Grossmann hat sich für ein Lager in der wieder aufflackernden Debatte um die "philosophia prima" entschieden und der Text ist durchgängig von dieser Entscheidung gefärbt. Grossmann nennt sein Lager das der "Ontologen" und stellt es in Gegensatz zum Lager der "Naturalisten" und baut in den ersten beiden Kapiteln der Abhandlung an den unterschiedlichen Auffassungen entlang eine Reihe zentraler Begriffe (Substanz, Eigenschaften, Kategorien, Realismus, Nominalismus etc.) der allgemeinen Metaphysik auf. Bedauerlich ist hier, dass es Grossmann wichtiger ist, gegen die naturalistische Perspektive zu punkten, als einen wirklichen Überblick über wenigstens die einflussreichsten Positionen zu dem jeweiligen Streitpunkt zu geben. So blendet Grossmann z. B. mehr als einmal naturalistische Positionen mit dem Argument des mangelnden Platzes aus, wenn er sie nicht gar ganz unerwähnt lässt. Nimmt man hinzu, dass einige Begriffe unkritisch verwendet werden -- was heißt "Existenz" inner- und außerhalb des Universums überhaupt? Was sind "Tatsachen"? -- und durch unzulässige Verallgemeinerungen Strohmänner aufgebaut werden -- so ist z. B. das "Axiom der Lokalisierung" an dem nach Grossmann einige naturalistische Positionen scheitern, keineswegs in allen naturalistischen Positionen akzeptiert -- so muss man erneut feststellen, dass Grossmann hier zwar einen interessanten Beitrag zur Debatte abliefert, aber dem Untertitel des Buches, "[e]ine Einführung in die Ontologie" zu leisten, nicht gerecht wird.
In den folgenden Kapiteln des Textes beschäftigt sich Grossmann mit der Entwicklung verschiedener Kategorien und damit einhergehender Probleme. Dies ist meiner Meinung nach ein besser gelungener Teil des Buches, auch wenn auch hier die Lagerzugehörigkeit des Autors klar durchscheint. Erfreulicherweise, wenn auch viel zu spät in der Systematik des Buches, wird hier auch der Versuch unternommen einigen Begriffen, die in den ersten beiden Kapiteln unkritisch verwendet wurden, eine Bedeutung zu geben. Hier wird auch ersichtlich, warum Grossmann zunächst auf eine genauere Festlegung verzichtet hat -- unproblematisch sind die Begriffe nämlich nicht und Grossmann muss sich einige Mühe geben, seine Argumentation um einige Fallstricke herum zu manövrieren.
Literarisch ist der Text klar als Essay einzuordnen. Es handelt sich offensichtlich um ein Meinungsstück und der Autor verzichtet entsprechend auf rigorose Quellenangaben. Mir spricht das zu, ich bevorzuge diesen monographisch angelegten Gedankenaustausch vor den heute üblicheren, kurzen Artikeln in Fachzeitschriften. Allerdings sollte das Kind auch beim Namen genannt werden, denn wer dieses Buch als Einführung in die Debatte kauft, wird enttäuscht werden.
Wenden wir uns nun der Präsentation zu. Das Buch ist in einfacher Leimbindung mit dünnem, beschichtetem Pappeinband ausgeführt. Die Verarbeitung ist gut, aber bereits einmaliges Durchlesen hinterlässt den Einband in einem leicht gewölbten Zustand. Es besteht jedoch keine Gefahr, dass das Buch bald in seine Einzelteile zerfällt.
Die Übersetzung ist leider nur als Mittelmaß zu bezeichnen, obwohl einige Begriffsverwirrungen natürlich auch Grossmann selber anzurechnen sein könnten. Aber insbesondere kritisierungswürdig ist die (leider immer häufiger anzutreffende) Entscheidung, deutsche Originale, die von Grossmann ins Englische übersetzt wurden, aus der englischen Übersetzung zurück ins Deutsche zu übersetzen, anstatt die deutschen Originalstellen zu finden und zu zitieren. Das ist einfach faul. So muss man leider einen leichten "Stille Post" Effekt beobachten.
Ich würde an anderer Stelle auch englische Originalzitate vorziehen, aber da gibt es sicher andere Meinungen.
Unverzeihlich ist aber die schlechte Lektoratsarbeit. Der Text strotzt nur so vor Rechtschreib-, Grammatik- und Satzfehlern. Hat das denn niemand mehr Korrekturgelesen, nachdem Herr Hüntelmann seine Übersetzung abgeliefert hat? Hat denn niemand mehr die Satzfahnen begutachtet? Ist ja fürchterlich! Der lieblose Satz in MS Word mit billigen Font ist heutzutage ja schon fast normal und soll nur erwähnt werden, weil es mich so sehr aufregt.
Abschließend und zusammenfassend beurteile ich den *Inhalt* des Buches mit drei Sternen. Grossmanns Beitrag zur Debatte ist lesenswert für einen bereits informierten Leser, aber als Einführung ist es zu einseitig aufgestellt. Nehmen wir das Buch als *Gesamtprodukt*, so rechtfertigen die schlechte Lektoratsleistung und die unglückliche Entscheidung, Stille Post zu spielen, einen Punktabzug. So kann ich dem Buch nur zwei Sterne geben.