Mit den Fürsten des Nordens entwirft Guy G. Kay ein finster- atmosphärisches Gemälde der rauen Wikingerzeit. Die fiktiven Völker der Erlinger, Cyngael und Anglcyn beruhen auf dem historischem Kontext der germanischen und altnordischen Kulturen wie Franken, Angeln und Sachsen. Das Buch ist in sich geschlossen und damit eine angenehm kurzweilige Abwechslung zu den verbreiteten Mehrteilern im phantastischen Bereich.
Die Aufmachung der gebundenen Version ist dem PIPER- Verlag sehr ansprechend gelungen. Der Einband ist qualitativ hochwertig, mit goldenem Lesebändchen und glänzendem, festen Schutzumschlag, auf dem eine prächtige Coverzeichnung abgebildet ist. Somit fügt sich diese Ausgabe schön in das Bücherregal.
Kay schildert seine Welt der nordischen Königsfamilien und Wikinger in einfacher, roher Sprache, die sich gut mit der plastischen Erzählung mischt. Manchmal wirkt sich das aber auch negativ aus, besonders wenn die Protagonisten pissen" gehen oder sich paaren". Störend sind auch etliche Nebenbemerkungen, die sich eingeklammert zwischen die Sätze schieben. Manche Kommentare sind amüsant und die Klammen damit in Ordnung, ein simpler Nebensatz wäre jedoch oft angenehmer.
Das Szenario ist stimmungsvoll und dicht entworfen, der historische Hintergrund ist fleißig recherchiert. Man fühlt sich beim Lesen in die grimmigen Welt der Nordmänner versetzt, ohne von lähmenden Fakten überschüttet zu werden. Raubzüge, Schwertkämpfe, soziale Konflikte, politische Bündnisse - der Titel entfaltet ein eindrucksvolles, breites Erzählmuster. Einzig die Schlachten kommen verhältnismäßig zu kurz. Auch die phantastischen Züge sind sehr dezent gesetzt. Abgesehen von den erdachten Ländern und Kulturen gib es Feen und Lichtewesen in einem unheimlichen Geisterwald, Begegnungen mit Ungeheuern werden aber nur angedeutet. Schade, man vermisst sie etwas.
Schonungslos und mutig fährt Kay seine Geschichte auf. Es finden Vergewaltigungen, Hinrichtungen und exotische Sexszenen statt - die Grenzen der Ästhetik werden aber nie überschritten. Auch gibt es bewegende, sanfte Momente, wie Aluns Begegnungen mit der Elfe im Geisterwald, oder melancholische, bei der Geschichte um Bern und seinen Vater. Damit mischt sich eine sehnsüchtige, träumerische, magische Nuance in die raue Grundstimmung der Erzählung.
Die Protagonisten sind anregend und differenziert, könnten aber noch mehr gefallen, wenn sie etwas tiefgründiger, mehrdimensionaler und aufwändiger gezeichnet wären. Man kann sich auch kaum mit ihnen identifizieren oder sympathisieren. Kay erschlägt den Leser außerdem vielfach mit einer Reihe von Namen.
Das große Problem der Geschichte liegt jedoch an der losen, wirren Handlung. Sie zeichnet sich erst spät ab und geht immer wieder verloren. Entsprechend dünn ist der Plot. Einzelne Passagen sind toll erzählt, schließen sich aber kaum zu einem harmonischen Ganzen. Oft fragt man sich was denn nun eigentlich geschieht und warum. Das wirkt sich sehr störend und demotivierend beim Lesen aus. Zahllose unterschiedliche Handlungsstränge bewirken eine komplexe Erzählung, verlaufen sich aber häufig. Regelmäßig wird vom Leben und Schicksalen in den Nordlanden berichtet, das ist interessant, geschieht aber unabhängig von der Rahmenerzählung und hemmt so den Erzählfluss. Im letzten Drittel verläuft die Handlung schließlich zielstrebiger einem logischen Höhepunkt entgegen. Leider fällt dieser etwas unspektakulär, aber überraschend aus. Das Ende schließt befriedigend ab, Kay lässt keine aufgeworfenen Fragen unbeantwortet.
Fazit:
Stimmungsvolle historische Phantastik, mit vielschichtigen Handlungssträngen, die leider zu lose ein Ganzes formen und der Erzählung den Schwung nehmen. Trotzdem lohnt sich der Ausflug in die dunklen Gefilde - empfehlenswerter als viele andere Bücher im gleichen Genre. Erik der Rote würde für diese Lektüre das "Blutadlerritual" vollziehen.