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Die Ethnographie popularer Kulturen: Eine Einführung (Uni-Taschenbücher M)
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am 6. Juli 2009
Bernd Jürgen Warneken: Die Ethnographie popularer Kulturen. Eine Einführung. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag, 2006. 409 S. m- 21 Schwarzweiß-Abb. ISBN 978-3-205-77517-1. Brosch. EUR 24,90.

Der Verf. ist ein in Fachkreisen renommierter kulturwissenschaftlicher Forscher und Theoretiker, der als Vertreter des Tübinger Ludwig Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft seit Jahrzehnten Publikationen zum Gegenstandsbereich des Titels verantwortet. Erinnert sei beispielhaft an die Untersuchung Arbeitertübingen. Zur Geschichte der Arbeiterbewegung in einer Universitätsstadt, die bereits 1980 erschienen ist und bundesweit Aufmerksamkeit erregt hat. Anders als damals hat er diesmal aber nicht eine Forschungsgruppe (an)geleitet - der auch der Rezensent angehörte -, sondern eine Forschungsarbeit veröffentlicht, die eigenen Denk- und Forschungsanstrengungen entstammt - wie häufig seither. Ein Blick in seine umfangreiche Bibliographie zeigt dies:[...]
Der Titel meint hier - etwas vereinfacht gesagt - die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Kultur und Lebensweise unterer Sozial- und Bildungsschichten; ein Forschungsgegenstand, der in den letzten Jahrzehnten aufgrund des Niedergangs der einst stolzen Organisationen der Arbeiterbewegung nicht gerade an Popularität gewonnen hat - und von daher besondere Aufmerksamkeit verdient.
Aus der Sicht des gegenwärtig Forschenden konstruiert der Verf. drei Leitmotive, die die historischen Perspektivenwechsel ethnographischer Forschung und Theoriebildung charakterisieren: Primitivität, Kreativität, Widerständigkeit. Diese Leitmotive gliedern auch wesentlich das vorliegende Werk.
Anders als heute war der Begriff Primitivität etwa in Zeiten des Kaiserreiches nicht nur negativ konnotiert, sondern war durchaus als Rettung nationaler Volkskultur positiv angelegt - nicht nur im Interesse der Herrschenden, sondern auch im Sinne der Untersuchten!. Hier legt der Verf zahlreiche Arbeiten deutschsprachiger Volkskundler/innen frei, die seither in kaum einer Geschichte des Faches Erwähnung fanden. Welche/r Fachvertreter/in kennt etwa die Namen Elisabeth LEMKE, Friedrich SALOMON KRAUSS oder Marie ANDREE-EYSN?
Allein ihre Arbeiten dem Publikum bekannt gemacht zu haben, ist ein wichtiges Verdienst dieses Werkes.
Bedenkenswert ist auch der Hinweis auf die transnationale und interkulturelle Orientierung der volkskundlichen Forschung während der Kaiserzeit, die den Verf. die Mahnung formulieren lässt: Die neue, unter dem anspruchsvollen Namen Europäische Ethnologie segelnde Volkskunde muss noch viel tun, um diesen Grad an transnationaler Kompetenz wieder zu erreichen.
Der Blick auf die Kreativität popularer Kulturen konzentriert sich auf die Kreativität des Notbehelfs, wobei der Verf. das von LEVI-STRAUSS entwickelte Modell der Bricolage zugrunde legt.
Ein kleines - aber feines - Kapitel widmet der Verf. auch dem äußerst aktuellen Thema "MigrantInnen als InnovatorInnen".
Hier referiert er zahlreiche Studien, die sehr differenzierte Bilder v.a. zum weit verbreiteten Topos der angstbesetzten (Re-)Islamisierung türkisch- und arabischstämmiger Immigrant/innen zeichnen. Werner SCHIFFAUERS ebenso bedeutenden wie wenig bekannten Feldstudien macht er seiner Leserschaft vertraut. So wird etwa die überraschende Erkenntnis formuliert, dass die Hinwendung türkischer Frauen zum Islam und zum selbständigen Koranstudium deren Selbstbewusstsein und ihre Stellung in der Familie und in der männerbeherrschten Welt der Immigrantenkultur stärken könne, von daher ein Akt weiblicher Emanzipation sei.
Unterschichtliche Formen von Widerstand, Verweigerung und Selbstbehauptung sichtet der Verf. unter dem Leitmotiv Widerständigkeit. Bei aller Sympathie für widerständiges Handeln, seien es etwa Wilderei, Holzdiebstahl, kollektiver politischer Protest, feministische Emanzipationsaktionen, Sabotage im modernen Büro, jugendliche Subkultur, reflektiert der Verf. immer die Gefahr romantischer Verklärung. Und er klammert die bedenklichen rassistischen und antifeministischen Aspekte mancher Erscheinungsformen unterschichtlicher Subkulturen nicht aus.
Dass er die wegweisenden Forschungen der britischen Cultural Studies äußerst kenntnisreich und kritisch referiert, versteht sich von selbst.
Charakteristisch für das gesamte Werk ist die Haltung des Verf., die er ethnologischen Respekt nennt, eine eher sympathisierende, partnerschaftliche und nicht erzieherische Haltung gegenüber seinen Forschungsobjekten, die freilich immer von hoher Selbstreflexivität geprägt ist..
Für alle historisch wie kulturwissenschaftlich Interessierten - seien sie vom Fach, oder aus den weniger erkenntnis-, als vielmehr handlungs- und wirkungsorientierten Fächern Pädagogik, Publizistik und Politik - bietet dieses Werk in jedem Kapitel äußerst interessante Hinweise auf alltagskulturelle Phänomene und deren Bedeutung für ein gelingendes Miteinander. Das Werk ist in jeder Hinsicht eine lohnende Lektüre - und weit mehr als eine Einführung!
Hartmut Boger, vhs Wiesbaden
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