'Zum Leuchtturm' fesselt den Leser nicht, es strengt ihn an. Man muss aufmerksam lesen, sonst bemerkt man am Ende nicht, dass der erste Teil des Romans nur die Zeit eines Nachmittages umspannt. Dennoch fasziniert das Buch, denn der Erzähler gewährt uns einen Blick in die Gedankenwelt der Menschen. Einzig um die Gedanken geht es hier, die äußere Handlung ist Nebensache. Da gibt es die Ehe zwischen Mr und Mrs Ramsay, die voller Spannungen ist. Da gibt es den ewig missmutigen Mr Tansley, der sagt, dass Frauen weder malen noch schreiben können. Und da gibt es Lily Briscoe, die Malerin ist und eigentlich gerne allein lebt, aber mit der Erwartungshaltung Mrs Ramsays, die findet, dass eine unverheiratete Frau das beste im Leben verpasst, kämpfen muss. Letztere ist der von Woolf beschriebene 'Engel im Haus', den die Schriftstellerin 'töten' musste, um schreiben zu können. Und so ist Lily ein literarisches Abbild Virginias und die Ramsays sind ein Spiegelbild ihrer Eltern. Woolf beschreibt eindringlich die Härte und das Selbstmitleid des Vaters. Bei der Mutter ist die Skizze ambivalenter: Der Leser erkennt, dass Mrs Ramsay ihre eigene Identität zugunsten ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau verloren hat, aber er sieht auch, dass sie die Seele des Hauses und der Familie ist und dass sie den Kindern gibt, was sie brauchen. Allen Figuren ist gemeinsam, dass sie über Zeit und Vergänglichkeit nachdenken, dass sie sich oft angstvoll dagegen wehren und sie schliesslich doch akzeptieren müssen. Bezüglich Handlung und Aktion liefert das Buch, das 1926 geschrieben wurde, nichts. Die Handlung findet im Kopf statt. Dort passiert nämlich das wirkliche Leben, sagt Woolf. Ich werde das Buch ein zweites Mal lesen und das tue ist fast nie.