Poetologie mit Gnomen
Michael Maars literarische Essays
Am Buchhändlerportal der Kathedrale von Rouen lauert eine unscheinbare, in Stein gehauene Skulptur auf ihren Entdecker. In einer kleinen Lücke der hochaufragenden Figurenwand liegt sie verborgen und blinzelt aus ihrer Anonymität dem Besucher der Kathedrale herausfordernd entgegen. Der Besucher weiss um die Existenz dieser Figur und ist eigens nach Rouen gepilgert, um den geheimnisvollen Gnom ausfindig zu machen. Immer wieder lässt er sein Auge über das steingewordene Heer der kleinen grauen Männchen gleiten, doch eben dieses eine sieht er nicht.
Da, als er sich schon zum Gehen abgewendet hat, bleibt sein Blick plötzlich an einer liegenden Figur hängen, die ihn aus winzigen Pupillen ansieht. Er hat den Gnom entdeckt. Oder sollte man sagen: der Gnom hat sich ihm gezeigt? Jedenfalls berichtet Marcel Proust sehr bewegt von der Begegnung, um derentwillen er nach Rouen gefahren ist. Der Kunstkritiker John Ruskin hatte den kleinen Gnom abgezeichnet. Seitdem wollte Proust ihn sozusagen leibhaftig sehen. Nun blickt er ihm ins Angesicht.
Heilige Details
In Michael Maars Lesart dieser Episode wird der Gnom im Gemäuer der Kathedrale zum Prüfstein jeder Lektüre. «Das grimmige Männchen des Buchhändlerportals», so Maar, «ist ein Memento für den Leser . . . Überall in den Werken der Literatur wimmelt es von Gnomen, von unscheinbaren Randfiguren, die darauf warten, nicht überlesen und aus ihrem Interimstod gerissen zu werden. Die Kunst ist nichts ohne ihre Details.» Später, im Zusammenhang mit Nabokov, ist dann sogar von «heiligen Details» die Rede. Den Weg zum Tabernakel weisen die Gnomen. Wer sie nicht wahrnimmt, kommt vom Weg ab und verpasst die Textspur.
Erst wenn sich bei der Lektüre all die «ausgesprochenen und wortlosen Gedanken und Gesten» in ein Bild fügen, tritt uns das «verborgene, wahre Ich des Autors» entgegen, jenes Proustsche «autre moi», das nach der «Verwandlung in Kunst» verlangt. Nun kann sich das «Versprechen der Literatur» erfüllen, dem eine «stille Forderung» zugrunde liegt. Der Leser muss sich auf das Andere, das Fremde einlassen. Sein «Interesse am Nicht-Ich» schliesst ihm den Text auf. Autistische Leser sind die «natürlichen Feinde der Steinmännchen». Nach dieser kleinen Poetologie mit Gnomen und anderen Fremdkörpern können «die Feuer- und die Wasserprobe» beginnen.
Dieses textkritische Verfahren kennzeichnet zunächst Maars eigenes Vorgehen, wenn er die versammelten Aufsätze meist aus Zeitungs- oder Zeitschriftenkritiken hervorgegangen eine Weile der «Schubladengruft» anheimgibt, um sie nach einer gewissen Ablagerungszeit einer «zweiten Inspektion» zu unterziehen. Nur was im Kern Bestand hatte, wurde «zerlegt und revidiert, gestrafft und oft erweitert, um- und öfter neugeschrieben». Das Ergebnis sind zwanzig «Essays zur Literatur», die eindrucksvoll Zeugnis von der obsessiven Lektüre des Autors ablegen.
Anlässlich der Besprechung von Heinrich Deterings Habilitationsschrift über das «offene Geheimnis» der Camouflage bemerkt Michael Maar, das «schlichteste, älteste, schwierigste, dankbarste Instrument (sei) die gründliche Lektüre». In dieser Hinsicht hat er sich selbst nicht geschont. Denn darin, dass ein grosser Text beide Prüfungen bestehen muss «die Feuer- und die Wasserprobe» , weiss er sich mit Thomas Manns Anspruch, ein gutes Buch müsse der «doppelten Optik» standhalten, einig. «Bei der Erstlektüre» so Maar «kann ein Buch ästhetische Wahrheiten enthüllen, die es später nicht mehr preisgibt . . . Bei der Wiederlektüre wird man merken, wie es funktioniert; nur bei der ersten aber, ob.»
Bei der Inspektion von Maars Büchertempel sind wir durch das Buchhändlerportal eingetreten und stehen nun im Hauptschiff. Sofort wird augenfällig: in diesem Letternkosmos gibt es eine Hausordnung. Wir sehen die alles überragenden Säulenheiligen von festen Sockeln auf das andächtige literarische Fussvolk herabblicken. Es sind dies Marcel Proust, Thomas Mann und Vladimir Nabokov. In den Seitenschiffen gibt es ansehnliche Altäre für Shakespeare, Kleist, Kafka und Hans Christian Andersen. Auch für Joyce und Borges finden sich noch Opferstöcke, Beckett hingegen dient nur als Kerzenhalter am Proust- Sanktuarium.
Die Ordnung der «heiligen Details» kennt auch den hehren Stand jener literarischen Zwitterwesen, die sich engelgleich aus der grauen Schar der poetae minores erhoben haben, aber für die gerade kein Sockel frei ist. Wenn sie jung sind wie Nicholson Baker, der «keusche Pornograph und Grossneffe Prousts», können sie selbst noch an ihrem Ruhm wirken. Sind sie dazu nicht mehr in der Lage, müssen andere an ihrem Nachruhm arbeiten. Maar führt das mit souveräner Geste am Standbild des toten Dichters Leo Perutz vor. Er legt dabei «Züge einer geistigen Physiognomie» frei, die der bornierten Philologie verborgen geblieben sind. Aber auch den Tagebüchern von Virginia Woolf gewinnt Maar eine Lesart ab, in der man um es mit der Dichterin selbst zu sagen «durch die Wörter immer die Seele sieht».
Witztribut
Kann ein Buckliger auf einem Sockel stehen? Eine vermutlich rachitisch bedingte Seitenausbiegung der Brustwirbelsäule hält den Thorax des Kyphoskoliotikers «wie in eine zu fest verzurrte Schnürweste gezwängt». Auch chronisches Zahn-, Hals- und Ohrenweh, Kurzatmigkeit, Bronchitis und Erstickungsanfälle konnten Georg Christoph Lichtenberg nicht davon abhalten, sich über seine schweren Gebresten mit leichter Feder hinwegzusetzen. Wie Lichtenberg seiner Krankheit den «gehörigen Witztribut» (Maar) zollte, entfaltet der Autor anlässlich einer Studie des Internisten Horst Gravenkamp über Lichtenberg als Patienten. Auf nicht weniger als 35 Krankheiten kommt der amerikanische Mediziner Bernard Strauss am Krankenbett von Marcel Proust. Michael Maar resümiert: «Aus der Sicht der Literatur war der Stern über Prousts Leben ein guter, aus jeder anderen Sicht ein böser. Auf vertrackte und ironische Weise sind am Gelingen der RECHERCHE gerade die Ärzte beteiligt, die Proust nicht heilen konnten.» Es wäre nicht der erste Fall einer Krankheit, die nicht verheilen darf, weil sie sich auf anderem Terrain als äusserst produktiv erweist. Gerade die Dichter sind dieser Verführung, die die Psychoanalyse als sekundären Krankheitsgewinn kennt, oft erlegen.
Ein letzter Blick in Maars Literaturkathedrale fällt auf die Büsserbank. Hierhin hat der strenge Hausherr mit schulmeisterlichem Bannfluch den «Stilisten» Botho Strauss verdammt. Über dessen gelegentliche Überinstrumentierung mag man sich mit Recht mokieren, doch da verlässt den sonst so urteilssicher auftretenden Literaturkenner die Balance, und ein überhebliches Ressentiment bemächtigt sich seines Griffels. Statt im Autor des «Anschwellenden Bocksgesangs» den Stilisten zu kritisieren, wäre es erhellender gewesen, ein paar Gedanken darauf zu verschwenden, wie eine Medienöffentlichkeit strukturiert sein muss, in der die Reizvokabeln eines vergleichsweise marginalen Textes zur Gesinnungsprobe eines ganzen intellektuellen Milieus avancieren konnten.
Den Text über Botho Strauss kann man also nicht zur Relektüre empfehlen. Man merkt gleich, dass er nicht funktioniert. Allen anderen Texten wünscht man indes Erst- und Zweitlektüren. Hier überzeugen stupende Text- und Werkkenntnis, akribische Lektüre und eine ausgeprägte Abneigung gegen philologische Langeweile. Auch wie Maar die «heiligen Details» aus dem Lebensumfeld seiner Protagonisten kunstvoll in die jeweilige Betrachtung verwebt, ohne in die Gefahr des Biographismus zu geraten, verdient Respekt. So werfen wir denn einen letzten suchenden Blick auf das Buchhändlerportal und stellen fest, der Gnom ist wieder verschwunden. Jetzt, wo wir wissen, dass er sich durch hartnäckiges Lesen bisweilen erweichen lässt, sehen wir der nächsten Lektüre etwas gelassener entgegen.
Stephan Krass