Die junge Etruskerin Larthi lebt in einer bewegten Zeit (um 500 v. Chr.): Macht und Glanz der Etrusker haben ihren Zenit überschritten, Griechen und Karthager machen ihnen zunehmend die Seeherrschaft streitig, in Rom wird die etruskische Tarquinier-Dynastie gestürzt. Auch in ihrer eigenen Stadt Casri (Cerveteri) muss Larthi, kaum hat sie in das dortige Königshaus eingeheiratet, erleben, wie ein Mann ohne Vorfahren die Adelsherrschaft stürzt und selbst die Macht ergreift; Larthis Mann muss ins Exil, und Larthis Vater, ein Augur, ahnt, dass all das nur ein Anfang ist, der Anfang vom Ende des saeculum der Etrusker.
Kenntnisreich und mit viel Liebe zum Detail erzählt die Etruskologin S. Haynes Larthis Geschichte. Wer das etruskische Italien bereist hat, wird vieles wiedererkennen: Bronzespiegel und cistae, die Wandmalereien in den Grabhügeln, Keramiken aus Attika und einheimische Bucchero-Keramik - alles, was man heute im Museum bestaunen kann, kommt irgendwie vor. Und zahlreiche Feste werden geschildert: Sportfest, Hochzeit, Dank- und Bittopfer, Totenfeier, wobei auch das düstere Phersu-"Spiel" nicht vergessen wird. Auch die etruskische Landschaft wird lebendig. Gut dargestellt ist, wie das gesamte Alltagsleben wie selbstverständlich von Religion durchdrungen ist: Ob die Schwarzfeige im Garten wächst, ob einem beim Waffentanz die Mütze herunterfällt, beinah alles kann ein gutes oder schlechtes Vorzeichen sein - und Larthis Vater, der Priester, ist ständig damit beschäftigt, solche Dinge zu entdecken und die entsprechenden religiösen Gegenmaßnahmen einzuleiten.
Als Roman liest sich das Buch aber leider doch eher zäh. Wie gesagt, lebt Larthi in einer aufregenden Zeit - aber was auch passiert, es scheint gleichsam wie durch einen Schalldämpfer bei ihr anzukommen: Alltag spielt eine größere Rolle als Politik, Gegenstände und Rituale werden liebevoller geschildert als Charaktere und Beziehungen. So erfährt man mehr über die wunderbare Gold-Türkis-Kette, die Larthi geschenkt bekommt, oder über die Zahnbehandlung ihres Onkels, als über die Politik Porsennas oder über die Motive einer gewissen Person, die den Sturz des Königshauses in Casri mit herbeiführt - die Erklärungen solcher Dinge ähneln dann teils eher einer Seite im Geschichtsbuch.
Fazit: Ein durchaus angenehm zu lesendes, nicht uncharmantes Buch für alle, die sich für die Etrusker und für das Ende des 6. Jh. v. Chr. in Italien interessieren (eine Epoche, über die es sonst m.W. überhaupt keine Romane gibt) und die beispielsweise auch Sachbücher mit Titeln wie "Leben und Götter der Etrusker" in die Hand nehmen würden. Oder die vielleicht eine Toscana-Latium-Reise planen und dabei auch die Ausgrabungsstätten und archäologischen Museen nicht links liegen lassen. Wer sich hingegen eher für die Handlung interessiert und eine mitreißende Story, abenteuerliche Verwicklungen oder faszinierende Charaktere erwartet, dem muss man leider raten: Finger weg.
Die vier (eher: dreieinhalb) Sterne gibt es für die Sachkenntnis, mit der das Buch geschrieben ist.