Rezension zum Buch 'Die Fahndung nach dem ICH'
'Eine neurophilosophische Kriminalgeschichte' von Georg Northoff
Es gibt Musik, die öfter gehört werden muss, bis sich die Details erschließen, auch werden manche Filme nach dem zweiten mal Ansehen besser verstanden, wenn sie ein zweites Mal gesehen werden und auch bei Menschen braucht es seine Zeit, bis wir sie näher kennen und schätzen lernen, dann aber dafür umso intensiver. So ähnlich ist es mir mit diesem Buch ergangen. Auch wenn mit als Arzt und Psychotherapeuten die Materie nicht fremd war, haben sich mir die Inhalte nicht gleich erschlossen.
Nachdem ich nach einem ersten Durchgang aber doch in etwa wusste, worauf es hinausläuft, bin ich in eine zweite Runde gegangen und war mit den Begriffen und Gedankengängen dann doch schon so gut angefreundet, dass ich sie verstehen und auf meiner inneren Landkarte einordnen konnte. Wenn ich bei dieser geographischen Metapher bleibe, bin ich inzwischen wohl noch nicht so ortskundig wie ein Einheimischer, dann müsste ich wohl Georg Northoff selbst sein. Aber ich glaube, mich grob orientieren zu können und in der Lage zu sein, mich fortzubewegen, ohne mich zu verirren und nicht mehr ratlos an einer Weggabelung zu stehen, ohne weiter zu wissen.
Georg Northoff ist ein guter Fremdenführer, weil er für die Welt, die er beschreibt, über eine Mehrfachqualifikation verfügt, die sonst wohl nur wenige haben: Er ist Philosoph, Psychiater und Neurowissenschaftler. So hat er mehrere Zugänge und mehrere Perspektiven. Er hat sich zur Aufgabe gemacht, diese unterschiedlichen und manchmal sogar widersprüchlichen Positionen zu überprüfen und Trennendes oder Gemeinsames herauszuarbeiten. Dazu gehören zunächst einmal historische Rückblicke ins alte Griechenland, ins Mittelalter sowie in die Neuzeit, wo uns Persönlichkeiten wie Platon, Thomas von Aquin, Descartes, Schoppenhauer und Kant begegnen. Gleichzeitig ist er mit den aktuellsten Forschungsergebnissen der Neurowissenschaften vertraut, in welchen die unterschiedlichsten Denkprozesse und mentalen Vorgänge durch moderne Untersuchungsmethoden zur Darstellung gebracht werden. Es geht um nicht weniger als das Gehirn, die Seele, den Geist, die Einflüsse der Umgebung, die Wahrnehmung, die Reizverarbeitung oder die soziale Vernetzung. Alles hat etwas mit dem ICH zu tun, macht es aber im Einzelfall nicht aus. Damit nicht genug, reichert er die Problemstellung noch mit immunologischen Aspekten an, da wir alle auch Antikörper ausbilden, die im Kontakt mit Antigenen entscheiden, was zu mir gehört und was nicht. Andere Kapitel beschäftigen sich mit dem ICH komatöser Patienten oder von Menschen, die an Depressionen oder an Schizophrenie leiden oder mit Mystik und Religion.
Lässt sich das alles zu einem guten Ende bringen? Wird der Fall, mit dem sich in diesem Buch ein Polizeihauptkommissar und eine Kriminalpsychologin beschäftigen müssen, gelöst? Kann das ICH dingfest gemacht werden? Es kann, ja, durchaus. Aber wie genau es sich letztendlich mit dem ICH verhält, dazu ist es wohl notwendig, dieses Buch selbst durchzuarbeiten. So ist es halt in der Kriminalgeschichte. Manche Fälle sind einfach, andere sind kompliziert. Letztere sind sicher meistens die interessanteren. Und so ist dieses Buch auch guten Gewissens zu empfehlen: spannend, interessant und lehrreich.