... ruft einmal der zehnjährige Mohammad und löst sich von der Hand der Großmutter, um einen jungen Baum, der einige Meter vor ihm wächst zu betasten. Das Betasten ist seine Form des Sehens, denn Mohammad ist blind. In herkömmlicher Sprechweise ist er deshalb "behindert", weil ein Sinn ihm nicht zur Verfügung steht. Im Film wird jedoch deutlich gemacht, dass ein blinder Mensch auf seine eigene Weise oft vielmehr "sieht" und die vermeintlich Sehenden häufig "blind" durch das Leben gehen. Letzteres gilt für Mohammads Vater, der schon auf der langen Reise von der Blindenschule in Teheran zurück in das abgelegene heimische Dorf unfähig ist sowohl an der Lebensfreude seines Sohnes Anteil zu haben, als auch dessen Wahrnehmungen überhaupt zu registrieren. Der Vater schämt sich für seinen Sohn und verheimlicht ihn der Familie, in der er - selbst seit Jahren Witwer - um eine neue Frau wirbt. Die beiden Schwestern begegnen ihrem Bruder mit ebensolcher Herzlichkeit wie er laut rufend sie bei seiner Ankunft im Dorf begrüßt. Einzig die Großmutter begreift, dass Mohammad in einer anderen - vielleicht besseren - Welt lebt. Schon zu Beginn des Films, als der Junge auf den sich verspätenden Vater vor der Schule wartet, beobachtet der Zuschauer ihn dabei, wie er einem aus dem Nest gefallenen Vogeljungen zurück in den schützenden Baum verhilft. Nur sein Gehör- und Tastsinn ermöglichen das Finden, Bergen und Klettern im Baum. Mit Mohammad gemeinsam erfährt der Betrachter die Natur in Geräuschen, Formen und Gerüchen ganz neu und viel intensiver. So ist "Die Farben des Paradieses" nicht nur ein Film über das Sehen, sondern die vielfältigen, wunderschönen Naturbilder dienen auch der Symbolik, um eine Geschichte über Schmerz, Trauer, Lebensfreude und Sinn zu erzählen. Fern jeder einfachen Schwarzmalerei werden weder die Not der ärmlichen Lebensumstände verschwiegen noch ist der Vater der "Schuldige" und Mohammad das "Opfer". Dennoch steuert die Geschichte auf eine Katastrophe zu und die Anklagen an Gott angesichts des Leidens, die sowohl von Mohammad als auch von seinem Vater vorgebracht werden, finden im tief beeindruckenden Schlussbild eine vorläufige, aber keine endgültige Antwort.
Aus dem in den Extras enhaltenen Interview mit dem Regisseur Majid Majidi erfährt man viel über die Entstehungsgeschichte, das Drehen mit Laiendarstellern und dass der Film eigentlich "Die Farben Gottes" heißen sollte. Nach dem Sehen, weiß man warum und die Bilder wirken noch lange nach.