Der in den bisherigen Kundenrezensionen anklingenden überwiegenden Begeisterung für "Perdido Street Station", das ich schon vor einiger Zeit gelesen habe, möchte ich mich uneingeschränkt anschließen! (Diese Rezension bezieht sich auf das gesamte Buch, also die beiden Bände "Die Falter" und "Der Weber"!)
Dabei hätte ich diesen Mammutroman, den Bastei Lübbe für die deutsche Ausgabe unverständlicherweise entzwei gehauen, mit an Banalität kaum zu überbietenden Titeln und vor Häßlichkeit strotzenden Covern versehen hat, vermutlich nicht einmal in die Hand genommen, wäre ich im Rahmen langwieriger Recherchearbeiten im vergangenen Jahr nicht zufällig darauf gestoßen (worden).
Jedenfalls hat sich die Lektüre unbedingt gelohnt! "Perdido Street Station" ist ein unglaublich vielschichtiger, ausgeklügelter, verrückter, spannender und witziger Roman - dessen Hauptschwäche darin besteht, daß er zu rasch, zu zielstrebig, in manchen Punkten auch zu schludrig zu Ende geht, jedenfalls wenn man bedenkt, wie sehr sich der Autor mit der Storyentwicklung im ersten Band Zeit läßt. Leider werden auch manche anfangs wichtigen Personen und Handlungsstränge (wie Vielgestalt, Bürgermeister Rudgutter u. a.) am Ende recht schnell abgehandelt oder spielen schlicht keine Rolle mehr; einige Fragen bleiben offen, und von einem "glücklichen" Ende (für die Figuren) kann man auch nicht sprechen. Letzteres mag dem anspruchsvollen Leser nicht unsympathisch erscheinen, mich hat es dennoch ein wenig betrübt zurückgelassen.
Dafür weiß jedoch die reine Lektüre, Satz für Satz, Seite um Seite, eine wunderbare Leseerfahrung zu bescheren! Denn nicht zuletzt stimmt an diesem Buch - vielleicht auch dank der begnadeten Übersetzerin, Eva Bauche-Eppers - auch die Sprache. Miévilles Stil hat gewaltige literarische Kraft! Mitunter wird der Ton poetisch, ja fast lyrisch; und diese sybaritische Erzählweise hat für den Leser fast schon kulinarischen Wert.
Daß, wie schon angedeutet, manch ein Handlungsstrang sich anders entwickelt, als man es erwarten könnte oder zu rasch fallengelassen wird (z. B. das wunderbare Kapitel "Physiognomien des Fliegens" versus die Idee der "Krisis", deren Entdeckung und Entwicklung leider von der Last des den zweiten Teil zentral dominierenden "Konstrukt Konzils" ohnehin schier erdrückt wird), kann man verzeihen, es bleibt jedoch der Eindruck, daß man hier der Hauptschwäche des Buches auf die Spur gekommen ist.
Jedenfalls ist das Buch dennoch ein grandioses Werk, vor allem, wenn man bedenkt, daß es sich dabei erst um einen "Zweitling" handelt!
Grandios, wie Miéville mit dem Leser vertrauten Elementen einer (beginnenden) Technisierung spielt, die er in seine erfundene Welt "Bas-Lag" überträgt: So gibt es bei ihm "elyktrische" Entladungen, "chymische" Reaktionen oder "thaumaturgische" (= magische) Formeln ebenso wie "Barographen" (=Barometer), "Heliotypien" (= Fotografien), den "Torques" (= Atomenergie) oder die seit 150 Jahren stillstehenden Motoren der "Aeromorph-Maschine", einer Art Wetter-Generator, zu welchem es in unserer Welt freilich (noch?) keine Entsprechung gibt.
Grandios, wie der Autor seine Geschichte mit Feinheiten wie ineinandergreifenden Elementen und narrativen Haken oder auch sprechenden Namen würzt: Eine von Kiefern gesäumte Allee heißt nicht umsonst "Conifer Avenue", und eine Hauptfigur, die einer anderen zum Fliegen verhelfen will, sicherlich bewußt und treffend "Isaac Dan dar Grimnebulin". A propos Figuren: Mein "Liebling" beim Lesen war Yagharek, und der des Autors wohl ebenfalls, nicht zuletzt beginnt und endet jeder "Teil" des Romans (acht insgesamt) mit einer kursiv gesetzten Passage, die die vorherige bzw. weitere Handlung mittels Ich-Perspektive aus der Sicht des versehrten Yagharek erzählt.
Grandios auch, wie Miéville seine Welt überzeugend als eine "used world" (im Sinne beispielsweise eines George Lucas) darzustellen weiß: New Crobuzon ist ein dreckiger, heruntergekommener, schuldbeladener, kranker Ort, und ich wage kaum zu sagen, daß möglicherweise vor allem hier seine eindringliche Glaubwürdigkeit herrührt, zumal viele erfundene (gerade Fantasy-)Welten oftmals zu blankgeschleckt und "heil" wirken.
A propos Fantasy: Dieses Buch ist keine, es wartet aber sehr wohl mit Fantasy-Elementen auf, die es mit solchen aus der Science Fiction oder dem Steampunk in glanzvoller Weise vermählt, wobei der Autor selbst sein Genre eher als "Weird Fiction" bezeichnet (ein Begriff, der auf Autoren wie H. P. Lovecraft und damit auf das frühe 20. Jahrhundert zurückgeht).
Grandios, wie die Figuren - jeweils bestrebt, ihre individuellen Ziele zu erreichen - verschiedene Wege beschreiten, Mißerfolge erleiden, etwas Neues ausprobieren, wieder scheitern oder einen Teilerfolg erzielen: Isaacs Recherchen über die "Physiognomien des Fliegens" sind einfach herrlich wissenschaftlich und gleichzeitig unheimlich spannend zu lesen, Rudgutters Audienzen bei dem Botschafter der Hölle oder dem Weber sind gruselig und faszinierend zugleich, und die Versuche, die Falter aufzuhalten, geben dem Buch die spannende und actiongeladene Würze eines Thrillers.
Miéville weiß, wie er seine Leser packt - sei es einerseits mit unverblümt drastischen Schilderungen (die Schlachtung eines Schweins) oder andererseits durch gezieltes Nichtzeigen von Entsetzlichem (die erste "Mahlzeit" des bei Isaac geschlüpften Falters); sei es durch opulente Orgien bildgewaltiger Fabulierkunst (Isaacs Dreamshit-Trip) oder durch geschickt die Register perspektivisch-erzählerischer Finesse ziehende Darstellung an sich belangloser oder weniger wichtiger Geschehnisse (der Korb in der ersten Szene, die Reise der GF-Raupen durch das Parlamentsgebäude, die Verlegung des Kabels vom Konstrukt Konzil zur Perdido Street Station); oder sei es ... oder ... oder ...
Ich könnte hier noch vieles mehr anführen, noch lange weiterschwärmen für "Perdido Street Station" - für ein Buch, das trotz der angerissenen strukturellen Schwächen ein echtes Meisterwerk darstellt.
Fazit: Ein monumentales und schlicht großartiges Buch. SF- und Fantasy-Leser sollten es sich meines Erachtens nach ebenso zu Gemüte führen wie Liebhaber einer delikat abgeschmeckten, literarisch wertvollen Sprache - Qualitäten, die man zwar der deutschen Ausgabe wahrhaftig nicht ansieht, doch es bleibt zu hoffen, daß eines Tages irgendein Verlag doch noch eine vernünftige gebundene Ausgabe herausbringt.