"Nur weil ich die Tochter eines Papstes bin, brauche ich doch keine Märtyrerin zu werden."(Lucrezia Borgia)
Der Autor Mario Puzo hat die Veröffentlichung seines Romans "The Family" im Oktober 2001 nicht mehr erleben können, da er bereits 1999 verstorben war. Die Geschichte seines "Ur-Paten", des Spaniers Rodrigo Borja, der als Papst Alexander VI. (Borgia) zwischen 1493-1503 zusammen mit seinen Kindern Einfluss auf die Weltgeschichte genommen hatte, wurde von Carol Gino vollendet und publiziert.
Neben althergebrachten, zum Teil kaum beweisbaren Gerüchten (Inzesthandlungen, Orgien pp.) und Geschichtchen um diese "unheilige Familie" bietet der Roman eine gehörige Portion Geschichte. Das epochale Ereignis ist der Schiedsspruch Alexanders VI. durch den er im Jahre 1493 die zu entdeckende und zu kolonisierende Welt zwischen Spanien und Portugal aufteilte (Als Folge davon wird noch heute in ganz Südamerika, mit Ausnahme von Brasilien, spanisch gesprochen, während es in Afrika mit Ausnahme der Westsahara, keine ehemaligen spanischen, jedoch einstige portugiesische Besitzungen gibt.) Auch die "Gastfreundschaft", die der Vatikan dem osmanischen Prinzen Cem, dem Bruder Sultan Bajezids II., gewährteist bemerkenswert und von Bedeutung.....
Der Ullstein Verlag hat dem Roman "Die Familie" jedoch nicht das Prädikat "historisch" verliehen, was in Anbetracht von vielen, nicht nur geschichtlichen, sondern auch geographischen, sprachlichen und anderen Fehlern durchaus plausibel ist (und außerdem das verfehlte Buchcover, einen Gemäldeausschnitt aus "Tod der Kleopatra" entschuldigt). Die folgenden Kostproben sind nur besonders krasse Beispiele für die Missgriffe:
Papst Alexander VI. war noch nicht unfehlbar, weil die "Unfehlbarkeit des Papstes" erst bei Pius IX. auf dem 1. Vatikanischen Konzil (1869!) festgestellt und dogmatisiert werden sollte. Da die Eroberung Südamerikas erst einige Jahre nach Cesare Borgia's Tod begann, können die Conqistadores auch nicht seine Ahnen gewesen sein. Während der Renaissance gab es in Italien keine Tomatensauce, denn die Strauchfrucht wurde erst zum Ende des 16. Jahrhunderts, zunächst als Zierpflanze, nach Europa gebracht. Als Gemüse wurde sie gar erst 300 später verwendet, da man sie bis dahin für giftig gehalten hatte. Alexander IV. konnte seiner Geliebten Vanozza Cantaneis keine Kette aus "Südseeperlen" geschenkt haben, den der heute als "Südsee" bekannte Teil des Pazifiks wurde erst 1521 von Magellan entdeckt. Entgegen dem Roman lag das Ghetto von Rom nicht im Stadtteil Trastevere, sondern auf der anderen Seite des Tiber, wo sich heute noch die "Villagio degli Ebrei" befindet. Der Scheiterhaufen, auf dem 1498 in Florenz der Dominikaner Girolamo Savonarola verbrannt wurde, stand nicht auf der Piazza vor der Markuskirche, sondern 1 Km Luftlinie südlich davon, auf der Piazza de la Signoria. Zur Zeit der Romanhandlung gab es zwar eine geradezu inflationäre Vielzahl von Herzögen, jedoch waren weder Rimini, noch Perugia Herzogtümer, sondern unabhängige kommunale Stadtherrschaften (Signorien). König Ludwig XII. von Frankreich war nicht der Bruder seines Vorgängers Karl VIII., sondern sein Cousin und Schwager. Italienische Familiennamen, wie Medici, Pazzi, Orsini usw. benötigen, um eine Mehrzahl ihrer Familienangehörigen zu benennen, nicht der Anhängung des Buchstaben "s" (z. B. "Medicis"), da der Name an sich schon ein Plural ist. Zum Familiennamen Colonna lautet der Plural hingegen Colonne, statt "Colonnas". Die Romanakteure bedienen sich in direkter Rede manchmal Begriffe, die aus späterer Zeit stammen. Neben "Tee" (17. Jh.), "Rabauken" um 1900) mag auch der Anglizismus "Baby" in einen amerikanischen Mafiafilm passen, ist aber in einem "Renaissance-Dialog" als Bezeichnung für einen Säugling anachronistisch und daher fehl am Platz.
Trotz reichlich Krieg, Mord, Vetternwirtschaft und Erotik wirkt "Die Familie" oft eher ermüdend, als spannend. Ähnlich wie bei "Die Borgia" von Eberhard Cyran bietet der Roman für den historisch interessierten Leser einen gewissen Informationswert, der in der kritischen Überprüfung seines Inhaltes liegt. Da auf visualisierende Zugaben (Landkarte, Genealogie, Zeittafel o. ä.) verzichtet wurde, bleiben zusammengenommen nur 2 Amazonsterne.