Was für ein hinreißendes Buch! Die titelgebende Fassade gehört zu einem ausladenden Renaissance-Schloß in der ehemaligen Tschechoslowakei. Die vier mit ihrer Renovierung beauftragten Maler und Bildhauer haben den Job ihres Lebens gefunden: wenn sie nach Monate langer Arbeit das letzte Sgraffito erneuert haben, könnten sie eigentlich wieder von vorne mit der Erneuerung der empfindlichen Fassadenmalerei anfangen.
Aufzuzählen, was diesen vier zustößt und was sie anstellen, hieße, an einen prallen Sack voller Geschenke und Überraschungen ein Stück Pappe zu heften mit der Aufschrift „Geschenke und Überraschungen". Man muss die Päckchen selbst aufschnüren und dieser Handvoll Menschen auf allen ihren Wegen folgen. Und die führen sie bis nach Sibirien, in eine nur für WissenschaftlerInnen erbaute Siedlung und zu Rentiernomaden in der Taiga. Eigentlich werden sie in Japan erwartet, aber die Unwägbarkeiten des Klimas und des real existierenden Sozialismus' zwingen sie zu einer Odyssee mit allem Drum und Dran: erzwungener Aufenthalt, Besuch bei Amazonen, die lästige Sowjetfunktionäre in Rentiere verwandeln, Verfolgung und Entkommen.
Ohne die Hilfe der gastfreundlichen Russen und der nördlichen Volksstämme der ehemaligen Sowjetunion, den Ewenken, Kirgisen, Tungusen, würden die Tschechen wahrscheinlich noch heute im sibirischen Eis und Matsch herumirren. Aber nach einem halben Jahr kehren sie mehr oder weniger wohlbehalten nach Prag zurück - und erleben die nächste Überraschung: wie einige von Homers Argonauten finden sie ihr Haus nicht wohlbestellt. Ein ehemaliger Graf Thurn und Taxis (das sind die von der Post) hat sich in der Zwischenzeit an der Fassade zu schaffen gemacht. Bereits am Anfang des Romans hatte er eine Massenschlägerei zwischen einer Staatsgut-Gruppe auf Betriebsausflug und den Restauratoren losgetreten, weil er mit deren großzügiger Auslegung einer stilechten Renovierung nicht einverstanden war. Nun zieht er ein zweites Mal den Kürzeren, die werktätigen Künstler machen sich wieder an die Arbeit.
Schade, dass der Verlag die Kosten für ein Glossar gescheut hat. Libuse Monikovás zahlreiche Anspielungen auf Geschichte und Kultur ihrer Heimat hätten es verdient, erläutert zu werden.