Es ist die Geschichte eines jungen Mannes aus der Provinz, der nach Paris kommt und es dort zu nichts bringt, weder in der Liebe noch in der Politik noch im Beruf. Dieser Frédéric Moreau taumelt durch das vor- und nachrevolutionäre Geschehen der 48er Jahre in der Hauptstadt - getrieben von einer großen, sich nie erfüllenden Liebe zu Madame Arnoux zu einer verheirateten Frau. Flaubert nutzt diese Gestalt und die anderen Hauptfiguren des Buches, den armen Schulfreund Moreaus, seine Mätresse, den Gatten der von ihm Geliebten, ein junges Provinz-Mädchen, das Moreau liebt, eine Bankiersfrau, die Moreau fast heiratet, um ein Tableau der gesellschaftlichen Verhältnisse in Paris zu malen. Das ist mit so großer Stilsicherheit gestaltet, dass es ein riesiges Vergnügen ist, diesen Roman zu lesen. Wie es Flaubert gelingt, bei all seinen Hauptakteuren ein Gefühl von Ambivalenz beim Leser hvorzurufen: Moreau ist nicht nur ein junger Hohlkopf sondern auch ein mitfühlender Mensch, Monsieur Arnoux ist nicht nur ein Bankrotteur und Schürzenjäger, sondern auch ein liebender Ehemann usw. Gegenüber diesen Hauptfiguren sind die Nebengestalten geschickt auf erkennbare Haupteigenschaften (z.B. Senechal als hartherziger Revolutionär) konzentriert. Flaubert schildert die Feste und die Strassenschlachten, die revolutionären Versammlungen und die Zusammentreffen der Bourgoisie mit einem realistischden Pessimismus. Dazwischen finden sich ungemein komisch groteske Passagen - etwa die Stelle, in der zwei "Helden" durch einen übertrieben aktiven Sekundanten, in ein nicht mehr gewünschtes Duell getrieben werden; eine satirische Antwort auf die ernsthafte Behandlung desselben Sujets im Eugen Onegin von Puschkin. Und schließlicnh die Sprache Flauberts! Hier findet man eine der schönsten Naturbeschreibungen der Weltliteratur an der Stelle, wo Moreau mit seiner Mätresse sich vor der Revolution nach Fontainebleau in Sicherheit bringt (S. 391).
Ein Wort zu den Übersetzungen: Von denen, die mir bekannt sind, ist die hier vorliegende die sprachlich schönste, die auch am textgenauesten ist. Dafür ein Beispiel an einer auch sprachlich wunderschönen Stelle:
"Sie wurde schließlich ihrer Rolle untreu, denn sie wurde seriös und stellte vor dem Schlafengehen stets ein wenig Melancholie zur Schau, so wie an den Türen einer Kneipe Zypressen stehen. (S. 469)
Bei Insel überträgt Paul Wiegler, wie folgt: "Sie log sich in ihre Rolle hinein; denn sie wurde ernst und zeigte sogar, bevor sie mit ihm schlief, ein bißchen Melancholie, so wie düstre Zypressen an der Tür einer Weinschenke stehen." Davon dass sie "sich in eine Rolle hineinlog" oder "mit ihm schlief" steht bei Flaubert nichts, das ist Interpretation des Übersetzers - eine Schwäche, der Wiegler an zahlreichen anderen Stellen ebenfalls erliegt.
Ein bisschen altbacken kommt Rheinhardt daher, bei ihm heißt es: "Schließlich aber wurde sie ihrer Rolle untreu, denn sie wurde ernst und ließ sogar vor dem Schlafengehen immer ein bißchen Schwermut merken, die dann wie Zypressen wor der Tür einer Schenke wirkte."