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Die Fenster von Sainte Chapelle: Eine Internet-Reiseerzählung
 
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Die Fenster von Sainte Chapelle: Eine Internet-Reiseerzählung [Broschiert]

Alban Nikolai Herbst , Isolde Ohlbaum
3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Broschiert: 169 Seiten
  • Verlag: Kulturmaschinen; Auflage: 1 (14. März 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3940274348
  • ISBN-13: 978-3940274342
  • Größe und/oder Gewicht: 20 x 12 x 1,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.274.584 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Über den Autor

Alban Nikolai Herbst, geboren 1955 in Refrath, studierte Philosophie und arbeitete als Broker. Er erhielt den Grimmelshausen-Preis, 1998 einen Jahresaufenthaltin der Deutschen Akademie Villa Massimo Rom, 1999 den Phantastik-Preis. 2007 wurde Herbst auf die Poetik-Dozentur der Universität Heidelberg berufen.Isolde Ohlbaum, in Oberbayern geboren, lebt seit 1953 in München. Ab 1970 besuchte sie zwei Jahre lang die "Bayerische Staatslehranstalt für Fotografie". Bald entdeckte sie, nach anfänglichen Arbeiten im Fotojournalismus, ihre Neigung zum Portrait und hat seither viele internationale Literaten ins Bild gesetzt - in einem Stil, der eine "Handschrift" erkennen lässt und doch ganz auf die Persönlichkeit des Fotografierten eingeht. Aus ihrem Werk entstanden einige Bücher und sie erhielt mehrere Preise. Ihre Bilder waren auf Ausstellungen in etlichen europäischen Städten zu sehen.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

"Seine rechte Hand schweifte langsam ins Rund. "Bitte sehr" hieß das und war nun endgültig als Einladung gemeint. Dann beugte er sich etwas vor und hangelte nach der Lehne eines der zahllosen hellgrauen Plastikstühle, die am Fuß der hohen Fensterwände rings aufgestellt waren; er zog ihn heran. Zwei der Stuhlbeine quietschten auf den marmornen Mosaiken des Bodens. Es war dann völlig still. Von Paris hörte man überhaupt nichts mehr. Nur das schwere Atmen des Mannes pfiff leise durch den Raum, in den ich ganz hineintrat, hoch über mir einen tiefblauen, sternübersäten Himmel, den goldene Tangenten gliederten, als wärn Meridiane zur Zierde erschaffen. Schon das wär Grund genug gewesen, mich ebenfalls zu setzen, um hinaufzumeditieren. Doch nahm ein schleichender Schrecken von mir Besitz. Denn als ich die Fenster sah, wirklich sah, begriff ich, daß es einen Zusammenhang gab, dessen Ursache ich in mir selbst finden mußte: einen Zusammenhang nämlich mit jener anderen, dieser fensterlosen Kapelle ..."

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Von Amazon bestätigter Kauf
Jedes Buch lässt uns immer wieder durch ein anderes Fenster auf die Welt blicken. In diesem ist es das Fenster eines schreibenden Mannes, der nach Paris reist. Frankfurt und Heidelberg sind die Orte vor seinem Abflug nach Paris und bis zu den fünf Sternen auf Seite 9 war ich zum Einstieg gekommen und hätte spontan auch fünf für diese Ouvertüre vergeben. Für die Nähe, die das erzählerische Ich zum Autoren-Ich zulässt und für das Spiel auf der Klaviatur der ganz eigenen Sprache, so improvisiert und gerade deshalb poetisch. In Heidelberg wird ein Ereignis beschrieben, bei dem eine Asiatin, um auf ihr Lädchen aufmerksam zu machen, eine Blume für die Ordnungskräfte zu weit in eine Parklücke stellt. Es ist unschwer in diesem Bild die Verletzbarkeit des reisenden Schriftsteller-Erzählers zu erkennen, der sich in der Ignoranz durch den Kulturbetrieb und einer anonymen Staatsmacht oder Obrigkeit spiegelt. Wir nehmen unmittelbar teil an den Gedanken des Schriftstellers, die ständig getränkt sind mit Referenzen an seine eigene Literaturrezeption von literarischen Größen wie Joyce und Proust. Da wird ganz nebenbei über die unterschiedliche Reaktion auf den Vortrag einer sexuell freizügigen Stelle bei Joyce durch Eva Demski gegenüber der des Schriftstellers selbst sinniert und von seiner Vorliebe für dieses Helios-Kapitel, aus dem das Zitat stammt. Ein gelungener Leseabend, an dem Eva Demski nach ihm las, ist ihm in Erinnerung geblieben.

Amüsiert, manchmal sogar ergriffen, fühlte ich mich ob des Erfindungsreichtums des Erzähler-Ichs, der so unmittelbar jeden Eindruck sublimiert und in die Sphäre der Kunst zu schicken weiß. Der Paristrip wird eigentlich zur Frage nach dem Gott oder Teufel in uns allen. Ein umstrittenes Werk des Schriftstellers, "Meere", soll ins Französische übersetzt werden, aber er erhält gleichzeitig einen mysteriösen Auftrag zu einem Buch von einer Madame "Le Duchesse", von dem es nur ein Exemplar für diese ominöse Zwittergestalt selbst geben soll. Hinter diesem Drahtzieher im Hintergrund könnten sich Gott oder der Teufel persönlich, aber auch Anklänge an bekannte literarische Figuren wie der Baron de Charlus aus Prousts "Recherche" oder die Herzogin von Guermantes verstecken. Begleitet wird dieses fleischgewordene Mysterium von einem dienstbaren Geist in lederner Kluft, der Jenny Michel heißt, aber gleichzeitig auch das Potential zum Erzengel Michael oder dem Luftgeist Ariel hat. Parzival im Labyrinth der Gestalten auf der Suche nach dem Gral, der sich immer nur wieder als der Mensch selbst zwischen Gut und Böse herausstellt. Körperlichkeit wird in der Sexualität selbstbewusst ausgelebt, um sich anschließend um so entspannter der eigenen Kunst widmen zu können. Irgendwie paart sich die Dominanz im Spiel des Sexuellen mit der künstlerischen Demut, Sensibilität und Verletzbarkeit. Letztlich steckt in jedem Menschen auch ein gefallener Engel. Wie beiläufig wird grandios vom Religiösen erzählt, das eine kleine Geschichte enthält, in der Touristen die Kirche als Ort der Andacht und Hoffnung mit ihrer permanenten Fotografiererei entweihen. Nur "wenn die Menschen draußen sind, ist drinnen Gott", wird ein französischer Film zitiert. Ein schönes Bild, das deckungsgleich auch für die "Trolle"(verbal marodierende Kommentatoren) im Weblog des Schriftstellers gelten könnte.

Die Erzählung durchbricht beinahe in Echtzeit mediale und personale Grenzen, denn die Kommentatoren im Blog, mit denen der Erzähler in ständigem Kontakt steht, sind hinter ihren Pseudonymen manchmal erkennbar und werden so Teil dieser erzählten Anderswelt. Zwischen den Personen besteht ein hierarchisches Machtgefüge und multiple Abhängigkeiten. Das Restaurant Silberturm, "Tour d'argent" werden die folgenden Abschnitte genannt, verweist auf das Abhängigkeitsverhältnis von Verleger und Autor, der ständig unter dem Druck steht, sein Werk versilbern zu müssen.
Die Phantastik in der Novelle ist sogar was ihren eigenen Text angeht immer intertextuell, denn von den Kommentatoren in seinem Weblog werden Pfingstrosen (Päonien) als narrative Unstimmigkeit angeprangert, weil sie bereits in Deutschland kurz vor dem Abflug auf einem anderen Tisch standen und nicht, wie von ihm berichtet jetzt in seiner Unterkunft "La Nonchalante". Der Schriftsteller beklagt nun einen geknackten Code, bei dem es sich eben nicht um den der Eingangstür zu seiner Wohnung handelt, sondern den der Imagination und Erzählweise des Erzählers selbst. Sofort wird mit der Transponierung in eine Opferrolle begonnen und das Bild eines Mannes evoziert, der geschlagen, verletzt und ausgeraubt vom Luftgeist Jenny verarztet werden muss. Den Code nicht zu besitzen, bedeutet auch mit dem Verlust seiner Identität bedroht zu werden. Ohne Identität ist man aber selbst in der Fiktion ein nicht oder nur schlecht wahrgenommener Niemand.

Der Schriftsteller flüchtet sich in seiner Phantasie auf ein Schiff, das Prada heißt oder wo man Prada trägt. Die Touristen an beiden Ufern der Seine erscheinen ihm wie Ströme von Joyceschen Rindern. Der Ich-Erzähler verleiht sich im Folgenden eine gewisse räumliche aber auch zeitliche Omnipräsenz. Es ist ihm egal, wo er sich gerade befindet, ob auf dem Pradakahn, in seiner nonchalanten Unterkunft, im Restaurant Silberturm mit "Le Duchesse", auf einer Technoparty, immer hypostasiert er seine eigenen Eindrücke, richtet seinen Blick auf sich selbst und seine innere Imaginationswand. Das Narrative malt Bilder und Personen der Außenwelt zu seinem ganz eigenen Panoptikum. Ein wenig stiegen mir beim Prada-Boot Vergleiche mit einer Fahrt über den Styx in den Kopf, von dessen Planken sich der Schriftsteller mit einem beherzten Sprung aus seinen Lenden heraus vor dem Tod retten will. Die griechische Mythologie klang schon beim Rekurs auf Joyce an. Alles wird schillernde Metapher und in den Teppich der poetischen Sprache gewebt. Ein Prozess, an dem der Leser so unmittelbar wie möglich, durch Einbeziehung des Weblogs als Personen- und Ereignisfundus, teilnehmen soll.

Mit der Engelsgestalt Jenny bricht der Erzähler nun zur Sainte Chapelle auf. Seine exklusive Besichtigung allerdings erlebt der Ich-Erzähler aufgewühlt und rebellierend. Gegen jede sich monotheistisch patriarchal gebärende Religion lehnt er sich auf und sieht bereits in dem ihn empfangenden Mönch einen Zuhälter. Die Französische Revolution wird nicht nur als Sturm auf die Bastille, sondern als Befreiung von der Knechtschaft unter der Kirche und dem Gottesbild heraufbeschworen. Das Erzähler-Ich begreift sich selbst als "G e i s t des Aufstands", der Gott als Vaterfigur und den Sakralbau als "Ställe Pädophiler", als "herrlich verlogenen Bau" anprangert.
Es ist ein Feuerwerk der Imagination, das in der "Sainte Chapelle", sowohl auf den Seiten der Schilderung des Kirchenbesuchs, als auch im ganzen Buch überhaupt abgebrannt wird. Das sprachliche Niveau halte ich für außerordentlich hoch und sprachgewaltig, was der Phantastik eine ganz eigene Ausprägung gibt. Die Einbeziehung des Weblogs darüber hinaus ist ein schriftstellerisches Wagnis.

Dann werden die Kommentatoren des Weblogs selbst zu teilnehmenden Personen einer Frivolitätenparty im Technoclub "Le paradis de Pantin", eine Art Nachtclub in einem Pariser Vorort. Manchmal weiß man beim Lesen gar nicht mehr, ob man sich in einer Kirche oder in einer Szene aus Stanley Kubriks letztem Film "Eyes Wide Shut" im Schloß Somerton auf einem orgiastischen Maskenball befindet, der sich lediglich im Kopf des Erzählers abspielt. Das orgiastische Fest in der psychedelischen Techno-Disco und Halbschattenwelt gerät zu einer an Hieronymus Boschs "Garten der Lüste" erinnernden Gemälde, wobei die Abrechnung mit Gott oder der blinden Religiosität der Menschen zum Aufruf für die Freiheit in der Schöpfung wird. Das Paradies ist die Akzeptanz der Menschen untereinander über jede geschlechtliche Differenz hinweg und das Schöpferische im Menschen seine Freiheit schlechthin. Indem sich das "Ich" in dem künstlerischen und schöpferischen Prozess aufzulösen beginnt, reflektiert es sich selbst als ein Wesen, in dem Gott und Teufel zugleich angelegt ist. Sie sind von ihm selbst geschaffene Allegorien in seinem inneren Kampf um das Menschsein.

Neben dieses Fest in der Techno-Disco wird kontrastiv eine Begegnung höchst seltsamer Art in der "Sainte Chapelle" gestellt. Man könnte sagen Gott selbst trifft sich mit seinem verlassenen Sohn, wobei der Sohn nicht Jesus ist, sondern das Alter Ego aller Menschen, falls es so etwas überhaupt gibt. Es ist eine wirklich fein gestrickte "Göttliche Komödie" anderer Art. Das immer wieder allegorisch auftauchende Erzengelpersonal, vier an der Zahl, ist leicht zu dechiffrieren. Das Zimmermädchen Raffaela als den gleichnamigen Erzengel, wie auch "Jenny Michel" als Erzengel Michael oder der Absender der Vertragsemail für den neuen Roman des Erzählers Herbst am Schluss, der mit "Gabrielle U. Riel" unterzeichnet ist. Im Grunde werden alle Figuren Teil des Erzähler-Ichs und der Erzählstoff reißt dieses Ich ständig mit fort. Die Erzählung sprengt das altbekannte Genre der "Phantastischen Literatur", ist darin nicht vollständig kategorisiert. Lesen Sie weiter... ›
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3 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Amazon bestätigter Kauf
Am Anfang ist der Autor nervös. Es geht nach Paris auf Anfrage eines Auftraggebers hin, der 'Le Comtesse' genannt wird. Eine sonderbar spröde Angestellte des Auftraggebers, Jenny Michel, holt den Schriftsteller am Flughafen in Roissy ab, auf einem Motorrad mit Beiwagen. Der Auftraggeber stellt ihm eine kleine Wohnung in der rue de Cheuvreuse, nah Montparnasse: La Nonchalante. 'Der Gräfin', der dies arrangiert hat, ist 'selbstverständlich ein Mann, den jedoch alle mit 'Madame' ansprechen, fast ehrfurchtsvoll. Was 'der Gräfinü will? Das soll bei einem Essen im Nobelrestaurant 'Tour d'Argent''verhandelt werden. Mit einer Entenpresse wird hier köstliches Mark aus den Gebeinen toter Vögel gepresst. Die Reise des Schriftstellers Alban Nikolai Herbst im Sommer 2010 ins Touristen-Mekka Paris nimmt noch weitere phantastische Wendungen: Ausflüge mit Jenny in eine Kapelle mit blinden Fenstern, dann aber eine Anweisung aus dem Netz: 'In die Sainte Chapelle, da müssen Sie hinein'; die Schönheit der Apokalyse sehen, wenn Ostern und Pfingsten in eins fallen. Rinder, die am Ufer der Seine zum Schlachten ziehen, erscheinen vor den Augen des Autors, der auf einem Boot namens 'Prada' überfallen wird und mit blauem Auge, jedoch ohne Geld und Mobilfon davon kommt. Seine Geliebte, eine Löwin, trifft für einige Tage aus Wien ein. Eine schöne Algerierin betört ihn im Hotelflur. Später übernimmt er von einem Elvis-Lookalike die Orchestrierung einer Orgie in einem Techno-Club, an der - grotesk zu Fleisch geworden - auch die boshaften Kommentatorinnen seines Web-Blogs teilnehmen. Aus alldem soll ein Roman entstehen nur für einen einzigen Leser, den Auftrageber, 'der Gräfin'." Herbsts Novelle ist eine mitreißende und faszinierende Erzählung, die auf literarisch hohem Niveau die Frage nach der Autorschaft und dem Schöpfertum in Zeiten des Web 2.0 stellt und die uralten Geschlechterkämpfe neu interpretiert.
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5 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Täuschender Titel 26. September 2011
Von Gitta
Verleitet durch den Titel "Die Fenster von Sainte Chapelle" erwartete ich einen kulturell interessanten Reisebericht mit Schwerpunkt auf dieses gotische Juwel. Stattdessen bekam ich eine unübersichtliche, verwirrend geschriebene,uninteressante Selbstdarstellung des Autors. Ein Verschnitt zwischen Phantasy und Tagebuch. Das Buch enthält keinerlei seriöse Informationen über Ste.-Chapelle.
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