Warum scheitern immer wieder wirtschaftlich grundsolide Familienunternehmen an sich selbst, obwohl das Verhältnis der Gesellschafter sorgfältig geregelt ist? Streitigkeiten in der Familie verhindern oft rechtzeitige strategische Positionierungen und können sogar die Handlungsfähigkeit im operativen Geschäft erheblich beeinträchtigen. Deshalb ist neben dem Gesellschaftsvertrag mit ebensolcher Sorgfalt das viel komplexere und konfliktträchtige Verhältnis von Familie und Unternehmen zu regeln, eine „Family Strategy" zu entwickeln.
Peter May hat diesen Ansatz mit seinem Buch (Lernen von den Champions) in Deutschland bekannt gemacht. Nun hat eine Rechtsanwältin und erfahrene Beraterin Mays Ansatz aufgegriffen und für Eigentümergesellschaften und Familienunternehmen sehr profund und anschaulich entfaltet. Die Autorin beschreibt in Teil I (21-64) Hindernisse, Stolpersteine und Barrieren auf dem Weg eines Familienunternehmens zu einer starken Unternehmerfamilie und illustriert die Hürden an gut gewählten Beispielen. In Teil II (65-161) zeigt sie den Weg zur starken Unternehmerfamilie.
In Familienunternehmen lassen sich drei Funktionskreise unterscheiden: Unternehmen, Gesellschafter und Familie. Meist sind nur die ersten beiden stabil geordnet, die Familie dagegen kaum organisiert und folglich labil. Baus stellt die „Familienstrategie" als leistungsfähigen Ansatz vor, um das gesamte System „Familienunternehmen" zu organisieren, zu strukturieren und zu stabilisieren, um aus gemeinsamem Interesse heraus die Verantwortung gegenüber dem Unternehmen und dem Vermögen wahrnehmen und so zu einem berechenbaren Partner zu werden; alles in allem auch, um das Miteinander zu erleichtern.
In der Praxis erfolgt die Entwicklung einer Familienstrategie über folgende Schritte:
(1) Bestandsaufnahme (Tradition, Werte, Ziele, Rollen, Family first - Business first)
(2) Richtungsentscheidungen
entweder: Exit-Lösungen
· Trennen (Verkauf, Stiftung)
· Vereinfachen (Thronfolgerlösung, Realteilung, Family-Buy-out)
oder: Loyalitätslösungen
· operative Führung (Fremdmanager, Familienmitglieder)
(3) Familiencharta
(4) rechtliche Umsetzung und steuerliche Optimierung
Die Familiencharta geht weit über den Regelungsbereich des Gesellschaftsvertrags hinaus. Sie richtet sich an die ganze Familie, beschreibt die gemeinsamen Werte und Ziele der Unternehmerfamilie, beantwortet die grundlegenden Fragen zu Führung, Beteiligung und Mitarbeit im Unternehmen und ist dem Gesellschaftsvertrag logisch vorzuordnen.
Der Kerngedanke: Nicht Management, sondern Leadership ist die Bedingung für Erfolg: „Nur eine Familie, die sich selber führen kann, ist in der Lage, die strategischen Fragen zu beantworten, die über die Zukunft von Familie, Unternehmen und Vermögen entscheiden: Wie halten wir die Familie zusammen? Wie führen wir die Junioren an das Unternehmen heran? Wie entwickeln wir das Unternehmen weiter? Wie übertragen wir es auf die nächste Generation?" (S. 160)
Das Buch - leicht, spannend, voller erfundener (wie die Autorin versichert) praktischer Beispiele und mit viel Vergnügen zu lesen - ist sehr zu empfehlen für mehrere Zielgruppen:
· für Mitglieder von Unternehmerfamilien, die das Zusammenwirken von familiären und betrieblichen Angelegenheiten besser verstehen wollen
· für Führungskräfte und Mitarbeiter in Familienunternehmen, um besser nachvollziehen zu können, welche Einflussfaktoren in dieser Organisationsform wirksam sind
· für Führungskräfte, die sich für Toppositionen in Familienunternehmen interessieren, um sich mit den menschlichen Hintergründen, den seelischen Momenten eines Familienunternehmens zu befassen
· für Berater, die mit Familienunternehmen arbeiten.