Dieses Buch ist eine Einführung in den Libertarianismus. Der Libertarianismus ist eine Umsetzung des Naturrechts in die Praxis. Wie man sieht, hat das Naturrecht eine lange Tradition; es wurde schon von den mittelalterlichen Scholastikern befürwortet und fand über die Aufklärung ihren Weg in die USA. Naturrecht bedeutet, dass diese natürlichen Rechte für jeden Menschen gelten und sich deshalb auch die Regierung daran halten muss. Es gibt nur vier fundamentale Rechte, die sich jedoch alle auf das Recht auf Privateigentum (an Sachen und der eigenen Person) zurück führen lassen:
1. Leben
2. Freiheit
3. Eigentum
4. Streben nach Glück
Der Autor zeigt an Hand von Beispielen, was damit gemeint ist. Freiheit in Form von Pressefreiheit bedeutet, dass ich von der staatlichen Zensur unbehelligt einen Verlag gründen darf, der meine Bücher oder Zeitungen druckt. Redefreiheit bedeutet, dass ich auf meinem Privatgrundstück meine Meinung äußern darf. Konflikte entstehen dort, wo klare Eigentumsrechte fehlen: Zählen bei einem Antrag auf eine Demonstration auf einer öffentlichen (staatlichen) Straße die Rechte der Anwohner mehr als die Rechte der Demonstranten (oder umgekehrt)? Bei einer privaten Straße ist klar, dass dies deren Eigentümer entscheidet.
Aus dem Naturrecht ergeben sich eine Reihe von Konsequenzen für die Gesellschaft, z. B. für Erziehung, Ethik und Moral. Diese werden im Buch anschaulich dargestellt. Freiheit und Verantwortlichkeit benötigen insbesondere eine freie Marktwirtschaft, damit sie auch umgesetzt werden können.
Die wichtigsten Konsequenzen ergeben sich im Bereich der Justiz: Der Autor plädiert hier für die Abschaffung des Staates und empfiehlt konkurrierende Gerichte. Dafür gibt er u. a. folgende Gründe an:
- im mittelalterlichen Frankreich gab es konkurrierende Gerichte, z. B. von Adel, Kirche und Kaufleuten
- irische Könige waren Versicherungen gegen Verbrechen; sie schossen dem Geschädigten eine Summe vor und trieben sie dann vom Schuldner / Gesetzesbrecher ein
- das irische Gerichtswesen war anarchistisch
- besonders in England wurden Gerichtsverfahren früher durch zuvor fest gelegte Vertragsstrafen überflüssig gemacht
Wie der Autor zeigt, hatte die Übernahme der Justiz durch den Staat zur Folge, dass die Entschädigungen statt an die Opfer vermehrt an den Staat selbst flossen. Er tritt deshalb für das bewährte Prinzip der "Restitution" ein: Gesetzesbrecher zahlen dem Opfer (oder dessen Vertreter im Falle von Mord) eine Wiedergutmachung und eine Strafe. Das ist einfach und gerecht.
Den bekannten libertären Forderungen nach einem "Minimalstaat", der nur Justiz, Innere Sicherheit und Verteidigung bietet, wird eine Absage erteilt. Dessen Entstehung sei im Gegensatz zu Nozick: "Anarchie, Staat, Utopia" nicht ohne Verletzung der natürlichen Rechte der Menschen möglich. Wenn der Staat das Gewaltmonopol habe, schränke das die Freiheit der Menschen ein (sie können Rechtsfragen z. B. nicht von einem eigenen Gericht entscheiden lassen). Wenn das Gewaltmonopol des Minimalstaats jedoch gelockert würde, so würde sich ein anarchistischer Zustand entwickeln, nämlich der "Anarchokapitalismus". Nur dieser Zustand des staatslosen Kapitalismus sei mit dem Naturrecht vereinbar. Nicht staatliche Organisationen wie Städte, Kirchen und Vereine würden bestehen bleiben. Für die Freiheit seien die Zeiten des schwachen Staates am förderlichsten gewesen. Dabei erinnert er u. a. an die norditalienischen Städte im Hochmittelalter und an die Situation in den Niederlanden zu Beginn der Neuzeit.
Mir hat das Buch gut gefallen. Ich kann es jedem empfehlen, der eine Einführung in den Libertarianismus benötigt. Die Konsequenzen, die sich aus dem Naturrecht ergeben, werden glasklar dargestellt. Ich bleibe jedoch beim Ziel des Minimalstaats, auch wenn er sich als ein Zwischenziel heraus stellen sollte. Eine Gesellschaft ohne Regierung wird man den meisten Menschen nicht vermitteln können. (Hinweis: Ich habe die amerikanische Originalausgabe "The Ethics of Liberty" gelesen.)