»Es ist doch längst gut gegangen«, sagte Holly ungeduldig. »Jedenfalls bin ich nicht blind, so viel steht schon mal fest.«
»Man soll der Natur nicht ins Handwerk pfuschen«, beharrte ihre Mutter, »das rächt sich. Wer weiß, ob sich nicht in ein paar Jahren deine Netzhaut ablöst.«
»Es handelt sich beim Lasern um die Hornhaut«, erklärte Holly, »und die Natur ist dermaßen unvollkommen, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als nachzubessern. Wenn's nach der Natur ginge, würdest du übrigens schon seit drei Jahren unter der Erde liegen.«
Damals war bei Margarete durch Zufall ein Verschluss der Herzarterie entdeckt worden, der mit größter Wahrscheinlichkeit einen tödlichen Infarkt ausgelöst hätte.
»Notfälle zählen nicht«, gab ihre Mutter zurück. »Ach, übrigens, Holly, wenn ihr nächste Woche kommt, will ich mit dir und deinen Brüdern etwas Wichtiges besprechen.«
»Was denn?«
»Darüber will ich dann mit euch allen reden.«
Beunruhigt fragte Holly: »Ist irgendwas passiert? Ist wieder was mit deinem Herzen?«
»Jetzt hör schon auf, mich zu löchern, und mach dir keine Sorgen. Wir sehen uns nächstes Wochenende.« Das Gespräch war beendet.
Holly tastete nach dem Aus-Knopf. Sie wollte das Telefon auf den Tisch legen, aber es landete in den Resten von Leas Suppe.
»Scheiße«, hörte sie Chris sagen. Er fischte den Apparat aus dem Teller und trug ihn zum Spülbecken.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Sie überlegte kurz, ob sie vom Tisch springen und weglaufen sollte, dann fielen ihr die ganzen Untersuchungen der letzten Wochen ein. Wäre alles umsonst gewesen, und sie würde es trotzdem bezahlen müssen.
Warum, zum Teufel, hatte sie sich überhaupt darauf eingelassen? War es wirklich so schlimm, kurzsichtig zu sein? Wenn sie die Brille abnahm, verschwamm die Welt zu farbigen Flecken. Ist doch eigentlich ganz schön, dachte sie plötzlich. Schöner als vieles, was sie sah, wenn sie die Brille wieder aufsetzte. Als Kind war sie gehänselt worden, klar. Blindschleiche, Brillenschlange, Streberin. Als junges Mädchen war sie mehr oder weniger blind durchs Leben getappt, weil sie lieber vom Auto überfahren worden wäre, als hässlich auszusehen. Obwohl sie mit ihren ausdrucksvollen, braunen Augen, dem schimmernden Teint und ihrem dunklen Haar als ausgesprochen hübsch galt, war sie überzeugt, dass eine Brille alles kaputt gemacht hätte.
Dann war sie immer wieder neben Typen aufgewacht, die leider nur aus der Ferne attraktiv gewesen waren. Eine Zeit lang hatte sie Kontaktlinsen getragen. Nachdem sie die dritte versehentlich im Waschbecken weggespült hatte, weigerten sich ihre Eltern, neue zu bezahlen. Als Holly endlich selbst Geld verdiente, bekam sie eine Allergie gegen Kontaktlinsen. Jetzt hatte sie genug. Sie wollte endlich wieder klar sehen.
»So, nun wird's ein bisschen unangenehm«, hörte sie die Stimme des Arztes, »ist aber gleich vorbei.«
Bleib cool, befahl sie sich. Du hast zwei Geburten überlebt, da wirst du doch wohl eine lächerliche Laser-OP überstehen.
Etwas senkte sich auf ihr Gesicht und drückte auf ihren rechten Augapfel. Sie spürte einen weiteren Schwall der Betäubungstropfen, einen leichten, kaum wahrnehmbaren Schmerz, dann fuhr die Apparatur mit einem Zischen wieder hoch.
»Vorbei?«, fragte sie mit kleiner Stimme.
»Noch nicht ganz«, erwiderte der Arzt.
Die Maschine begann zu rattern, Funken sprühten vor ihrem Auge, ein leichter Geruch von verbrannter Hornhaut verbreitete sich im Raum.
Sie sah eine Art riesigen Scheibenwischer, der über ihre Augenoberfläche fuhr, als wäre sie die Windschutzscheibe eines Lkw, dann hörte sie seine Stimme.
»So. Und weil's so schön war, das Ganze jetzt auf der anderen Seite.«
»Okay«, piepste sie.
»Sie sind ja eine ganz Gelassene«, sagte der Doc anerkennend und tätschelte ihre Schulter.
»Das täuscht«, gab Holly zurück. »Ich mache mir gleich in die Hose.«
»Schwester, eine Windel, bitte!«, befahl er.
Holly musste trotz ihrer Angst grinsen.
Als alles vorbei war, stand sie mit zittrigen Knien vom OP-Tisch auf und wurde in den Vorraum geführt. Noch einmal erhielt sie Tropfen, dann klebte die Schwester zwei Plastikschalen über ihre Augen.
»So, jetzt sehen Sie aus wie ein Waschbär. Die Augen schön zulassen bis morgen früh!«
Sie drückte Holly einen Plastikbeutel in die Hand. »Schmerztabletten, antibiotische Tropfen, Notfall-Telefonnummer. Wenn Sie Probleme haben, bitte melden.«
»Danke«, sagte Holly.
Die Schwester brachte sie zur Garderobe, zog ihr den sterilen Kittel aus, streifte ihr die Plastikhüllen von den Füßen. Half ihr in Schuhe und Mantel, brachte sie zur Rezeption.
»Hallo«, sagte Chris. »Alles gut gegangen?«
»Glaub schon. Genau wissen wir's morgen.«
Sie hakte sich bei ihm ein. »Du bist jetzt mein Blindenhund.«
»Wau«, sagte Chris.
Holly hielt die Augen fest geschlossen. Wenn sie es durchhielte, nicht durch die Plastikschalen zu blinzeln, würde alles gut werden, andernfalls würde vielleicht etwas Schlimmes passieren. Aber schon am Aufzug erschrak sie über das Geräusch der sich unerwartet öffnenden Tür und zwinkerte. Es passierte gar nichts.
Der Weg aus dem Gebäude, über die Straße, in den zweiten Stock des Parkhauses erschien ihr endlos. Die Geräusche waren unnatürlich laut und scharf; es kam ihr vor, als hätte sie nach Jahren zwei Wattebäusche aus ihren Ohren entfernt. Sie klammerte sich an Chris' Arm fest.
»Du passt auf, ja?«
»Klar passe ich auf.«
Woher wusste sie, dass sie ihm vertrauen konnte? Er könnte sie an einen Aufzugschacht oder zu einer steilen Treppe führen, ihr einen Stoß versetzen und - Ende einer Ehe. Vielleicht träumte er schon lange davon, sie loszuwerden, und hatte nur auf diesen Tag gewartet.
Sie drehte den Kopf in seine Richtung und blinzelte.
»Augen zu«, befahl er.
»Liebst du mich eigentlich?«
»Was?«
»Ich meine«, sagte Holly schnell, »würdest du mich auch lieben, wenn ich blind wäre? Oder eine andere Behinderung hätte?«
»Was bliebe mir anderes übrig?«
»Na, hör mal, das klingt ja, als wäre Liebe eine Art Krankheit! Ein schreckliches Schicksal, gegen das man keine Chance hat.«
»Genau.«
»So sehe ich das überhaupt nicht! Liebe ist eine Entscheidung, ein Akt des Willens. Du liebst mich, weil du es willst, nicht, weil irgendeine Macht dich dazu zwingt ...«
»... hör lieber auf zu diskutieren, du läufst gleich gegen einen Betonpfeiler.«
Holly blieb erschrocken stehen. »Ich denke, du passt auf!«
»Wie soll ich aufpassen, wenn du dauernd quasselst.«
»Schon gut«, sagte sie.
Er führte sie weiter. Schweigend ging sie neben ihm her, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, immer darauf gefasst, an ein Hindernis zu stoßen. Er blieb stehen.
»Wir sind da.«
Holly blieb stehen, bis sie das Öffnen der Beifahrertür hörte, dann stieg sie vorsichtig tastend ein.
Sie holte tief Luft. »Schrecklich.«
»Was?«
»So hilflos zu sein.«
»Tut dir mal ganz gut, nicht alles unter Kontrolle zu haben.« Chris startete den Motor und fuhr die engen Kurven des Parkhauses hinab. Wieder blinzelte Holly. Ständig hatte sie das Gefühl, gleich gegen eine Wand zu fahren. Erst auf der Straße wurde es besser. Sie lehnte ihren Kopf zurück und entspannte sich.
Sie vertraute ihm schon seit achtzehn Jahren. Hatte ihm von Anfang an vertraut, einfach so. Instinktiv. Hatte nie darüber nachgedacht, ob er ihr Vertrauen verdiente. Und er hatte sie nie enttäuscht. Warum war ihr dann jetzt der Gedanke gekommen, in ihm könnten Dinge vorgehen, von denen sie noch nicht einmal etwas ahnte? Nur, weil sie zwei Plastikdeckel auf den Augen hatte? Verlor sie das Vertrauen in den Menschen, der ihr am nächsten war? Jeder Psychologe wäre begeistert. Mangelndes Urvertrauen.
Angst, aus der Welt zu fallen. Mindestens zwei Jahre Therapie.
Sie machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte sie ihre Gedanken wegwischen.
Sie dachte an ihre erste Begegnung zurück bei einer Geburtstagsfeier ihrer Freundin Diana, die damals in einer WG wohnte. Chris war gerade neu dort eingezogen, und Diana schwärmte von ihm.
»Er ist was Besonderes, weißt du? Nicht so ein Klugscheißer wie die Typen von der Uni.«
»Wieso, was macht er?«
»Er ist Kunsttischler. Baut wunderschöne Möbel und kann alles reparieren, was in einem Haushalt kaputtgeht.«
»Wie praktisch«, sagte Holly lächelnd.
»Außerdem ist er klug. Er liest viel und macht sich 'ne Menge Gedanken über Politik und so.«
»Du bist verknallt«, stellte Holly fest.
»Eigentlich nicht«, sagte Diana, »ich steh nicht auf blond.«
Am Abend der Party passierte Holly ein Missgeschick: Nach einem Besuch auf der Gästetoilette ließ sich die Tür nicht mehr öffnen, der Schlüssel klemmte. Bei dem gewaltsamen Versuch, ihn zu drehen, brach er ab. Holly geriet in Panik. Sie wollte aus dem Fenster steigen und lehnte sich hinaus, um zu sehen, ob es eine Feuerleiter oder einen Mauervorsprung gäbe. Dabei blieb sie im Fensterrahmen stecken. Nachdem sie sich mühsam befreit hatte (wobei sie sich die Schulter quetschte), versuchte sie, mit einer Nagelfeile das Türschloss zu öffnen, aber die Feile brach ab. Verzweifelt schlug sie schließlich gegen die Tür. Die Gäste sammelten sich vor dem Gästeklo und johlten ihr aufmunternd zu. Der Einzige, der keine blöden Witze machte, sondern die Tür aufstemmte, war Chris. Mit vor Scham gerötetem Gesicht dankte ihm Holly und wollte sich schnell verdrücken, aber er hielt sie fest. »Dich wollte ich schon den ganzen Abend kennenlernen!«
Er zog sie in die Küche und füllte zwei Gläser mit Rotwein. Holly trank ihr Glas aus, ohne abzusetzen.
»Was für eine peinliche Nummer«, stöhnte sie, »schön, dass ihr alle euren Spaß hattet!«
»Wenigstens hast du nicht versucht, aus dem Fenster zu klettern.«
Holly sagte nichts.
Chris musterte sie. »Oder hast du etwa ...?«
»Drunter ist ein Balkon«, sagte sie trotzig.
Chris lachte. »Verstehe. Selbst ist die Frau. Du bist eine von denen, die sich nicht helfen lassen wollen.«
»Bisher bin ich ganz gut durchgekommen«, sagte Holly.
»Glückwunsch. Wie heißt du eigentlich?«
»Holly.«
Chris stutzte. »Na, dann kann ich mich ja glücklich schätzen, dass du überhaupt mit mir redest.«
»Wieso?«
»Diana hat mir erklärt, dass du auf Intellektuelle abfährst.«
»Es gibt Fälle, in denen ich Tischler vorziehe.«
»Wenn du im Gästeklo festsitzt.«
Holly lächelte. »Und, auf wen fährst du ab? Auf Diana?«
Chris überlegte kurz. »Nee, eigentlich nicht. Ich steh nicht auf blond.«
Später stellte sich raus, dass Chris gelogen hatte. Alle seine Exfreundinnen waren blond gewesen.
Holly legte die Hand auf Chris' Knie.
»Wann hast du mich eigentlich zuletzt belogen?«
Chris musste nicht lange nachdenken. »Am Sonntag. Die Kalbsrouladen waren trocken.«
»Du Mistkerl!«, entrüstete sich Holly. »Du hast behauptet, sie seien wunderbar!«
»Gnädige Notlüge. Der Kitt jeder Beziehung.«
»Wie oft bist du so ... gnädig zu mir?«
»Nicht oft, keine Sorge.«
Holly verfiel in Grübeln. Er hatte recht, es geht nicht ohne kleine, liebevolle Schwindeleien, die dem anderen eine Verletzung ersparen oder einem selbst eine Diskussion, auf die man gerade keine Lust hat. Die Wahrheit ist nicht nur ziemlich subjektiv, sondern meist auch schwer verdaulich. Es empfiehlt sich, sie gut zu dosieren, wenn man seine Beziehungen nicht auf allzu harte Proben stellen will.
»Dann bin ich ja froh«, sagte sie und wusste nicht, warum die Tatsache, nichts sehen zu können, ein so heftiges Bedürfnis in ihr auslöste, den Dingen auf den Grund zu gehen. »Lügst du auch bei wichtigeren Dingen als Kalbsrouladen?«
Chris antwortete nicht.
»Was ist los? Warum sagst du nichts?«
»Lass mich doch nachdenken«, sagte Chris. »Ich bin nicht so schnell wie du.«
»Da gibt es nichts nachzudenken, entweder ja oder nein, das musst du doch wissen!«
»Ich bin immer so ehrlich wie möglich«, sagte er schließlich.
»Na, toll.« Sie seufzte.
Zu Hause ließ sie sich von Chris ins Bad führen, dann ertastete sie sich selbst den Weg ins Schlafzimmer. In ihrer vertrauten Umgebung, wo sie die Entfernungen und Hindernisse einschätzen konnte, fühlte sie sich etwas sicherer. Sie zog ihren Pyjama an und verkroch sich im Bett.
»Ich hab so kalte Füße«, jammerte sie, »machst du mir eine Wärmflasche?«
»Gern.« Chris verließ das Zimmer, sie hörte seine Schritte auf dem Flur.
Holly nahm sich vor, darauf zu achten, wie oft sie jemanden anschwindelte, und sofort fielen ihr eine Menge Situationen ein, in denen sie nicht ehrlich gewesen war. Den korallenroten Schal, ein Geschenk von Chris zu Weihnachten, hatte sie in den höchsten Tönen gelobt - obwohl sie die Farbe verabscheute. Letzte Woche hatte sie einen wichtigen Termin vergessen und behauptet, ihre Tochter hätte einen Unfall gehabt. Als Timo zu müde fürs Fußballtraining gewesen war, hatte sie ihn mit einem verstauchten Knöchel entschuldigt. Eigentlich benutzte sie ständig Notlügen, um ihr Leben leichter zu machen.
Chris kam mit der Wärmflasche zurück und legte sie zu ihren Füßen ins Bett. Dann gab er ihr das Telefon in die Hand.
»Ich geh noch mal rüber in die Werkstatt. Wenn du was brauchst, drück einfach die Wiederholungstaste.«
Holly ließ die Finger über das Telefon gleiten.
»Welche ist es?«, fragte sie.
Er legte ihren Zeigefinger auf eine der Tasten. »Hier oben, die linke. Und die drunter zum Wählen.«
»Danke«, murmelte Holly.
Sie versuchte einzuschlafen, fiel aber nur in einen dösigen Zustand, in dem Bilder und Erinnerungen wild durcheinanderwirbelten. Ihr Gehirn schien die fehlende Sehfähigkeit durch eine Art Kopfkino ausgleichen zu wollen.
Sie sah wieder das rote Licht und dahinter das Gesicht des Operateurs, der sie durch seine Brillengläser anfunkelte. Wieso trug der überhaupt eine Brille? Traute er seiner eigenen Lasertechnik nicht? Dann fiel ihr ein, dass es wohl eine für die Nähe war. Die würde auch ihr nicht erspart bleiben, aber bis dahin war noch ein paar Jahre Zeit. Jahre, in denen ihr Gesicht nicht durch ein blödes Plastik- oder Drahtgestell entstellt wäre. Vielleicht würde sie sich endlich die Haare ein bisschen wachsen lassen oder sich sogar ein Abendkleid kaufen. Hatte alles zur Brille nicht gepasst. Holly konnte es plötzlich kaum erwarten, ihr neues Gesicht im Spiegel zu sehen.
Die Tür flog auf, Timo und Lea stürmten ins Zimmer. Holly richtete sich auf.
»Mir geht's gut«, sagte sie schnell, »macht euch keine Sorgen. Ich seh nur komisch aus mit diesen Dingern auf den Augen.«
»Wie 'ne bekiffte Fliege«, stellte Timo fest.
»War's schlimm?«, fragte Lea anteilnehmend und setzte sich auf die Bettkante.
»Nein, überhaupt nicht«, sagte Holly munter. Sie fand, Mütter dürften nicht schwach sein und jammern. Sie müssten Stärke zeigen, damit ihre Kinder stark werden könnten.
»Siehst du was?«, fragte Timo.
»Nee«, sagte sie, »gar nichts.«
Heimlich blinzelte sie durch die beschlagenen Plastikgläser. Timo zog eine Grimasse und streckte ihr die Zunge raus.
»Aber ich weiß trotzdem, dass du dich gerade schlecht benimmst.«
Timo hielt inne. »Beschiss«, sagte er, »du hast geblinzelt.«
Holly realisierte überrascht, wie tief seine Stimme schon war. Das war ihr bisher nicht aufgefallen.
Die Kinder verloren das Interesse an ihr und liefen weg. Wenig später mischten sich die biederen Klänge von Bayern 3 mit dem Gewummere der »White Stripes«. Holly seufzte.
Wie schnell die beiden gewachsen waren. Timo mit seinen dreizehn Jahren war bereits so groß wie sie, ein breitschultriger, junger Mann mit langem, glattem Haar, das ihm ständig in die Augen fiel. Wenn er verlegen war, errötete er, was sie bezaubernd fand. Manchmal versuchte sie, ihn zu umarmen oder ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken. Genervt wehrte er ab, und sie fühlte sich wie eine verschmähte Liebende.
Lea war zehn, an der Schwelle zur Pubertät. Sie ließ Berührungen gerade noch zu, wenn auch manchmal schon mit einer Herablassung, die Holly wehtat. Wie sollte man es als Mutter bloß aushalten, wenn die Kinder keine Zärtlichkeit mehr annehmen wollten, ja, einen beim kleinsten Versuch zurückstießen?
Sie könne sich ja ein Haustier zulegen, hatte Chris vorgeschlagen, als sie ihm ihr Leid geklagt hatte. Oder sich mehr mit ihm beschäftigen.
Holly setzte sich zu ihrer Familie an den Esstisch und löffelte vorsichtig die Gemüsesuppe, die sie am Morgen vorgekocht hatte. Auch ihr Geschmackssinn schien sich verändert zu haben; sie aß bewusster und nahm die Aromen intensiver wahr. Immer besser konnte sie sich vorstellen, wie Blinde sich fühlen. Schon in den wenigen Stunden, in denen sie ihre Umgebung nicht hatte sehen können, hatte sich der Horizont ihrer Außenwahrnehmung schmerzhaft verengt, und sie fühlte sich aus dem Erleben der anderen ausgeschlossen. Wie dankbar war sie, dass dieser Zustand vorübergehend sein würde.
»Ich esse wie ein Schwein«, verkündete Lea.
»Das ist ja nichts Neues«, sagte Holly.
»Aber du kannst es nicht sehen!«, triumphierte ihre Tochter. »Deshalb kannst du auch nicht schimpfen.«
»Sehen nicht, aber hören«, erwiderte Holly. »Iss wenigstens wie ein stummes Schwein.«
»Alle Schweine sind stumm«, sagte Timo und machte ein blubberndes Geräusch mit seinem Getränk. »Stumm heißt, dass man nicht sprechen kann. Schmatzen oder schlürfen kann man trotzdem.«
»Sehr wohl, Euer Ehren«, sagte Holly. »Dann gestatten Sie, dass ich mich korrigiere: wie ein vornehmes Schwein.«
»Vornehme Schweine gibt's nicht«, schaltete sich Lea wieder ein. »Schweine sind schweinisch, sonst wären sie ja keine Schweine, sondern Menschen.«
Holly seufzte. »Ihr macht mich wahnsinnig, ihr ...
»... Korinthenkacker!«, brüllten Timo und Lea wie aus einem Mund.
»Warum lässt du dich bloß immer in solche Diskussionen verwickeln?«, fragte Chris staunend.
»Weil ich eine Anhängerin des gepflegten Tischgesprächs bin«, knurrte Holly. »Schmierst du mir bitte ein Brot?«
Das Telefon klingelte, die Kinder liefen um die Wette.
»Omi ist dran.« Lea drückte ihrem Vater den Hörer in die Hand, der reichte ihn weiter an Holly, die ihn zunächst verfehlte. Chris nahm ihre Hand und legte das Telefon hinein.
»Mama?«
Ihre Mutter ließ sich den Eingriff vom Nachmittag beschreiben und murmelte immer wieder: »Wenn das mal gut geht.«
»Es ist doch längst gut gegangen«, sagte Holly ungeduldig. »Jedenfalls bin ich nicht blind, so viel steht schon mal fest.«
»Man soll der Natur nicht ins Handwerk pfuschen«, beharrte ihre Mutter, »das rächt sich. Wer weiß, ob sich nicht in ein paar Jahren deine Netzhaut ablöst.«
»Es handelt sich beim Lasern um die Hornhaut«, erklärte Holly, »und die Natur ist dermaßen unvollkommen, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als nachzubessern. Wenn's nach der Natur ginge, würdest du übrigens schon seit drei Jahren unter der Erde liegen.«
Damals war bei Margarete durch Zufall ein Verschluss der Herzarterie entdeckt worden, der mit größter Wahrscheinlichkeit einen tödlichen Infarkt ausgelöst hätte.
»Notfälle zählen nicht«, gab ihre Mutter zurück. »Ach, übrigens, Holly, wenn ihr nächste Woche kommt, will ich mit dir und deinen Brüdern etwas Wichtiges besprechen.«
»Was denn?«
»Darüber will ich dann mit euch allen reden.«
Beunruhigt fragte Holly: »Ist irgendwas passiert? Ist wieder was mit deinem Herzen?«
»Jetzt hör schon auf, mich zu löchern, und mach dir keine Sorgen. Wir sehen uns nächstes Wochenende.« Das Gespräch war beendet.
Holly tastete nach dem Aus-Knopf. Sie wollte das Telefon auf den Tisch legen, aber es landete in den Resten von Leas Suppe.
»Scheiße«, hörte sie Chris sagen. Er fischte den Apparat aus dem Teller und trug ihn zum Spülbecken.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .