Die Arktis war eine der letzten Männerrefugien. Das ist zumindest literarisch spätestens mit Peter Hoegs Weltbestseller "Fräulein Smilas Gespür für Schnee" nun auch abgehakte Männergeschichte. Die Amerikanerin Audrey Schulman schickt in ihrem Debütroman "Die Farben des Eises" eine junge, zierliche Frau an den nördlichen Polarkreis. Beryl aus Boston, eine Tierphotographin, erhält von der "Natural Photography" den Auftrag, als erster Mensch Eisbären in Freiheit ohne Teleobjektiv, aus einem Eisenkäfig heraus, aufzunehmen. Begleitet wird sie von David, einem homosexuellen Tierfilmer, der die Kälte haßt; von dem Zoologen und Machotypen Butler; von Jean-Claude, dem einheimischen Führer und Überlebenskünstler. Ein paar Wochen akklimatisieren sie sich in der kleinen Stadt Churchill in Manitoba. Hier ziehen im Herbst ausgehungerte Eisbären durch die Straßen und durchstöbern Mülltonnen nach Futter. Mit einem Speizialbus geht es dann zur Hudson Bay. Beryl wagt sich in den kleinen Käfig, der bald von den riesigen Eisbären umlagert wird. Sie kann nun ihre Aufnahmen aus einer Nähe von nur einem Meter schießen.
Die Expedition erfährt eine dramatische Wendung, als die Tiere sämtliche Busleitungen zerfetzen. Das Benzin versickert im Schnee, die Heizung fällt aus. Einzige Überlebenschance: Rückzug zu Fuß durch die Eiswüste. Zwei der Teilnehmer überstehen die Strapaze...
Die junge Autorin hat, so wirkt es jedenfalls, Fingerübungen aus ihrem literarischen Schreibseminar am College zu einem Roman zusammengefügt. Das Aufeinandertreffen mit den Eisbären und der Überlebenskampf erzeugen Lesespannung. Die langen Zwischenpassagen dagegen, in denen die Arktis als Raum der Selbsterfahrung einer jungen Frau unter drei Männern dient, laden zum Überblättern ein - sie übersteigen nicht die Ebene von abgedroschener Befindlichkeitsprosa.
Nebenbei: Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß Schulman das großartige Tier-und Naturbuch "Eisbären" von Dan Guravich und Downs Metthews ohne dankenden Hinweis oder gar genaue Quellenangabe ausgeschlachtet hat.