"Kapitelchen" nennt der Autor seine 21 Beiträge zum Wandel des weiblichen Schönheitsideals. Diese Verniedlichung ist kein Zufall, sondern schlägt sich im Sprachstil des ganzen Buches nieder. Und es ist denn auch dieser Stil, der mich wenig überzeugte. Mag sein, dass dies auf meine unverdauten Schulerlebnisse zurückzuführen ist und außerhalb der Norm liegt. Aber mir stießen die zahlreichen altertümlichen Formulierungen so auf, dass ich geradezu auf einen Freud'schen Versprecher wartete, um endlich mal auf deftige Wörter zu stoßen, die Zensoren aufschrecken lassen. Selbst beim Lebemann Goethe hält sich Franz Siepe vornehm zurück. Immerhin wartet er in diesem Kapitelchen mit der Anekdote auf, dass ein Handwerker mehrmals ins Haus kam, um das Bett zu reparieren, auf dem der Dichterfürst mit Christiane Vulpius herumtollte. Selbst wenn Franz Siepe mit seinen sprachlichen Rationalisierungen in bester Gesellschaft ist, finde ich seine netten Beschreibungen von Sex und Lust bemühend. So wurde Catull bei uns im Lateinunterricht behandelt.
Mein Lustgewinn war nicht sprachlicher, sondern inhaltlicher Art. Franz Siepe nimmt seine Leser auf eine spannende Tour d'Horizont mit, führt ihn an die Marktplätze weiblicher Schönheit, lässt ihn ändernde Geschmacksrichtungen kosten und gibt ihm einleuchtende Erklärungen für kulturelle Ideale. Allerdings muss sich der Leser gedulden, bis er in die Gegenwart kommt. Noch auf Seite 127 zeigt ihm Franz Siepe barocke Eigenheiten, führt ihn dann ins Weimar Goethes, um endlich über zwei weitere Schritte bei Marilyn Monroe anzugelangen. Die starke Gewichtung der Antike ist vertretbar, wenn man deren Einfluss und den humanistischen Ansatz des Autors berücksichtigt. Und auch die stark männliche Sicht des Schönheitsideals lässt sich wegen der Quellenlage kaum bemängeln. Die Abbildungen sind nützliches Beiwerk, werden aber in den Kategorien Einzigartigkeit und Druckqualität keine Auszeichnungen gewinnen.
Mein Fazit: Franz Siepe hat das Pech, dass sein Thema im Trend liegt und auch andere Autoren und Verlage zum Publizieren reizt. Mit sind die Bücher seiner Konkurrenten lieber, die mich weniger an den Ballast des Bildungsbürgertums erinnern. Doch da ich mich im Zweifelsfalle für die höhere Bewertung entscheide, erhält das Buch von Franz Siepe trotzdem vier Sterne.