Finnische Einsichten
Jugendbücher von Hannele Huovi und Marjaleena Lembcke
Finnland ist im kulturhistorischen Sinne ein Schwellenland, geprägt von der Nähe zu Russland, von der Abgeschiedenheit der eigenen Sprache und der Monotonie einer weiten Landschaft. Die kulturellen Signale, die in den vergangenen Jahren aus Finnland kamen das bekannteste heisst Kaurismäki , liessen, um mit Obelix zu sprechen, nur eine spontane Reaktion zu: «Die spinnen, die Finnen!» Inzwischen herrscht in Mitteleuropa eine Art Miniatur-Finnland-Boom, der, angeführt vom finnischen Tango, bis hin zur regen Übersetzung der Romane von Arto Paasilinna reicht. Auch im Jugendbuchsektor ist Finnland stärker vertreten als auch schon. In den sehr unterschiedlichen Büchern von Hannele Huovi und Marjaleena Lembcke lässt sich so etwas wie ein gemeinsamer finnischer Grundton heraushören. Eine gewisse Schicksalsergebenheit vielleicht, die empfänglich macht für Zwischentöne. Man könnte sie auch Melancholoie nennen.
«Meine Geschichte ist eine Schwellengeschichte», findet sich Peter Handke in der deutschen Ausgabe von «Feuergrenze» zitiert. Und Hannele Huovis Jugendroman ist in der Tat eine Schwellengeschichte in vieldeutigem Sinne. Die Definition von Jugend als dem Niemandsland zwischen Kindheit und Erwachsenenleben gehört quasi zum Grundanspruch des Genres, doch Huovi benutzt das Schema nur als Hintergrund für ein Ausloten der Grenze zwischen Leben und Tod, der Kluft zwischen den Generationen und der Unfähigkeit der Verständigung zwischen Individuen. An ihrem Protagonisten, dem fünfzehnjährigen Janne, interessiert Huovi nicht allein die Nabelschau des Pubertierenden wiewohl die Verwirrung durch Verliebtheit und erste sexuelle Erfahrungen immer präsent ist. Huovi setzt Janne in ein soziales Umfeld, das ihn mit den «erwachsenen» Ernsthaftigkeiten des Lebens konfrontiert: Eltern, die einander entfremdet scheinen, eine verwirrte Grossmutter (die später stirbt), um die sich ausser Janne niemand kümmert, und ein versoffenes Subjekt von einem Onkel, der die Grossmutter bedroht. Fragmente aus einem Tagebuch lassen Janne zudem die Grossmutter als junge Frau erleben. Als unglückliche Ehefrau nämlich. Gerade weil es eine eindrückliche, differenzierte Geschichte ist, machen sich die Gesetze des Jugendbuchgenres sehr deutlich bemerkbar. In der Psychologie der Hauptfigur beispielsweise, die sehr unbestimmt, ja fast skizziert erscheint, aber auch in einer Erzählweise, die ohne nachvollziehbaren Anlass immer wieder in die Ich-Form kippt beides wohl Bemühungen, dem Realismus von Jugendlichkeit Rechnung zu tragen.
Marjaleena Lembcke lebt seit mehr als dreissig Jahren in Deutschland, und Deutsch ist auch ihre Schreibsprache geworden. Ihre Sehnsucht aber scheint in Finnland geblieben zu sein, in jener Zeit, als sie selbst Kind und Teenager war. In die fünfziger Jahre führen deshalb Lembckes autobiographisch motivierten Geschichten, in ein Finnland der Nachkriegszeit, das von existentieller Not beherrscht ist. Doch nicht dieser Not gilt das Augenmerk der Autorin, sondern den zwischenmenschlichen Feinheiten, die sich im wortkargen Alltag von Leenas (Lembckes Alter ego) geschwisterreicher Familie aufspüren lassen. Etwa eine Reihe von Verliebtheiten mit unterschiedlichem Ausgang («Der Sommer, als alle verliebt waren», 1997) oder die Sorgen und Freuden, die ein lebensfrohes behindertes Kind verbreitet («Als die Steine Vögel waren», 1998). «Und dahinter das Meer» heisst Lembckes neuestes Buch, in welchem Leena auf einer Reise in die Vergangenheit des Vaters mit fünfzehn noch einmal eine fast kindliche Nähe mit dem Vater erlebt.
Lembcke erzählt mit federleichter Sprache, in einem warmen, ruhigen Fluss. Die Behaglichkeit, die von ihren Geschichten ausgeht, lullt ein und legt sich wie ein Teppich über Figuren und Landschaft. Traurigkeit ist eben auch ein Teil des Glücks seufzend vernimmt man Marjaleena Lembckes Botschaft und beginnt wieder an das Gute im Leben zu glauben.
Gerda Wurzenberger