Nichts ist unheimlicher als die Manifestation unserer individuellen Ängste. Dennoch ist gerade die Konfrontation mit ihnen unabdingbar, um selbige verarbeiten und besiegen zu können. Diese Tatsache macht sich Thomas Riedl in seinem Roman "Die 5. Fahrt" zunutze. Er entwickelt dabei ein Szenario, das mit archetypischen Urängsten spielt, die so manchem Leser nicht unbekannt sein dürften.
"Nightmare" nennt sich die neueste Attraktion im Vergnügungspark "World of Challenges". Diese spaltet sich in vier Fahrten, deren Schrecknisse sich allmählich in ihrer Intensität steigern und sich auf geniale Weise an den persönlichen Ängsten der Besucher orientieren. Betrieben wird sie von dem geheimnisvollen Inder Rahid Katalesch, der für sein cholerisch-aufbrausendes Temperament bekannt ist. Als der junge Student Marc Spencer hinter einer Tür mit der Aufschrift "5" eine weitere, noch nicht freigegebene Fahrt vermutet, wittert er die Chance, seiner Freundin als "Ersttester" zu imponieren und bricht kurzerhand in den Fahrbetrieb ein. Doch jenseits dieses Portals liegt nicht etwa eine neue künstliche Grusellandschaft, sondern sein eigenes Unterbewusstsein, in dem er schonungslos auf die Dinge trifft, denen er sonst im Leben auszuweichen bestrebt ist. Dabei stellt sich allmählich heraus, dass Katalesch einem spirituellen Orden angehört und hinter der verschlossenen Tür die heiligen Relikte dieser Gemeinschaft hütet. Doch damit nicht genug: Nachdem Marc nur unter Mühen wieder an die "bewusste Oberfläche" gelangt, muss er entsetzt anerkennen, dass er die Schrecken aus den Abgründen seiner Gehirnwindungen mit in die reale Welt genommen hat.
Schon die Idee, Psychonautik mit einer Geisterbahnfahrt in Verbindung zu bringen, verdient äußerste Anerkennung. Das neugierige Öffnen bewusst verschlossener Tore bringt nicht selten Menschen um den Verstand. Dazu zählt nicht nur der unbedachte Umgang mit dem Okkulten, sondern auch das leichtfertige Experimentieren mit halluzinogenen Drogen. Beides führt bekanntermaßen zu psychedelischen Erfahrungen, und dass der Bahnbetreiber ein Inder und der Reisende ein Student ist, erzeugt unwillkürlich Assoziationen mit den sechziger und siebziger Jahren, aus denen ein Timothy Leary recht herzlich grüßen lässt.
Schwächen bietet das Buch hingegen in der nicht ganz ausgereiften Allgemeinbeschreibung der "fünften Welt" und im gelegentlich unglücklichen Wechsel der Erzählperspektive. Gemessen an der zu erwartenden Erfahrung (die Kurzvita spricht von der Liebe zum geschriebenen Wort bereits im Kindesalter) wimmelt auch die wörtliche Rede nur so von Klischeephrasen, und die Sätze wirken zum Teil wie nacherzählt statt gründlich entwickelt. Und dennoch lässt sich aus diesem vordergründigen Manko ein Vorteil konstruieren: Denn gerade diese Einfachheit macht das Werk zu einem flüssigen Lesevergnügen, das keine verschachtelten und unverständlichen Satzgebilde aufweist, sondern an jeder Stelle im wahrsten Wortsinn schnell auf den Punkt kommt. Der Storyfaden ist dabei sehr schlüssig gesponnen und erinnert beinahe an ein Computerspiel.
Der Leser, für den philosophische Gedankengänge und tiefgründige Vergleiche kein Muss darstellen, wird an Riedls Geisterbahnfahrt durch die menschlichen Ängste seine helle Freude haben. Gruselige Unterhaltung und kurzweilige Spannung sind hier garantiert.