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Eine deutsch-jüdische Geschichte
Elisabeth Kraus über die Familie Mosse
Vor gut zehn Jahren hat der als Bismarck-Biograph hervorgetretene Neuzeithistoriker Lothar Gall zum erstenmal den Versuch unternommen, Leistungen und Schwächen, Aufstieg und Niedergang des deutschen Bürgertums in der Geschichte einer seiner grossen Familien zu spiegeln («Bürgertum in Deutschland», Siedler, Berlin 1989); und zwar des badischen Geschlechts der Bassermann, zu dem seit dem 18. Jahrhundert Handwerker, Kaufleute, Juristen, hohe Verwaltungsbeamte, aber auch der bekannte Schauspieler Albert Bassermann gehört haben. In der Historiographie von Herrscherdynastien hat die Personenverbandsbiographie zwar seit langem einen rühmlichen Platz man denke nur an das bis heute unentbehrliche Werk von Otto Hintze über «Die Hohenzollern und ihr Werk» (1915) , die bürgerliche Familie jedoch haben Romanciers, allen voran Thomas Mann in den «Buddenbrooks», viel früher zum Sujet gewählt als die Geschichtsschreiber.
Vier Generationen
Elisabeth Kraus verfolgt vier Generationen der Mosse, schildert die Grundlegung des erfolgreichen Aufstiegs der Nachkommen des liberalen Kommunalarmenarztes Markus Mosse in der Posener Kleinstadt Graetz, der seinen Gipfel mit dem Pressezaren Rudolf Mosse erreichte. Zunächst als Annoncen-Akquisiteur für die «Gartenlaube» tätig, wurde er zum mächtigsten Berliner Verleger im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Mosses «Berliner Tageblatt» war das bevorzugte Organ der linksliberalen Intellektuellen. Zum Verlagsimperium gehörten aber auch die «Berliner Volks-Zeitung», die «Berliner Morgen-Zeitung» und das «8-Uhr-Abendblatt», dazu eine international tätige Annoncen-Expedition und ein vorwiegend auf Adressbücher spezialisierter Buchverlag. Nicht nur der Verleger selbst, auch fünf seiner Brüder gehörten zu den reichsten Männern Preussens. Durch Heiraten war die Familie u. a. mit dem Kunsthistoriker Erwin Panofsky und dem Biochemiker Konrad Bloch verbunden.
Auch wenn sich bei dieser Geschichte der Familie Mosse wegen des Ansatzes der Vergleich mit Galls Werk zunächst aufdrängt eine der erfreulichsten Ähnlichkeiten liegt auch in dem für eine Habilitationsschrift ganz ungewöhnlich geglückten Erzählstil , wird er der eigenständigen Leistung der an der Universität München lehrenden Autorin nicht gerecht. Kraus hat sich die Instrumente der Analyse aus dem Angebot der historischen Sozialwissenschaften grossenteils erst entwickelt, um den Sonderfall des Aufstieges dieser jüdischen Familie nach subjektiven Motiven der Beteiligten und objektiven Gründen zu untersuchen und ihn in Beziehung zu setzen zum allgemeinen Prozess der Verbürgerlichung der Juden, die als «späte Schnellstarter» die «frühen Langsamgeher in so manchen Bereichen der Industrialisierung überholt hatten». Aber auch, um den Sonderfall der aufsteigenden jüdischen Familie dieser Solidarverband bezieht im Judentum seine Stärke aus religiösen Wurzeln zu erfassen, musste aus dem seit einiger Zeit verfügbaren Methodenarsenal mentalitätsgeschichtlicher Forschung allererst eine Reihe von Präzisionsinstrumenten gefertigt werden.
Den Lohn solcher Mühe hat der Leser in Gestalt plausibler und differenzierter Resultate: So ist der ökonomische Aufstieg der Mosses ins Berliner Grossbürgertum wohl rascher als bei anderen Familien vor sich gegangen, aber ohne die oft anzutreffende Hyperassimilation durch forciert «modern-avantgardistische Attitüden und Auffassungen». Und die bürgerlichen Tugenden Bescheidenheit, Sparsamkeit, Arbeitsliebe usw. hatte bereits der Arzt Markus Mosse seinen Kindern als Bestandteil des jüdisch-religiösen Verhaltenskodexes beigebracht. Zum Verständnis der Kaiserzeit-Karrieren zieht Kraus nicht nur die Quellen zu Gesellschaftskreisen, Geschäfts- und Verbandsbeziehungen heran, sondern stützt sich auch auf Daten zum Heiratsverhalten, zu Heiratskreisen, zur Dauer, zur Fruchtbarkeit und zur wirtschaftlichen Situation der Ehen. Der Blick auf die Heiratskreise lässt früh eine Tendenz zur Ergänzung, wenn nicht Ablösung der religiösen Orientierung durch Bildungsideale erkennen. Der Detailgenauigkeit ist überall die Nutzung umfangreicher Archivbestände zugute gekommen, die erst nach der deutsch-deutschen Vereinigung zugänglich geworden sind.
Philanthropie
Mit ebenso reichen Erträgen wie zur Verlags- und Mediengeschichte und zur Geschichte des deutsch-jüdischen Bürgertums wartet das Buch noch auf einem anderen, in der Forschung bis dato vernachlässigten Gebiet auf: der Geschichte privater Wohltätigkeit und bürgerlicher Philanthropie. Vorgebildet im caritativen Engagement von Ulrike Mosse, der Frau des Graetzer Stammvaters, nahm die Stiftungs-, Spenden- und Mäzenatentätigkeit Rudolf Mosses unvorstellbare Ausmasse an. Sie erstreckte sich auf Angestellte der Firma, das Rudolf-Virchow-Krankenhaus, die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums und zahllose andere Einrichtungen.
Besonders grosszügig bedachte Rudolf Mosse die Universität Heidelberg mit umfangreichen Stiftungen für Stipendien. An dieser Hochschule hatte die erste studierte Frau der Familie einst ihr juristisches Examen abgelegt, und durch seinen Bruder Albert, der an der Universität Königsberg Rechtswissenschaft lehrte, war Mosse der Jurisprudenz besonders verbunden. Zum Dank für die Ehrenpromotion stattete er die Heidelberger Juristische Fakultät im März 1918 mit dem Betrag von 400 000 Mark zur Errichtung einer Rudolf-Mosse-Stiftung aus. Die Zinserträge waren zu drei Vierteln für ein neu zu errichtendes «Institut für geschichtliche Rechtswissenschaft» bestimmt, dessen Forschungen sich auf den Grenzbereich von Recht und Geschichte nach dem Vorbild Theodor Mommsens erstrecken sollten, jedoch ohne Einschränkung auf die juridische Romanistik; das letzte Viertel sollte «der Fakultät zu freier Verfügung für wissenschaftliche Zwecke» stehen. Diese noch heute existierende Stiftung nahmen antisemitische Kreise zum Anlass, die Generosität des Mäzens als «Käuflichkeit des Doktortitels» zu denunzieren Vorklang des Hasses, mit dem 1932/33 nach dem Entzug der Bankkredite die kalte «Arisierung» das Lebenswerk Rudolf Mosses zum Einsturz brachte.
Misst man das Gelingen eines Werks der Geschichtsschreibung daran, ob es im Detail seines Gegenstands zugleich die Epoche als ganze sichtbar macht, so erfüllt diese Familienbiographie alle Kriterien, die einen grossen Wurf ausmachen.
Hans-Albrecht Koch
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