Ausgangspunkt von Nikola Hahns historischem Frankfurt-Krimi ist ein realer Kriminalfall: Im Februar 1904 wurde der Klavierhändler Lichtenstein in seinem Geschäft, mitten auf der belebten Zeil gelegen, erschlagen. Die historischen Fakten erzählt die Autorin unter anderem mit Zeitungsausschnitten aus der „Frankfurter Zeitung", die damals mit vielen schaurigen Details über den Fall berichtete. Bei der Ermittlung greift dann die Fiktion ein, allerdings ohne reale Bezüge zu verlieren. So ist der ermittelnde Kommissar, Richard Biddling, samt seiner Familie erfunden. Andere Figuren haben jedoch reale Vorbilder, wie etwa die junge Polizeiassistentin Laura Rothe, die als erste Frau in den Frankfurter Polizeidienst tritt. Angelehnt ist diese Figur an Henriette Arendt, die 1903 als erste Polizeiassistentin in Stuttgart für einiges Aufsehen sorgte.
Nicht nur die Figuren, auch die damaligen Ermittlungsmethoden, werden von der Autorin möglichst exakt nachgezeichnet. So stößt Kommissar Biddling am Tatort auf blutige Fingerabdrücke. Die Daktyloskopie, so der Fachausdruck für das Fingerabdruckverfahren, steckte damals noch in den Kinderschuhen und wurde als Beweismittel nicht anerkannt. Folglich muss Kommissar Biddling, ein aufgeschlossener aber eigenwilliger Mann, hart um seine Methoden und Beweismittel kämpfen. Hinzu kommt die junge Laura, die ihre Nase immer wieder in Dinge steckt, die sie nach Ansicht vieler Kollegen und dem damaligen Rollenverständnis nichts angehen. Frauen bei der Polizei hatten vor allem fürsorgliche, „mütterliche" Aufgaben, kümmerten sich um verwahrloste Kinder und überwachten die polizeiärztlichen Untersuchungen von Frauen.
Biddling kommt mit seinen Ermittlungen gut voran, und offenbar scheint der Fall Lichtenstein gelöst. Doch manche Ungereimtheiten lassen ihm keine Ruhe und der ehrgeizige Kommissar sucht weitere Spuren, die ihn unter anderem in ein Edelbordell und zu einem zwielichtigen Hundezüchter - gleichfalls eine reale Figur - führen. Schließlich entdeckt er Dinge, die ihn bis zu seiner eigenen Familie und ihn selber in Gefahr bringen.
Es sind zahlreiche Handlungsstränge, die Nikola Hahn in ihrem Buch gekonnt zusammenführt: Der Fall Lichtenstein, die familiären Hintergründe von Kommissar Biddling, die junge Laura Rothe und einige mehr. Dazu kommt eine genaue Schilderung der unterschiedlichen sozialen Milieus: Hahn blickt in die stinkenden, engen Gässchen des Frankfurter Proletariats, in die bescheidenen, aber gemütlichen Wohnhäuser des Kleinbürgertums und in die prachtvollen Ballsäle der Oberschicht. Eine abwechslungsreiche und von Gegensätzen geprägte Zeitreise, deren Hauptziel die Aufklärung mehrerer Mordfälle und die Suche nach der Wahrheit ist.
Doch was ist die Wahrheit? Bei Hahn scheint sie sich, wie das Licht, das durch einen Kristall fällt, zu brechen. Schillernd wie dieses Licht sind auch ihre fein gezeichneten Charaktere, die durch ihre Unterschiedlichkeit Leben in den Roman bringen. Kurz: Ein vielschichtiger und spannender Schmöker, dessen 800 Seiten man gerne und mit Vergnügen verschlingt.