Rainer Wedlers neuester Roman basiert auf einem realen Hintergrund. Der Schneider Karl Ignaz Hummel hatte ein bewegendes Leben. Von Eltern und Verwandten abgelehnt verbringt er seine Jugend unter schwierigen Bedingungen im Brühler Zuchthaus (dessen Eingangstor auf dem Buchcover zu sehen ist) um nach dem Tod seiner Mutter und seiner Entlassung in die Freiheit sich durch kleinkriminelle Delikte und Schmuggel über Wasser zu halten. Er findet eine Frau; als diese jedoch schwanger wird, macht er sich mit dem Fahrrad auf nach Algerien um dort in die Fremdenlegion einzutreten. Seine Reise scheitert jedoch schon in Italien und er beschließt zurückzukehren. Er wird jedoch von Deutschen aufgegriffen, die ihn für den nach 16 Jahren aus französischer Kriegsgefangenschaft entlassenen Oskar Daubmann halten. Hummel geht darauf ein und macht durch Vorträge das große Geld. Der Schwindel fällt auf und Hummel verbringt das Dritte Reich in Sicherheitsverwahrung.
Wedler hat keine Biographie geschrieben und auch keine getreue Wiedergabe des Lebens von Ignaz Hummel. Vielmehr eignet er sich den Stoff an, streitet mit Hummel, überformt ihn literarisch. Faszinierend ist, dass er das Buch aus der Perspektive eines Autors schreibt, der ein Buch über Hummel verfassen will, und sich zu diesem Zweck nicht nur in ständigem Briefkontakt mit selbigem befindet, sondern sich auch mit ihm trifft. Ebenso sticht Wedlers Auge für die kleinen Details heraus, die vor dem geistigen Auge des Lesers Bilder entstehen lassen und dem Buch eine besondere Atmosphäre verleihen.
Die Farben der Schneiderkreide ist vermutlich Wedlers bisher bester Roman.