"Ich hatte wahrscheinlich wie Viele das Bild einer machtgierigen, verschwendungssüchtigen Mätresse vor Augen, als mir eines Tages einige Briefe der Marquise de Pompadour in die Hände fielen. Fasziniert von dem sprühenden Geist und dem Charme, die sie darin zeigte und die dieser Vorstellung so ganz zu widersprechen schienen, begann für mich eine lange spannende Recherchereise." (Nachwort, S. 719)
Dieser erste Absatz aus dem Nachwort des Debütromans von Claudia Ziegler hat mich letztendlich davon überzeugt, dieses Buch zu kaufen und zu lesen, nachdem ich zuerst etwas skeptisch war als ich es im Buchladen aus dem Regal gezogen hatte. Jahrhundertelang hielt sich das Klischee von der prunksüchtigen und machthungrigen Mätresse Ludwigs XV. von Frankreich, die den angeblich labilen und manipulierbaren König für ihre Zwecke mißbrauchte. Doch neueste Geschichtsforschung hat längst erkannt, daß man sich von tradierten Klischeebildungen und unreflektierten Wertungen lösen muß, wenn man ein unvoreingenommenes Porträt dieser faszinierenden Frau zeigen will.
Auf diesen neuen Erkenntnissen baut auch der Debütroman von Claudia Ziegler auf. Die Autorin schildert in diesem farbenprächtigen Roman den Aufstieg der Pariser Bürgerstochter Jeanne-Antoinette Poisson zur mächtigsten Mätresse am französischen Hof des 18. Jahrhunderts. Der Zeitrahmen des Romans erstreckt sich dabei von der 10jährigen Klosterschülerin bis zum Tod der Pompadour im Jahr 1764, wobei die Zeitspanne bis zur Begegnung mit Ludwig XV. ziemlich gerafft beschrieben ist, was aber nicht unbedingt ein Nachteil ist, denn die wichtigsten Daten sind enthalten und die Autorin verrennt sich hier nicht in unnötigen Details.
Wir lernen in diesem Buch die Pompadour als eine schöne und kluge, aber trotzdem nicht unfehlbare Frau kennen. Nach ihrer schicksalhaften Begegnung mit dem König von Frankreich, der an ihr nicht nur ihre Schönheit, sondern auch ihren Intellekt bewundert, wird sie seine offizielle Mätresse und zieht am Hof von Versailles ein. Die Autorin beschreibt hierbei hervorragend und nachvollziehbar die Schwierigkeiten und Anfeindungen, denen sie von Anfang an am Versailler Hof ausgesetzt ist. Ihre Position ist stets bedroht und nur mit äußerster Energie und Wachsamkeit gelingt es ihr, sich auf dem Schlachtfeld der Hofintrigen zu behaupten, deren Spielregeln sie sehr schnell lernt.
Hervorragend ist es der Autorin auch gelungen, das Verhältnis zwischen der Pompadour und dem König zu beschreiben. Auch als die sexuelle Beziehung zwischen den beiden endet, bleibt die Pompadour offizielle Mätresse des Königs und seine wichtigste Vertraute und Beraterin, wohl und gerade wegen ihres diplomatischen Geschicks und aufgrund ihrer umfangreichen Studien, durch die sie über die wichtigsten Staatsaffären sehr gut informiert ist. Die Autorin schildert diese große (mittlerweile historisch auch belegte) Liebe zwischen den beiden mit sehr viel Wärme und Einfühlungsvermögen, verzichtet hierbei aber auf jede überflüssige rosarote Gefühlsduselei. Wer hier also einen der typischen Schmachtfetzen vor historischer Kulisse erwartet, wird ziemlich enttäuscht sein.
Auch Ludwig XV. begegnet uns in diesem Roman nicht als der labile Schlappschwanz, als den ihn die Historie gerne hingestellt hat. In ihrem Roman stützt sich die Autorin auch bei der Figur Ludwig XV. auf die neueste Geschichtsforschung, die mit dem althergebrachten Klischee des Schwächlings auf dem Königsthron gründlich aufgeräumt hat. So lernen wir Ludwig XV. als verantwortungsbewußten und sehr gebildeten König kennen, der zeitweise zu Melancholie und depressiven Phasen neigt.
Dieser Roman ist ein Juwel auf dem Gebiet der historischen Romane, das leider von so vielen, 08/15-Schrottromanen überhäuft ist. Claudia Ziegler hat hervorragend recherchiert, um dann Historie und Fiktion in einem wunderschön und spannend erzählten farbenprächtigen Roman miteinander zu verweben. Ich möchte dieses Buch all denen ans Herz legen, die gerne hochwertige historische Romane lesen, die die Bezeichnung "historisch" auch wirklich verdienen.
Höchst interessant ist übrigens auch noch das Nachwort der Autorin mit einigen zusätzlichen Informationen. Des weiteren runden ein Personenregister mit den wichtigsten Personen, eine Zeittafel und ein Quellenverzeichnis diesen Roman zu einem wundervollen Ganzen ab.